Diese Website verwendet Cookies. Warum wir Cookies einsetzen und wie Sie diese deaktivieren können, erfahren Sie unter Datenschutz
Skip to main content

DISPUT

Zeit der Monster

Von Lia Becker

Marx erlebt derzeit als Theoretiker des Kapitalismus eine Renaissance. Doch eine Wiederentdeckung des Erbes eines kritischen Marxismus steht bis heute aus. Gerade für eine linke Partei ist es aber unverzichtbar, die ständig verändernden Bedingungen für eine Überwindung des Kapitalismus zu verstehen, aus Fehlern und Niederlagen zu lernen und das Denken über Emanzipation weiterzuentwickeln. Dafür braucht es das kollektive Arbeiten an einer Theorie der Gesellschaft. Der Mitbegründer der Kommunistischen Partei Italiens (KPI) Antonio Gramsci hat in den 1930er Jahren viel dazu beigetragen. Unter den menschenunwürdigen Bedingungen der Haft im faschistischen Gefängnis machte sich Gramsci daran, den Marxismus nach dem Scheitern der Revolutionsversuche in den westeuropäischen Ländern und dem Siegeszug des Faschismus grundlegend zu erneuern.

Gramsci hat das Verständnis von Klassen und Klassenherrschaft erneuert und erweitert. Die bürgerliche Klasse bildet sich auf Grundlage der kapitalistischen Produktions- und Eigentumsverhältnisse. Aber um sich als herrschende Klasse zu organisieren, ist sie auf die staatliche Herrschaft, auf die Organisation des Alltagslebens und eines umfassenden Herrschaftswissens angewiesen. Gramsci entwickelt den zentralen Begriff der »Hegemonie«, um zu zeigen, dass Herrschaft in »fortgeschrittenen« kapitalistischen Gesellschaften nicht ausschließlich auf Zwang und Gewalt, sondern auf der praktischen Zustimmung der Beherrschten beruht.

Gramsci zu lesen kann dazu beitragen, genauer zu verstehen, wie sich kapitalistische Herrschaft verändert und immer auch umkämpft wird. Es kommt immer wieder zu großen Krisen, in denen kapitalistische Ökonomie, Kultur und Ideologie und das Parteiensystem Vertrauen und die Zustimmung verlieren. Gramsci schreibt: »das Alte stirbt und das Neue kann noch nicht zur Welt kommen«. Es ist die »Zeit der Monster«. Rechte und autoritäre Bewegungen können schnell große Zustimmung erreichen, wenn sie an Krisenerfahrungen und die herrschende Ideologie erneuern. Aber Krisen sind zugleich das Terrain, auf dem sich die emanzipatorischen Gegenkräfte herausbilden, wie die ArbeiterInnenbewegung, feministische und ökologische Bewegungen.

Gramscis Erneuerung des Marxismus  als »Philosophie der Praxis« zielt darauf, die Unterwerfung unter ökonomische, politische und kulturelle Herrschaft durch massenhafte, kollektive Lernprozesse zu überwinden. Gesellschaftsveränderung und Selbstveränderung, das Verlernen unserer eigenen Unterwerfung und die Entwicklung neuer Denkweisen und Gewohnheiten, müssen Hand in Hand gehen.

Hier liegt für Gramsci auch die Aufgabe einer neuen Form der Partei. Die Partei soll zur »gesellschaftlichen Partei« werden, zu einem in der Gesellschaft gebildeten kollektiven Willen zur radikalen Veränderung der Gesellschaft. Dabei reicht es keineswegs aus, ökonomische »Klasseninteressen« durch Politik im Parlament zu vertreten. Die Aufgabe der Partei ist es, diese Prozesse als »kollektive Intellektuelle« und Organisatorin einer neuen Kultur und Weltauffassung von »unten« zu fördern und zu verbinden. Wie eine solche Form der verbindenden Partei heute aussehen kann, das können wir nur selbst herausfinden. Aber Gramsci lesen kann das kritische Nachdenken, gemeinsame Diskutieren und die Phantasie zur radikalen Gesellschaftsveränderung beflügeln.

Lia Becker ist wissenschaftliche Mitarbeiterin von Bernd Riexinger und Mit-Herausgeberin des Buches „Gramsci lesen. Einstiege in die Gefängnishefte“ (Argument-Verlag, 2. Auflage 2017). Für Tagesworkshops oder Vorträge zu Gramscis Theorie der Hegemonie steht sie gerne zur Verfügung.

Zurück zur Übersicht