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DISPUT

Zerbrochene Einheit

Von Thomas Seibert

Die Einzigartigkeit des Philosophen, kritischen Gesellschaftstheoretikers und Bewegungs- beziehungsweise Parteiaktivisten Marx liegt darin, seine verschiedenen Tätigkeiten in der integralen Praxis eines kommunistischen Denkens, Lebens und Handelns zusammengeführt zu haben. Dieser zugleich philosophische, politische und existenzielle Akt verpflichtet uns noch heute. »Noch heute«: in einer Epoche, in der die Einheit von marxistischer Philosophie, marxistischer Gesellschaftstheorie und marxistischer ArbeiterInnenbewegung samt ihrer »Quellen« und »Bestandteile« zerbrochen ist.

Dieses Zerbrechen lässt sich doppelt datieren. 1989 zerbricht die Mehrzahl der politischen Gefüge (Staaten, Parteien), die sich als marxistische Gefüge bezeichnet haben. 1968 bezeichnet das Ereignis, in dem kritische Philosophie und Gesellschaftstheorie von links her aufhörten, bloß marxistisch zu sein. Und: Es bezeichnet das Ereignis, in dem unwiderruflich klar wurde, dass emanzipatorische soziale Bewegungen immer schon mehr und anderes als bloß ArbeiterInnenbewegungen waren.

Kritisches Philosophieren bewegt sich heute in einem Gefüge, in dem Marx‘ Lehrer Hegel wieder eine stärkere Rolle zukommt: als einer Quelle, der man sich bedient und von der man sich absetzt (was immer einschließt, sich auch Marxens zu bedienen und sich von ihm abzusetzen). Dabei kommt der Linie eine maßgebliche Rolle zu, auf der zuerst gegen Hegel philosophiert wurde (Kierkegaard, Stirner, Nietzsche). Kritische Gesellschaftstheorie ist nach wie vor marxistisch, folgt aber immer auch anderen Methodologien (poststrukturalistischen, feministischen, postkolonialen, um die mir wichtigen zu nennen). Emanzipatorische soziale Bewegung gibt es nur noch im Plural ihrer Begehren, Formen und Programme. Fand sich für diesen Plural die Formel »race, class, gender«, franst er heute noch weiter aus. Die Verfransung selbst aber beginnt, sich »intersektional« auf sich zu beziehen. Politisch ausgefochten wird die Intersektionalität von Herrschaft, Ausbeutung, Missachtung, Anerkennung und Befreiung durch »Multituden« (Massen) und »Singularitäten« (Einzigkeiten). Ihr gemeinsamer weltgeschichtlicher Horizont ist der einer Ökologie, die Anti-Ökonomie des Postwachstums wird oder katastrophisch verwildert.

Wo bleibt da Marx? In der zugleich philosophischen, politischen und existenziellen Herausforderung, das eigene wie das gemeinsame Denken, Leben und Handeln immer neu in einem Akt zusammenzubringen, der den Kommunismus zugleich begehrt und vollzieht, als die »wirkliche Bewegung, welche den heutigen Zustand aufhebt.« (MEW, Bd. 3, S.35 f.)

Thomas Seibert ist Philosoph, Mitarbeiter von medico international, Vorstandssprecher des Instituts Solidarische Moderne und der Interventionistischen Linken.

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