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Disput

Auf dem Dach die rote Fahne

Von Ronald Friedmann

Mitte April 1945 war das Ende des »Dritten Reiches« nur noch eine Frage von wenigen Tagen. Sowjetische Truppen näherten sich unaufhaltsam der deutschen Reichshauptstadt, Berlin wurde zum unmittelbaren Kampfgebiet.

Zu diesem Zeitpunkt war das Karl-Liebknecht-Haus noch weitgehend unbeschädigt. Das war erstaunlich, denn die Gegend um den Alexanderplatz war in den vorangegangenen Jahren immer wieder das Ziel massiver anglo-amerikanischer Bombenangriffe gewesen - der letzte große Angriff hatte am 28. März 1945 stattgefunden. Das Gebäude der Volksbühne war bereits im Dezember 1943 so schwer beschädigt worden, dass im Januar 1944 der Spielbetrieb endgültig eingestellt und das Gebäude selbst geschlossen werden musste. Doch im benachbarten Karl-Liebknecht-Haus, nur wenige Dutzend Meter von der Volksbühne entfernt, wo sich seit 1933 faschistische Behörden breitgemacht hatten, wurde weiterhin Dienst verrichtet.

Am 21. April 1945 erreichten die sowjetischen Truppen bei Marzahn die Berliner Stadtgrenze, am 25. April 1945 war Berlin vollständig eingekesselt. Auf einem Streifen von Karlshorst über das Kraftwerk Klingenberg und den Schlesischen Bahnhof (heute Ostbahnhof) kämpfte sich die 89. Gardeschützendivision unter Generalmajor Michail Serjugin in Richtung Alexanderplatz vor. Sie handelte im Bestand der berühmten 5. Stoßarmee unter Generaloberst Nikolai Bersarin, dem späteren ersten sowjetischen Stadtkommandanten Berlins. Angehörige dieser 89. Gardeschützendivision waren es, die am 24. April 1945 nach schweren Kämpfen das Karl-Liebknecht-Haus befreiten und gegen 16 Uhr voller Stolz eine rote Fahne auf dem Dach hissten.

Fjodor Bokow, der in den letzten Kriegstagen Mitglied des Kriegsrates der 5. Stoßarmee war und unmittelbar nach dem Krieg eine maßgebliche Rolle in der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland spielte, berichtete über die Befreiung des Karl-Liebknecht-Hauses in seinen Erinnerungen, die unter dem Titel »Frühjahr des Sieges und der Befreiung« 1979 in der DDR erschienen: »Schon während der Kämpfe um den Schlesischen Bahnhof hatte sich [… ein deutscher Kommunist] beim Politstellvertreter des 273. Gardeschützenregiments, Gardeoberstleutnant M. A. Glagoljew, gemeldet und ihm mitgeteilt, daß sich unweit der Kleinen Alexanderstraße, am U-Bahnhof Bülow-Platz, das ehemalige Gebäude des ZK der KPD befinde. Dort hätten […] Ernst Thälmann und auch die Redaktion des Zentralorgans der KPD ›Die Rote Fahne‹ gearbeitet. Der alte Mann zeichnete dem Politstellvertreter den Weg von der Georgenkirchstraße, wo das Gespräch stattfand, bis zu diesem Haus auf. Oberstleutnant Glagoljew benachrichtigte sofort Oberst P. Ch. Gordijenko von der Politabteilung. Dieser überlegte einen Moment und sagte dann: ›Genosse Glagoljew, teilen Sie den Artilleristen unverzüglich mit, um welches Haus es sich handelt. Es soll weitestgehend unzerstört bleiben. Sobald die Faschisten vertrieben sind, hat eine rote Fahne auf dem Dach zu flattern.‹«

»Ein paar Stunden später«, so der weitere Bericht von Fjodor Bokow, »stürmten die Gardisten des 273. Gardeschützenregiments die Häuser am Bülow-Platz (heute Rosa-Luxemburg-Platz). Nach einem kurzen, aber heftigen Gefecht drang die von Gardeoberstleutnant Glagoljew […] geführte Sturmgruppe in das Karl-Liebknecht-Haus ein und hisste auf dem Dach eine rote Fahne. Doch die Freude über diesen Erfolg mischte sich schon wenig später mit Bitternis. Bei einem der letzten Gefechte in Berlin fand Gardeoberstleutnant Glagoljew den Tod. Schweren Herzens gaben wir unserem Kampfgefährten das letzte Geleit.«

Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass Gardeoberstleutnant Glagoljew nicht in einem Gefecht starb, sondern in der Nacht vom 24. zum 25. April 1945 im eben befreiten Karl-Liebknecht-Haus: Nach verschiedenen Berichten hatten SA-Angehörige, denen die symbolische Bedeutung der ehemaligen KPD-Zentrale bewusst war, unmittelbar vor ihrer Vertreibung zahlreiche versteckte Ladungen, die mit Zeitzündern versehen waren, in mehreren Teilen des Hauses untergebracht. In der Begeisterung darüber, das Karl-Liebknecht-Haus befreit zu haben, versäumten die Soldaten unter dem Befehl von Gardeoberstleutnant Glagoljew wohl, nach Minen und anderen Sprengfallen zu suchen. Das wurde ihnen zum tödlichen Verhängnis. In der folgenden Nacht starben bei zahlreichen Explosionen etwa 25 sowjetische Soldaten, unter ihnen vermutlich Gardeoberstleutnant Glagoljew.

Große Teile des Karl-Liebknecht-Hauses wurden zerstört. Zwar blieb die tragende Konstruktion weitgehend erhalten, doch insbesondere in der Bartelstraße waren die Schäden so groß, dass buchstäblich ganze Teile des Hauses fehlten. Durch die Explosionen im Karl-Liebknecht-Haus wurden auch die Wohnhäuser in der Nachbarschaft in Mitleidenschaft gezogen. Drei Jahre blieb das Karl-Liebknecht-Haus eine Ruine, dann begann der Wiederaufbau, der sich bis 1950 hinzog.

Der Tod der sowjetischen Soldaten, die in der Nacht vom 24. zum 25. April 1945 im Karl-Liebknecht-Haus unter tragischen Umständen starben, spielte in der Gedenkpolitik der nachfolgenden Jahrzehnte keine Rolle.

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