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DISPUT

Wirklich so dramatisch

Herr Reisch, Sie sind Kapitän des Seenotrettungsschiffs »Lifeline«, das im Juni mit 235 Migranten an Bord über das Mittelmeer irrte, weil sich mehrere Länder weigerten, die Flüchtlinge aufzunehmen. Kürzlich haben Sieversucht, Außenminister Heiko Maas an dessen Berliner Dienstsitz aufzusuchen. Was wollten sie damit bezwecken?

Ich würde Herrn Maas gerne erläutern, wie dramatisch die Situation vor der libyschen Küste ist. Damit er das von einem Augenzeugen hört. Ich hatte ihm einen Brief mitgebracht und Auszüge aus meinem Logbuch sowie einige plakative Bilder, die auf den verschiedenen Missionen entstanden sind. Leider habe ich ihn nicht angetroffen.

Sie sind derzeit in Deutschland, müssten aber eigentlich mit der »Lifeline« auf dem Mittelmeer unterwegs sein. Doch Maltas Regierung hat Ihr Schiff beschlagnahmt. Erwarten Sie sich Hilfe vom Auswärtigen Amt?

Eigentlich schon, denn die »Lifeline« liegt derzeit in einem abgesperrten Bereich des Hafens von Valetta und darf nicht auslaufen, weil es als Beweismittel für das Verfahren gegen mich beschlagnahmt wurde. Ich fühle mich dieser Willkür hilflos ausgeliefert. Man muss sich das mal vor Augen führen: Hier wird von Staats wegen verhindert, dass wir Menschenleben retten. Es ist ja auch nicht so, dass keine Flüchtlingsschiffe­ mehr von Libyen aus in See stechen. Wir wissen aus libyschen Berichten, dass die dortige Küstenwache immer noch Geflüchtete zurückbringt, es ist von Unfällen und vielen Toten die Rede. Es muss dort gerade ganz furchtbar zugehen. Doch durch die Blockade unserer Schiffe wird quasi der Vorhang vor dieses Drama gezogen.

Es gibt also keine Unterstützung von der Bundesregierung?

Es würde mich brennend interessieren, was die Regierung für mich tut. Die deutsche Botschafterin auf Malta ist sehr nett und hat sich zwei Stunden Zeit genommen für mich und mein Anliegen. Die Geschäftsführerin der Botschaft ist bei jedem Verhandlungstermin dabei. Davon abgesehen, kann ich keine Bemühungen erkennen.

Malta will Ihnen den Prozess machen. Angeblich haben sie das Schiff ohne ordnungsgemäße Registrierung in maltesische Gewässer gesteuert …

Da wird mutwillig etwas hineininterpretiert. Wir haben ein Zertifikat des Königlich Holländischen Wassersportverbandes, bei dem wir das Boot registriert haben. So ein Zertifikat haben übrigens 25.000 Schiffe. Da steht eindeutig drin: »Flagge Holländisch, Heimathafen Amsterdam«. Das Zertifikat ist auch noch ein Jahr lang gültig. Man behindert mutwillig unsere Arbeit. Das betrifft ja nicht nur uns, sondern auch die anderen Rettungsschiffe, die ebenfalls nicht mehr auslaufen dürfen. Das Beobachtungsflugzeug »Moonbird«, das von der Evangelischen Kirche Deutschland finanziert wird, erhält einfach keine Starterlaubnis mehr.

Nicht nur die italienische Regierung wirft Ihnen Schlepperei und Menschenhandel vor. Von wem erfahren Sie eigentlich, dass Flüchtlinge in Seenot sind? Rufen die Schlepper bei Ihnen an und geben entsprechende Hinweise?

Im Gegenteil: Wir arbeiten mit offiziellen Stellen zusammen. So gibt es immer noch Suchflugzeuge, zum anderen Sichtungen der EUNAVFOR MED-Mission »Sophia«, die von der Europäischen Union betrieben wird. Dann bekommen wir einen Anruf von der MRCC-Seenotleitstelle für das zentrale Mittelmeer. Die geben uns dann die Position, den Kurs und manchmal auch die Geschwindigkeit des Bootes durch, das wir dann suchen sollen. Manchmal entdecken wir die Schiffe auch selbst. Wir haben tagsüber immer vier bis fünf Personen mit Ferngläsern im Ausguck. Nachts suchen wir mit unserem Hochleistungsradargerät.

Sie bekommen also die Position, erreichen den Zielort. Was sehen Sie dort? Ist es tatsächlich so, dass da verzweifelte Menschen in einem Schlauchboot um ihr Leben kämpfen?

Es ist oft wirklich so dramatisch. Denn mit den Schlauchbooten, in denen die Geflüchteten unterwegs sind, würde ich nicht mal über einen oberbayrischen See fahren. Das sind einfach nur zusammengeklebte LKW-Planen. Oft ist es so, dass mindestens eine der Kammern leckt. Dann müssen die Menschen die Bordwand an dieser Stelle mit ihren Händen hochhalten. Gelingt ihnen das nicht, sackt das Boot an dieser Stelle ab. Dann rutschen die Menschen ins Wasser. Sie können oft nicht schwimmen, haben auch keine Schwimmwesten und sterben dann in Regel.

Aber auf den Fotos, die uns die Medien hier präsentieren, tragen die geretteten Flüchtlingen meistens eine Schwimmweste …

Eine solche Weste kostet in Libyen 100 Dollar. Das Geld haben die Leute nicht. Wenn sie auf den Bildern die Flüchtlinge mit Schwimmwesten sehen, dann sind diese von uns. Unmittelbar nach Ankunft am Flüchtlingsboot verteilen wir Schwimmwesten. Dafür setzen wir unser eigenes Schlauchboot aus, beladen es mit hundert Schwimmwesten und zehn Kinderwesten. Dann fahren wir einen Kreis um das Boot und demonstrieren, wie man eine Schwimmweste anlegt. Dann fragen wir, wie viele Leute an Bord sind, ob es medizinische Notfälle gibt und wo sie losgefahren sind. Wir haben Leute, die haben mehr als 20 Missionen hinter sich. Die wissen, wie sie die Leute ansprechen müssen und worauf es ankommt. Die libysche Küstenwache hingegen, mit der die EU zusammenarbeitet, fährt mit ihren großen Stahlbooten direkt an die fragilen Holz- oder Schlauchboote ran. Da gibt es oft Unfälle.

Wie lange sind diese Menschen denn auf See?

Manchmal retten wir sie schon nach 12 Stunden. Bei meiner letzten Mission, als wir 235 Menschen aufgenommen hatten, waren diese zum Zeitpunkt der Rettung schon drei Tage unterwegs. Das klingt jetzt nicht so dramatisch, doch es gibt keine Toilette an Bord und kein Trinkwasser. Über sich haben diese Menschen nur den blauen Himmel und unter sich das tiefblaue Meer.

Wissen Sie, wie vielen Menschen Sie das Leben gerettet haben?

Nein, ich führe da keine persönliche Statistik. Das Schiff »Lifeline« jedoch, das früher »Seawatch 2« hieß, hat insgesamt wohl über 20.000 Menschen gerettet.

Wie kam es eigentlich, dass Sie als ehemaliger bayerischer Unternehmer Kapitän eines Rettungsschiffs wurden?

Ich bin an der Küste des Starnberger­ Sees groß geworden. Habe mich durch alle deutschen Sportbootscheine nach oben gehangelt und jetzt den Sportseeschifferschein, der auch für die gewerbliche Ausbildung geeignet ist. Mit diesem Patent darf ich die »Lifeline« als Kapitän führen. Mit dem Thema in Berührung kam ich erstmals 2015, als ich mit meinem eigenen Boot von Italien nach Griechenland gesegelt bin und mich fragte, was ich machen würde, wenn wir auf ein Flüchtlingsschlauchboot treffen. Das ließ mich nicht mehr los. Da ich meine Firma vor neun Jahren verkauft hatte, also Zeit habe und finanziell unabhängig bin, bewarb ich mich schließlich bei einer NGO. Im April 2017 hatte ich dann meine erste Mission als Kapitän.

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