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DISPUT

Alle Räder stehen still ...

Der 8. März ist Frauenkampftag. 2019 wird es an diesem Tag einen bundesweiten Frauenstreik geben

Von Katharina Kirchhoff und Bianca Theis

Vielen Frauen reicht es nicht mehr, nur auf die Straße zu gehen und Gleichberechtigung einzufordern. Dass in Deutschland bis heute keine Geschlechtergerechtigkeit erreicht wurde, liegt auf der Hand. Gerade auf dem Arbeitsmarkt ist die Diskriminierung besonders deutlich. Frauen verdienen bundesweit durchschnittlich 22 Prozent weniger als Männer. Dazu kommt, dass der deutsche Arbeitsmarkt stark segregiert ist. Er ist klar zwischen Geschlechtern aufgeteilt und macht auch monetär einen Unterschied zwischen Frauen- und Männerarbeit. Die Arbeit von Frauen ist bei gleicher Qualifizierung durchschnittlich fünf Prozent weniger wert, als die von Männern. Diese strukturelle Diskriminierung weiblicher Arbeitskraft zieht andere sozioökonomische Faktoren nach sich. Frauen sind einem höheren Armutsrisiko ausgesetzt, vor allem mit Kindern und im höheren Alter. Sie arbeiten oft in sozial konnotierten Tätigkeitsbereichen, wie der Sozial- und Pflegearbeit. Der geringere Verdienst in Frauenberufen geht auf die Zuschreibung von Frauen in der häuslichen Sphäre zurück. Die Arbeit wird als erweiterte Hausarbeit angesehen, die unentgeltlich stattfindet. Tatsächlich stehen Frauen aber an zentralen Stellen im Produktionsprozess. Die meisten arbeiten im Dienstleistungssektor, der stetig wächst und mittlerweile 70 Prozent der Bruttowertschöpfung ausmacht. Diese Ungleichheit der Geschlechter auf dem Arbeitsmarkt ist tief in der Gesellschaft verankert. Es ist ein Perspektivwechsel auf weibliche Arbeit nötig.

Neben der geringer entlohnten Arbeit, kommt die gar nicht entlohnte Sorgearbeit. Dazu zählen unter anderem reproduktive Tätigkeiten, wie Kindererziehung und Haushalt. Trotz steigender Frauenerwerbsquote wird diese Arbeit immer noch hauptsächlich von Frauen geleistet, ohne Entlohnung und deshalb meist unsichtbar.

Kreativ streiken

Aus diesem Grund ist der Kampf um Geschlechtergerechtigkeit auch ein Kampf um das Sichtbarmachen von jener Arbeit, die nicht zur Lohnarbeit zählt. »Die Arbeit, die Frauen im Haushalt leisten, nicht zu sehen, bedeutet blind zu sein für die Arbeit und die Kämpfe der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung, die nicht entlohnt wird«, so die Feministin Silvia Federici. Die Frage des Wertes von Frauenarbeit ist auch immer eine Frage von Machtverhältnissen und muss somit auf politischer Ebene gestellt werden.

Der Kampf für Geschlechtergerechtigkeit ist längst ein internationaler Kampf geworden. Am 8. März 2018 gab es weltweit 177 Demonstrationen. Feministische Bewegungen wie »Ni una menos« wurden in die ganze Welt hinausgetragen. Dabei fiel 2018 besonders der spanische Frauenstreik auf. Am 8. März kam es in Spanien zu einem Generalstreik, an dem sich über fünf Millionen Menschen beteiligten. Dieser Streik legte viele Bereiche des öffentlichen Lebens lahm und war darum deutlich für »jederMann« zu spüren. Mit Mut und einer beispielhaften aktivistischen Infrastruktur konnte eine breite Masse für den Streik mobilisiert werden, nicht zuletzt, da die Feministinnen auch große Gewerkschaften für ihren Aufruf gewinnen konnten.

In Deutschland ist die Situation anders. Deutsche feministische Bündnisse haben kaum Erfahrungen mit Streiks, zudem lassen sich die Gewerkschaften nur schwer überzeugen, da er als politischer Streik nicht im deutschen Streikrecht verankert ist. Aus diesem Grund gilt es, Druck auf die Gewerkschaften zu machen. Eine erweiterte Sichtweise auf Streiks ist dringend notwendig. Denn die Forderungen des Frauenstreiks betreffen nicht nur einzelne Arbeitgeber, sondern das gesamte Feld der Arbeit. Die gesellschaftliche Entgeldlücke, zum Beispiel, ist eine Abwertung ganzer Arbeitsbereiche. Darum ist ein politischer und kreativer Streik notwendig – auf allen Ebenen. Alex Wischnewski, eine der Organisatorinnen des Frauenstreiks, ist sich sicher: »Wir könnten das auch, wenn wir uns einfach trauen würden. Hier können wir noch viel von anderen Ländern lernen«. Gute Vernetzung ist daher der erste wichtige Schritt hin zu einem erfolgreichen Frauenstreik.«

Auf den Vernetzungstreffen des Frauenstreiks wird deutlich, dass der Kampf um Frauenrechte in Deutschland längst auf globalem Terrain angekommen ist. In Göttingen trafen im November Organisatorinnen des deutschen und des spanischen Frauenstreiks aufeinander. Auch Frauen aus der kurdischen Befreiungsbewegung sowie selbstorganisierte Sexarbeiterinnen aus Thailand, Frauen aus Afghanistan, Syrien, von der Elfenbeinküste und aus dem Iran kamen mit linken Gewerkschafterinnen zusammen. Es ging vor allem darum, die unterschiedlichen Positionen und Forderungen sichtbar zu machen und das nicht trotz, sondern wegen aller Unterschiede.

Lohnzettel für Hausarbeit

Zum Beispiel ist die meist von Frauen geleistete Reproduktionsarbeit eng mit weiblicher Arbeitsmigration verbunden. Die Erhöhung der Frauenerwerbsquote in den Industrieländern, lässt die Beschäftigten meist migrantischer Arbeiterinnen im Sorgebereich steigen. Der Frauenstreik soll auch den sich durch Migration verändernden Arbeitsmarkt in den Blick nehmen und Frauen den Raum geben, auf ihre eigene Situation aufmerksam zu machen und sich zu vernetzen. Darum ist die Organisation auch dezentral angelegt und zielt auf viele verschiedene Aktionsformen ab.

Der Frauenstreik soll zum Beispiel auch Personen erreichen, die es sich nicht leisten können, einen ganzen Tag ausfallen zu lassen. »Auch kleine Aktionen, wie das Einberufen einer Betriebsversammlung oder kämpferische Mittagspausen können einen Effekt haben«, so Alex. Wichtig ist, dass nicht nur Frauen in Lohnarbeit sich beteiligen, sondern auch jene, die unbezahlte Hausarbeit leisten. Dazu hat das Frauenbündnis auch viele kreative Anreize, wie Alex beschreibt: »Es ist natürlich schwieriger, in der Pflege oder Hausarbeit zu streiken. Kinder oder Pflegebedürftige können nicht einfach beiseitegelegt werden. Man kann aber zum Beispiel Tücher aus dem Fenster hängen, um seine Zustimmung zu signalisieren, oder eine Nachbarinnenversammlung einberufen. Auf unserer Website gibt es auch Lohnzettel für Hausarbeit. Dann gibt es natürlich noch die Demos zum Frauen­kampftag, wo alle herzlich willkommen sind«. Der Frauenstreik ist sicherlich ein Prozess, der in Deutschland noch ganz am Anfang steht. Alex aber ist zuversichtlich: »Ich habe wirklich das Gefühl, wir sind grade am Anfang der dritten Welle der Frauen­bewegung.« 

Katharina Kirchhoff und Bianca Theis arbeiten im Bereich Medien, Öffentlichkeitsarbeit, Bürgerdialog in der Bundesgeschäftsstelle der LINKEN

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