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DISPUT

Familiensache

Von Fabian Lambeck

Jeden Tag treten Menschen der LINKEN bei. Schließlich wächst die Partei um mehrere Tausend Mitglieder pro Jahr. Dass aber gleich eine ganze Familie das Parteibuch beantragt, ist ungewöhnlich. So ungewöhnlich, dass DISPUT sich auf den Weg ins niedersächsische Stadthagen machte, um diese Familie kennenzulernen. In einer gemütlich eingerichteten Wohnung nahe der Altstadt empfangen mich die vier Familien- und Parteimitglieder. Am Tisch sitzen Maria und Andy sowie die Töchter Floriane und Charlotte. Bei Kaffee und Keksen kommen wir schnell ins Gespräch. »Es ist ja nicht so, dass das alles aus heiterem Himmel kam. Wir waren schon immer politisch interessierte Menschen und beim Abendbrot wurde oft diskutiert«, unterstreicht Maria. Diskussionsfreudig sind sie immer noch: »Ob Flucht und Vertreibung oder die Frage, wie man den Pflegenotstand stoppen kann: An Themen mangelt es uns nicht«, sagt Charlotte, die jüngste Tochter, die derzeit die 13. Klasse besucht. Wenn nicht diskutiert wird, informiert man sich: »Immer wenn ich ins Wohnzimmer komme, läuft im Fernsehen oder Radio ein politische Sendung«, unterstreicht Charlotte. So kann es auch geschehen, dass eine Demo gegen die AfD zur Familienaktion wird. »Andere Mütter verbieten ihren Kindern, auf solche Demos zu gehen, ich aber flehe meine Töchter an: Nehmt mich mit!«, sagt Maria mit einem Augenzwinkern.

Und wie wurde die LINKE quasi zur Familiensache? »Eigentlich habe ich den Stein ins Rollen gebracht«, schmunzelt Floriane, die älteste Tochter. »Ich habe meine Eltern überredet, zu einer Wahlkampfveranstaltung der LINKEN mitzukommen«. Der Redner überzeugte, man kam ins Gespräch mit Genossinnen und Genossen. »Und dann ging alles ganz schnell«, erinnert sich Andy, der als Elektrotechniker in der Produktentwicklung arbeitet. »Wir waren auch gleich bei einer Vorstandssitzung mit dabei und dann fragte man uns, ob wir Lust hätten, uns mit an einen Infostand auf dem Marktplatz zu stellen. Wir haben später auch die »Klar« verteilt und Plakate geklebt, aber alles ohne Zwang«, erklärt Andy. Beeindruckt von der »netten Atmosphäre« und der Tatsache, »dass wir sofort mitreden durften«, wurden aus den vier Familienmitgliedern so Genossinnen und Genossen.

Als Familie fuhr man zum Neumitgliederseminar. Hier gab es ein paar »wichtige Informationen über die LINKE«, etwa wie die Parteistrukturen funktionieren. Zudem lernten die Neuen, wie man mit Vorurteilen gegenüber der LINKEN umgeht. »So eine Argumentationstraining gibt einem Sicherheit, wir sind ja alle blutige Anfänger«, so Andy und schwärmt vom Seminar: »Du lernst halt die anderen Neumitglieder kennen. Deshalb findet die Netzwerkarbeit dort ganz automatisch statt. Natürlich wurde diese Arbeit abends bei Bier und Wein fortgesetzt. Das Aufstehen am nächsten Morgen fiel dann nicht allen leicht«, sagt Andy lächelnd.

Mittlerweile sind Maria und Andy aktive Mitglieder ihres Kreisverbandes Schaumburg und sitzen im Vorstand. Maria, von Hause aus Steuerfachangestellte, ist nun auch Kreisschatzmeisterin. Der Kreisverband Schaumburg ist überschaubar: 40 Mitglieder, davon 10 aktive. Doch der Verband wächst. Alle zwei bis vier Wochen können sie hier ein Neumitglied begrüßen. Es sind vor allem junge Leute die sich in der LINKEN engagieren wollen. Sowohl im Kreistag als auch im Stadtrat hat die Partei einen Platz erkämpft. Alle zwei Wochen treffen sich die Genossinnen und Genossen zur Vorstandssitzung. »Ein bisschen sind wir auch wie eine kleine Familie«, ergänzt Maria. »Hier entwickeln sich Freundschaften, man rückt zusammen.« Und auf die Beine gestellt haben sie hier auch schon einiges. Etwa im Februar eine Demonstration mit 300 Teilnehmern gegen den türkischen Einmarsch in Afrin.

Ansonsten sind die Probleme hier vor Ort die typischen Probleme einer Kommune, die klamm ist und sich noch tiefer in die Probleme spart. Der demographische Wandel vollzieht sich schier unaufhaltsam, die Prognosen für Stadthagen sind düster. Das Krankenhaus machte im vergangenen Jahr dicht. Der Weg in die nächste Klinik ist weit. Die Zahl der niedergelassenen Ärzte ist rückläufig. Geht ein Mediziner in den Ruhestand, findet er oft keinen Nachfolger. Praxen schließen. Das Freibad machte schon vor einigen Jahren dicht und wurde in diesem Sommer »schmerzhaft vermisst«, wie Charlotte betont.

Die Kommune hat kein Geld, also wird gespart, oft an der falschen Stelle. So sollen die Standgebühren für den traditionellen Bauernmarkt steigen. Viele kleine Verkäufer könnte das vertreiben. »Dabei ist das einzige, was hier wirklich läuft, der Wochenmarkt. Sonst ist die Stadt meistens leer. So spart man sich tot«, sagt Florentine. Zum Zeitpunkt des DISPUT-Besuchs kümmerte man sich im Kreisverband um die Pflegekampagne. Die überdimensionale Figur der sechsarmigen Petra, die als Maskottchen die Kampagne begleitet, wurde auch in Stadthagen erwartet.

Doch wie reagieren die Menschen hier auf einen Infostand der LINKEN? »So richtig angepöbelt wurden wir noch nicht«, sagt Maria. Während man »bei den intelligenten Damen über 70« überraschend viel positives Feedback bekommt, seien junge Menschen »zwischen 20 und 30« ganz schwer anzusprechen. Charlotte widerspricht. »Viele haben es halt eilig, wenn sie durch die Stadt laufen und außerdem tragen viele Kopfhörer«. Sie hat jedenfalls nicht das Gefühl, dass ihre Generation besonders unpolitisch oder desinteressiert sei.

Viele Passanten würden die Forderungen der LINKEN zwar begrüßen, doch bekomme sie dann oft zu hören, »das kann doch keiner bezahlen«, so Maria. »Dabei existiert doch für jede Forderung ein Finanzierungsvorschlag. Das ist gut durchgerechnet«, sagt die Steuerfachangestellte. »Und dass nur die Besserverdienenden zur Kasse gebeten werden, wollen viele nicht verstehen. Es will nicht in die Köpfe rein, dass sich ohne Umverteilung nichts verbessern wird«, beklagt sie und sieht »die Entwicklung, dass alles noch ein schlimmer und krasser wird« mit großer Sorge: »Wenigstens möchte ich später meinen Kindern und Enkeln sagen können, ich habe versucht, etwas dagegen zu tun.«

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