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DISPUT

E-Autos schaden dem Klima

Die Autokonzerne missbrauchen die Elektromobilität, um Flottengrenzwerte und CO2-Emissionen kleinzurechnen

Von Sabine Leidig

Unter der Überschrift »Voll unter Strom – die deutschen Hersteller investieren Milliarden in die Elektrifizierung ihrer Flotten« schreibt der Autotester Friedhelm Greis in der Bundestagszeitung DAS PARLAMENT (März 2019) über die vielfältigen Probleme, die es mit der so genannten Elektromobilität gibt: fehlende Ladeinfrastruktur, hoher Preis, niedrige Reichweiten, kritische Batterieproduktion. Dabei böten Elektroautos »gerade für Hersteller von schweren Oberklassewagen« die Möglichkeit, »die immer strenger werdenden Flottengrenzwerte einzuhalten und hohe Strafzahlungen zu verhindern«, resümiert Greis.

Damit ist ein wesentliches Argument gegen die »Verkehrswende« à la VW, BMW, Daimler & Co bereits genannt: Die Auto-Konzerne lassen sich so ihr profitabelstes Geschäftsfeld SUV sauber rechnen. Der zerstörerische Trend zu schweren, ressourcenfressenden PKW in unseren Städten wird damit fortgesetzt. 2010 waren bereits 10 Prozent aller Neuzulassungen SUV, heute sind es rund 25 Prozent – Tendenz steigend und gefördert durch das Dienstwagenprivileg. Die Bundesregierung lässt nämlich Elektroautos nicht mit ihrer realen CO2-Emission, sondern mit einer angeblichen »Null-Emission« in die Berechnung des Flottenverbrauchs eingehen. So kompensiert ein E-Auto fünf große Modelle mit Verbrennungsmotor, welche die (ohnehin zu hoch angesetzten) CO2-Grenzwerte überschreiten. Die Autokonzerne sparen auf diese Weise Milliarden Strafzahlungen und vergrößern den klimaschädlichen Verkehr. Denn tatsächlich liegen derzeit die von Elektroautos verursachten CO2-Emissionen ungefähr auf gleicher Höhe wie bei durchschnittlichen Benzin- und Diesel-PKW. Diese stoßen sie zwar nicht durch den Auspuff aus, aber es werden bei der Herstellung nicht weniger Ressourcen verbraucht und es entstehen bei der Stromerzeugung Emissionen, die ihnen zugeschrieben werden müssen. Durch Elektroautos nehmen die CO2-Emissionen nicht ab, sondern zu. So lange nicht ausschließlich regenerativer Strom aus der Steckdose kommt, führt jeder Mehrverbrauch von Elektrizität zur Verlängerung der Laufzeiten von Kohle- oder Gaskraftwerken.

Ein weiteres Problem ist das Verhalten der Nutzer*innen: Fast 60 Prozent der Elektroautos in Deutschland sind zusätzlich angeschafft worden – als Zweit- oder Drittwagen. Und weil die Anschaffungskosten höher, aber die Fixkosten minimal sind und das ökologische Gewissen beruhigt wird, werden sie häufiger gefahren. Dieser Effekt wurde zuerst in Norwegen beobachtet. Dort sind inzwischen rund ein Viertel der Neuwagen batteriegetrieben. Der Vorher-Nachher-Vergleich zeigt: Nach Anschaffung eines Elektroautos ging die Nutzung des ÖPNV bei den Fahrten zur Arbeit um über 80 Prozent zurück. Kurz: Unter den gegebenen Bedingungen stabilisieren Elektroautos die Autogesellschaft, die Macht der Konzerne und sozialökologisch ungerechte Verkehrsverhältnisse.

Wir brauchen stattdessen Mobilität für alle – mit deutlich weniger Verkehr: Eisenbahnen, Straßenbahnen und Oberleitungs-Bussysteme verkörpern Elektromobilität, die allen nützt. Die Stromzufuhr kommt ohne aufwändige Batterietechnologie aus. Auch E-Bikes sind sinnvoll. Klimagerechtigkeit kann es nur geben, wenn wir die Normalität des motorisierten Individualverkehrs überwinden. Dann können auch Elektroautos eine sinnvolle Rolle spielen: für den Restbedarf, also für Menschen mit Gehbehinderung, für Pflegedienste, Handwerker oder Taxen und Car-Sharing.  

Sabine Leidig ist verkehrspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag

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