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Disput

Der Poet des Beton

Wenige Tage vor seinem 105. Geburtstag starb am 5. Dezember 2012 der große brasilianische Architekt Oscar Niemeyer

Von Ronald Friedmann

Oscar Niemeyer hat in seinem langen Leben viele Kirchen gebaut. Berühmt ist vor allem die grandiose Kathedrale im Herzen Brasilias, ein kreisrunder Bau von 70 Meter Durchmesser, der - nach unterschiedlicher Interpretation - die biblische Dornenkrone Christi, eine Blüte oder auch die betenden Hände der Gottesmutter Maria symbolisiert. Bereits 1943 entstand die Kirche São Francisco de Assis nahe der Stadt Belo Horizonte. Sechs Jahre dauerte es, bis dort die erste Messe gelesen werden durfte - die moderne Architektur hatte die Kirchenoberen gründlich verschreckt.

Eines der liebenswertesten der zahlreichen Bauwerke, die nach einer Idee und den Plänen von Niemeyer errichtet wurden, ist die kleine, aber keinesfalls unscheinbare Kirche Nossa Senhora de Fátima im südlichen Wohnflügel von Brasilia. »Igrejinha« - »Kirchlein« - nennen die Einwohner der brasilianischen Hauptstadt das 1958 entstandene Gotteshaus zärtlich, dessen äußere Form an ein Überzelt aus Beton erinnert.

Bei einem Besuch in Algerien Ende der sechziger Jahre entstand die Idee für eine Moschee. Das Modell wurde dem damaligen algerischen Staatspräsidenten Houari Boumedienne gezeigt. »Oscar«, so die Reaktion Boumediennes, »das ist eine revolutionäre Moschee.« Niemeyer antwortete: »Die Revolution kann nicht stehenbleiben.« Die Moschee wurde nie gebaut.

Der Gedanke der Revolution hat Niemeyer bis in seine letzten Lebenstage beschäftigt - nicht als Revolutionär der Architektur, sondern als Revolutionär, der die Welt verändern will, weil sie verändert werden muss.

Mit Brasilia, der neuen Hauptstadt Brasiliens, die Ende der fünfziger Jahre in nur dreieinhalb Jahren im tiefsten Hinterland entstand, hatte Niemeyer große Hoffnungen auf eine gerechte Welt verbunden. Ein halbes Jahrhundert später musste er voller Trauer konstatieren: »Diejenigen, die Brasilia aufgebaut haben, die dort ein neues Leben beginnen wollten, waren danach so arm wie vorher, weil zur Einweihung von Brasilia die Geschäftsleute und die Politiker Einzug hielten. Also die Vertreter des kapitalistischen Systems und aller seiner Ungerechtigkeiten.«

Oscar Niemeyer war zeitlebens Kommunist. »Die Partei«, und damit meinte er die Kommunistische Partei, »spielte eine wichtige Rolle in meinem Leben. Ich traf dort die großartigsten Menschen meines Lebens. Sie waren großherzig und aufopferungsvoll.« Eine enge persönliche Freundschaft verband ihn mit Luiz Carlos Prestes, dem legendären »Ritter der Hoffnung«, und mit Fidel Castro, den er einen »Helden Lateinamerikas« nannte und in eine Reihe mit Simon Bolívar, José de San Martín und Bernardo O'Higgins stellte.

Im Alter von 100 Jahren stellte er in einem Interview fest: »Was mich am meisten beunruhigt, sind nicht die Irrtümer des Lebens, sondern das unermessliche Leid der Ärmsten angesichts des gleichgültigen Lächelns der Reichen.« Seine Hoffnungen setzte er in die nachfolgenden Generationen: »Es ist die Aufgabe der Jugend, soweit das möglich ist, da sich alles verschlechtert, durch eine Revolution all das zu verändern.«

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