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DISPUT

Keine mehr!

In der Bundesrepublik fehlen Tausende Plätze in Frauenhäusern – ein mitunter tödlicher Mangel, wie Studien belegen

Von Kersten Artus

Die diamantene Hochzeit ist ein Jubiläum, das zu Recht ein Grund zum Feiern ist. 60 Jahre Ehe – das erreichen nur 0,1 Prozent aller Paare. Welches die Geheimnisse einer glücklichen Ehe sind, fragen sich dennoch viele: Wie schafft man das bloß? Eine 56-Jährige Kölnerin stellt sich derzeit wahrscheinlich eine ganz andere Frage: Warum hatten sich meine Eltern nicht schon längst getrennt? Denn dann würde ihre Mutter noch leben. Laut Mordanklage wollte die 88-jährige ihren ein Jahr älteren Mann nach fast 60 Jahren wegen eines anderen verlassen. Da brachte er sie um. Die Tatwerkzeuge: Hammer und Küchenmesser. Sie verblutete. Der Fall ist keine Einzeltat und schon gar keine Ausnahme. Er ist – trotz des hohen Alters von Opfer und Täter – typisch. Das ergibt sich aus dem Gutachten über Gewalt in Paarbeziehungen von Monika Schröttle aus dem Jahr 2017. Sie stellt gleich eingangs fest: Auch in westlichen Demokratien gibt es ein sehr hohes Ausmaß von Gewalt gegen Frauen, welche insbesondere durch männliche Partner und Ex-Partner verübt wird. Sie sei Ausdruck fortbestehender Ungleichheiten und Hierarchien im Geschlechterverhältnis und ein maßgeblicher Hinderungsgrund für die volle Gleichstellung der Geschlechter auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Ökonomische, kulturelle und soziale Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern trügen zur Aufrechterhaltung ungleicher Machtverhältnisse zwischen Frauen und Männern bei.

Schröttle macht keinen Unterschied, wie alt Täter und Opfer sind, welcher Nationalität sie angehören und welchen Bildungsgrad sie haben. Gewalt gegen Frauen, insbesondere in Paarbeziehungen, gibt es in allen Milieus, Ethnien, Generationen. Ebenso ist sie eindeutig geschlechtsspezifisch. Und so wirkt es auch eher hilflos, wenn stereotyp gefragt wird: Und was ist mit Gewalt gegen Männer durch ihre Partnerinnen? Gewalt ist die größte Gesundheitsgefährdung für Frauen. Männer verhalten sich hingegen gesundheitsgefährdender und risikoreicher – etwa durch ihren Alkohol- und Drogenkonsum, Suizide oder gefährliche Arbeitsplätze. Wer demnach Gewalt gegen Frauen mit der Gewalt gegen Männer vergleicht, relativiert die Ausmaße für die weiblichen Opfer, und erschwert letztlich auch von Gewalt betroffenen Männern, sich Unterstützung zu holen.

Verharmlosen und verleugnen

Doch ist der Drang zu unsachlichen Vergleichen, Vereinfachungen bis hin zur totalen Verleugnung oder Schuldumkehr unverändert groß: Auf allen Ebenen finden Relativierungen und Beschönigungen von Gewalt an Frauen statt. Entweder wird sie auf bestimmte Tätergruppen reduziert oder mit Begriffen wie »Familientragödie« oder »erweitertem Suizid« umschrieben. Auch wenn Fachkreise und Feministinnen konstant dagegen halten. Es ist wohl eher eine interessengeleitete Debatte, die zudem oft mit eigenen Erfahrungen gepaart sein dürfte: An beinahe jedem Tag stirbt eine Frau durch die Hand ihres Partners oder Ex-Partners. 40 Prozent aller Frauen erfahren seit ihrem 16. Lebensjahr körperliche und /oder sexuelle Gewalt, 25 Prozent der in Deutschland lebenden Frauen erleben Gewalt durch gegenwärtige oder aktuelle Beziehungspartner. So ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass sich auch unter Politikerinnen und Politikern sowie Journalistinnen und Journalisten Täter befinden. Und möglicherweise auch (schweigende) Opfer.

Man fragt sich dennoch in Anbetracht dieser Zahlen, warum es immer noch zu wenige Plätze in Frauenhäusern gibt. Frauenhäuser können nämlich nicht nur Gewalt verhindern, sie retten oft Leben. Sie ermöglichen Betroffenen – Frauen wie Kindern – die Chance auf einen Neuanfang, einen Ausweg aus der oft jahrelangen Gewaltspirale und eine Rückkehr in ein normales Leben.

Aber es gibt zu wenige davon: Der Europarat empfahl den Ländern 2006, einen Frauenhausplatz je 7.500 Einwohner zur Verfügung zu stellen. 2012 lag der Maßstab in Deutschland aber nur bei 1:12.000; fünf Jahre später sogar nur noch bei 1:12.500. Es ist daher unzureichend, dass es jetzt in Hamburg und Köln weitere Frauenhäuser geben wird. Vielmehr müsste grundlegend investiert werden: 500 Millionen Euro wären nötig, um genügend Frauenhausplätze zur Verfügung zu stellen. Die Finanzierung von Frauenhäusern gehört zudem verstetigt. Manche Frauen müssen für den Verbleib im Frauenhaus sogar selbst zahlen. Beziehen sie Leistungen nach dem SGB, werden diese in einigen Bundesländern immer noch angerechnet.

Mangelfinanzierung, Verharmlosen und Verleugnen bilden ein fatales Trio. Das trägt auch dazu bei, dass die wirkliche Ursache hinter den mittlerweile schon fast katalogartigen Empfehlungen und Forderungen von internationalen Gremien und Institutionen wie Europarat oder WHO, von Fachkreisen aus Justiz und Forschung wie auch von LINKEN, Grünen und vielen Feministinnen unerkannt bleibt: Männer können es nämlich nach wie vor nicht ertragen, Macht und Kontrolle über ihre Partnerin zu verlieren. Agieren also bei Trennungsgefahr nach dem Motto: Lieber tot – als getrennt weiterlebend. Obwohl ihnen dann in der Regel Kurzschlusshandlung oder Affekt unterstellt wird, was unter anderem mit unserem Strafrechtsystem zu tun hat: Bei einer Verurteilung aufgrund von Mord nach § 211 StGB müssen dem Täter Heimtücke und niedere Beweggründe nachgewiesen werden.

Notwendig und überfällig

Dass sich aber vor allem die Herrschaftsstruktur dieser Gesellschaft auf Männermacht gegenüber Frauen und deren massive körperliche Attacken erklären, wollen dann viele doch nicht wahrhaben. Es ist aber tatsächlich der Hintergrund, wenn Frauen durch die Hand ihrer Männer sterben oder gesundheitlich lebenslang beeinträchtigt sind.

Eine ausreichende Finanzierung und angemessener Ausbau der nachgewiesenermaßen wirksamen Schutzeinrichtungen ist überfällig. Seit Jahren stemmen sich aber alle Landesregierungen und auch die Bundesregierung dagegen, auch wenn jedes Jahr am 25. November, dem internationalen Tag gegen Gewalt, gute und richtige Worte sowie Ankündigungen von Maßnahmen von Ministerinnen und Ministern ausgesprochen werden.

Mit 500 Millionen Euro ließen sich die derzeit fehlenden 4.250 Frauenhausbetten bzw. 3.180 Frauenhauszimmer finanzieren. Es ist in Anbetracht der Ausmaße von lebensbedrohlichen Situationen, in die Frauen alltäglich geraten, notwendig und längst überfällig.

Es darf keine Toleranz geben. Die Initiative #keinemehr thematisiert daher zu Recht seit einigen Jahren den Femizid als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Aber nur, wer sich der Hauptursache von Gewalt gegen Frauen bewusst ist und zum Leitprinzip des Handelns macht, stellt auch die erforderlichen Mittel bereit, um effektiv zu helfen.  

Kersten Artus ist Mitarbeiterin von Cornelia Möhring, der frauenpolitischen Sprecherin der Bundestagsfraktion DIE LINKE

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