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DISPUT

Was heißt es, Marxist zu sein und zu bleiben?

Interview mit Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Fritz Haug zur Aktualität des Historisch-kritischen Wörterbuchs des Marxismus

Warum sind Sie Marxist, Herr Haug?

Dürfte ich die Frage etwas umformulieren, um sie produktiv beantworten zu können? Dann könnte sie lauten:

Was nützt Ihnen, was nützt uns marxsches Denken?

Marx ist der nach wie vor unüberholte Theoretiker des Kapitalismus, darüber hinaus erfahre ich ihn als einen immer noch unausgeschöpften, innovativen genialen Denker, der neue Weisen der Erkenntnis für uns erschlossen hat. Ihn zu studieren, bringt mir auch nach 50 Jahren noch jedes Mal überraschende neue Einsichten und Anstöße zum Weiterdenken. die mich die Verhältnisse, in denen wir leben, besser begreifen lassen. Kurz, Marx ist für mich ein Schlüssel für wissenschaftliche Entdeckungen und für die Verarbeitung aktueller Entwicklungen bis heute. Meine Kritik der Warenästhetik und die beiden Bände über Hightech-Kapitalismus zeugen davon.

Das Wörterbuchprojekt wurde 1983, anlässlich des 100. Todestages von Karl Marx, ins Leben gerufen. Abgesehen von diesem historischen Datum: Vor welchem politischen und gesellschaftlichen Hintergrund haben Sie das Projekt begonnen und warum hielten Sie es für wichtig?

Bei einem Forschungssemester in Paris gab mir Georges Labica, mein akademischer Gastgeber, sein frisch erschienenes Dictionnaire critique du marxisme in die Hand, und ich begriff blitzartig, dass ich damit das Dokument eines marxistischen Neubeginns in Händen hielt. In Deutschland, genauer: im damaligen West-Berlin zurück, rief ich die in den Projekten Ideologietheorie, Automation und Qualifikation, und Frauenformen Forschenden zusammen und stellte ihnen begeistert das französische Werk vor, zugleich mit dem Vorschlag, es gemeinsam, in militant work, auf gut Deutsch: ohne Bezahlung, zu übersetzen und in unserem Kontext, dem Argument-Verlag herauszubringen, da konnte uns niemand hereinreden. Es war gleich klar, dass das französische Original außer den marxistischen Klassikern fast ausschließlich französische Theoretiker einbezog, sodass wir beschlossen, auch Ergänzungsbände aus deutscher und internationaler Sicht anzufügen.

Der erste Band der Übersetzung des Kritischen Wörterbuchs des Marxismus erschien noch im selben Jahr 1983. Der achte und letzte 1989. Angesichts des Umbruchs in der Sowjetunion unterbrachen wir die Arbeit an den Ergänzungsbänden, und nach dem Zusammenbruch des europäischen Staatssozialismus fassten wir den Entschluss zum Neuanfang. Nun handelte es sich um historische Aufarbeitung eines Scheiterns und ebenso darum, aus dem Untergang so viel wie möglich des Lebensfähigen in die neue Situation zu übersetzen und zukunftstauglich zu machen. Diesem Projekt gaben wir den Namen des wiederum französisch abgefassten Dictionnaire historique et critique von Pierre Bayle, das vor über dreihundert Jahren die Epoche der bürgerlichen Aufklärung eingeleitet hat. Jetzt ging es um eine marxistische Aufklärung und Selbst-Aufklärung neuer Art. Daher Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus.

Warum ist das HKWM auch heute noch wichtig?

Das „heute noch“ kommt hundert Jahre zu früh. Das HKWM erschließt ein Universum kritischen Wissens in seiner geschichtlichen Erfahrung und nimmt dabei zugleich Maß an den sich abzeichnenden Konflikten, Potenzialen und Akteuren des Hightech-Kapitalismus. Es macht die tradierten Theoriebestände mit diesem, was da heraufzieht, bekannt und stellt sie auf die Probe. Sein Stichworte-Raster nimmt alle widerständigen und positiv zukunftsträchtigen Bewegungen mit ihrem Wissen mit. Es bietet sich als theoretische Selbstermächtigungsquelle an mit seinem Verfahren, nicht Großdiskurse nachzuerzählen, sondern die Dinge begrifflich auseinanderzulegen und geladen mit kritisch aufbereiteter geschichtlicher Erfahrung weiterzugeben. An entscheidenden Stellen wird es stets die sorgfältig nachgewiesenen Quellen sprechen lassen, um seine Schlüsse kritisch nachvollziehbar zu machen. Es ist also weniger ein Gesinnungs- als ein Befähigungswerk. Es erschließt eine Bildungswelt, die in allem so ziemlich das Gegenteil neoliberal auf momentane Verwertbarkeit zurückgestauchter Bildungseinrichtungen ist und allen nach solidarischer Vergesellschaftung strebenden Kräften zuarbeitet.

Das HKWM ist „work in progress“. 1994 wurde der erste Band des Wörterbuchprojekts veröffentlicht. Von den geplanten 15 Bänden ist zuletzt Band 8/II erschienen, im Februar 2015. Wann soll Band 15 erscheinen? Und wird das Projekt damit abgeschlossen sein?

Das wird sich entscheiden, wenn ich nicht mehr am Leben bin. Seit der Gründung des Projekts 1983 sind 34 Jahre vergangen, seit dem Erscheinen des ersten Bandes ein knappes Vierteljahrhundert. Geschafft haben wir in dieser Zeit, rechnet man den im Erscheinen befindlichen Band 9/I hinzu, etwas mehr als die Hälfte. Falls der Fortgang der Arbeit gesichert werden kann, könnte zum 220sten Geburtstag von Marx, also 2038, der letzte Band erscheinen.

Das HKWM ist alphabetisch geordnet. Der zuletzt veröffentlichte Band endet mit dem Artikel „Maschinenstürmer“. Einträge zu Stichwörtern wie „Arbeitsmarkt“ oder „Handel“ sind inzwischen über 20 Jahre bzw. über 15 Jahre alt. Unser Thema ist ja die Aktualität des Marxismus: Sind die Inhalte des HKWM zeitlos?

Zeitlosigkeit gibt es nicht. Aber es gibt die berühmte “lange Dauer“ in der Geschichte. Tagesaktuelle Fragen werden im HKWM nicht behandelt. Einerseits werden historische Erfahrungen kritisch aufbereitet, und zwar dasjenige an den Erfahrungen, was nicht mit dem Geschehen, dem sie entspringen, vergeht. Andererseits werden immer zugleich die tradierten Theorien und Begriffe soweit als sinnvoll und möglich an den epochalen Problemen auf den Stand gebracht. Rein archivalische Artikel sind in diesem Programm rettender Kritik nicht vorgesehen. Das HKWM ist ein Begriffswörterbuch, man könnte auch sagen eine Enzyklopädie kritischer, mit den Erfahrungen der Klassen- und Befreiungskämpfe geladener Begriffe. In jedem Artikel sollte es etwas zum Begreifen nach vorn geben.

Hat die Occupy-Bewegung einfach Glück gehabt, dass sie mit dem Buchstaben „O“ anfängt? Oder anders gefragt: Wie flexibel ist das HKWM, neue Entwicklungen und neue Themen aufzunehmen?

Occupy ist ein lehrreiches Beispiel. Es ist der Typus einer sozialen Bewegung, die bereits eine der Gründergestalten des Marxismus, der italienische Philosoph Antonio Labriola, an dem v.a. Gramsci sich orientiert hat, auf den Begriff gebracht hat. Er vergleicht sie mit Meteoren. Sie machen großen Eindruck – und vergehen wieder. Sie können darauf hindeuten, dass eine andere Form von Bewegung geschichtlich fällig ist. Diese nennt er aufsteigende Bewegungen, die eine entsprechende Organisationsform entwickelt haben. Das wäre, ultrakurz gesagt, ein Beispiel für eine begriffliche Erfahrung von langer Dauer.

Im HKWM zu blättern, birgt viele Überraschungen. Es gibt viele Begriffe, die man nicht erwartet, deren Behandlung neue Aufschlüsse über aktuelle Probleme gibt, Artikel wie Ich-AG, Informationsrente, Jeans oder Kopftuchstreit. So manche Begriffe sind noch nie in Wörterbüchern behandelt worden und leuchten doch tief hinein in gesellschaftliche Verhältnisse. Immer werden Altes und Neues kritisch durchgearbeitet, manchmal mit unverhoffter Nebenwirkung. So hat uns schon die Ankündigung der ersten beiden Bände, Abbau des Staates bis Dummheit in der Musik – letzteres ein Begriff des Komponisten Hanns Eisler – eine vermutlich spöttisch gemeinte, aber erfreuliche Neugier weckende Zurkenntnisnahme im Spiegel eingetragen. Oder, auf ganz andere Weise, die Artikel Hausfrau und, vielleicht sogar noch besser, Köchin, letzterer über eine Gestalt, die bei Lenin zu Bertolt Brechts Freude sogar politisch orientierende Funktion bekommen hat und deren historisch-kritische Erforschung überraschende Einblicke in den immer weiter aktuellen Zusammenhang von Klassen und Patriarchat gibt. Oder der unsereins als Subjekte in wechselnden historischen Situationen behandelnde Artikel über Marxistsein/Marxistinsein, der auf hundert Lebensläufen aus hundert Jahren Marxismus fußt.

Stichwort Aktualität: Heute ist das Internet das zentrale Recherchemedium. Ist das Wörterbuch als Form nicht längst überholt?

Die aus Wikipedia zusammengeschriebenen Referate und Artikel, mit denen die Lehrenden an Schulen und Universitäten genervt und auch nicht selten das allgemeine Publikum abgespeist werden, sprechen dafür, dass das einerseits faktisch wahr, andererseits eine Einladung zum Plätschern in einem ebenso ufer- wie bodenlosen Meer von Meinungen ist. Verlässliche und theoretisch gehaltvolle Texte entstehen so nicht, auch wenn die mitlaufende Netzrecherche dabei inzwischen selbstverständlich geworden ist. Sondern sie verdanken sich dem erneuten Gang zu den Quellen, der Sichtung und Verdichtung des Materials und dem Beitrag zu einer theoretischen Kultur, die nur in kollektiver Arbeit und gefiltert durch kritische Diskussion entstehen kann.

Mit InkriTpedia hat auch das HKWM eine Netzversion. Veröffentlicht werden hier allerdings nur Artikeleröffnungen. Warum haben Sie sich für diese Variante entschieden und bspw. nicht dafür, die Artikel komplett frei zur Verfügung zu stellen?

Meinen Sie „ohne sich am Aufwand“ zu beteiligen, wenn sie „frei“ sagen? Hier wartet die ideologische Umsonst-Falle auf uns. Sozialismus, Kommunismus, Commons, alles Gemeinschaftliche, wie immer Sie es nennen, ist nicht umsonst, sondern etwas, zu dem ein jedes nach seinen Fähigkeiten beiträgt. Es ist der Internet-Kapitalismus, dessen Giganten einzelne sehr aufwendig hergestellte Produkte verschenken, wie zu Zeiten des imperialistischen Kolonialismus die Ölkonzerne Petroleumlampen verschenkten, um die Leute vom Öl abhängig zu machen. Deren informationelle Nachfolger ziehen ihre Macht und ihre beispiellosen Profite aus der digitalistischen Ausbeutung von uns allen, die wir diese ja in der Tat zum Teil wirklich nützlichen Geschenke nur zu gern annehmen. Dies kritiklos laufen zu lassen, bahnt den Weg in die allgemeine Unfreiheit.

Die Studierenden oder Geringverdienenden, die als InkriT-Fellows fünf Euro im Monat beisteuern, erhalten den Zugang zum Gesamtwerk im Netz ohne weitere Kosten. Von denen, die das nicht wollen, verlangen wir einen Unkostenbeitrag von 20 Cent pro Wörterbuch-Spalte eines in unermesslicher Arbeit erstellten Forschungsergebnisses. Der momentane Jahresetat unseres allgemeinnützlichen Berliner Instituts für kritische Theorie von rund 120.000 Euro geht fast zur Gänze in die viereinhalb Hungerlöhne für die wiederum viel zu wenigen „Hauptamtlichen“, denen die organisatorische und technische Arbeit obliegt, zusammen mit den woanders in Lohn und Brot stehenden oder wie ich selbst von ihrer Rente lebenden Redakteuren aus den Beiträgen von hunderten von Autoren aus mehreren Ländern und Sprachen druckbare Texte zu machen. Käme die Öffentlichkeit – aber wer ist oder repräsentiert sie? – für die Kosten auf, wäre die Arbeit am Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus, mit Marx zu sprechen, unmittelbar allgemeine Arbeit (siehe den gleichnamigen Artikel in HKWM 1), und ihr Produkt stünde ebenso unmittelbar der Allgemeinheit zur Verfügung. Aber wo das Wort Marxismus dabei ist, hört, wenn es nicht bloß den Gegenstand, sondern auch die Produzenten und gedachten Benutzer meint, die Gemütlichkeit für gewöhnlich auf. Hier helfen nur die Wenigen unter den Vielen, die wissen, wie wichtig es ist, eine Kultur des Befreiungswissens und das heißt zugleich der Herrschafts- und Ausbeutungskritik kohärent auszuarbeiten und dies nicht national borniert, sondern internationalistisch als tendenziell menschheitliches Projekt zu versuchen.

Wollen Sie uns etwas mehr von den „Wenigen unter den Vielen“ verraten, die das HKWM mit Spenden unterstützen?

Aber gern! 1996 gründeten wir das Institut für kritische Theorie als Träger dieses Projekts, und seither erhielten wir außer von den InkriT-Fellows und vielen anderen, die seit Band 4 in Sponsorentafeln festgehalten sind, auch Spenden von einer Reihe linker Stiftungen aus europäischen Ländern – Frankreich, Italien, Schweden, Finland, Griechenland, einmal sogar aus England –, aber ganz besonders zu danken haben wir der Rosa Luxemburg-Stiftung, deren Zuwendungen ein Drittel der Kosten decken.

Sehen Sie InkriTpedia auch als ein Instrument, mit dem mögliche Aktualisierungsprobleme der gedruckten Variante ausgeglichen werden könnten? Also etwa, indem hier Artikel zu Stichwörtern ergänzt werden, die in den bisherigen Bänden nicht vorkommen?

Ja, unbedingt. Das könnte an sich parallel zur Arbeit am Primärtext schon jetzt gemacht werden. Aber mit unseren gegenwärtigen überstrapazierten Kräften ist das nicht leistbar. Ich halte es aber für möglich, dass die internationale Rezeption dieses Werk weiterführt. Wenn wissenschaftlich ernst- und gewissenhafte Leute sich dessen annehmen, werden sie es ihren Bedingungen gemäß ergänzen. Wir warten nur darauf, dass sich solche autonomen Gruppen in anderen Sprachen dieser Aufgabe annehmen. Augenblicklich ist immerhin eine chinesische Auswahlausgabe aus den bisherigen Bänden zum Marx-Jahr 2018 in Planung.

Zum Abschluss die Bitte um ein konkretes aktuelles Beispiel: Was verstehen wir besser mit Marx, als wir es ohne Marx verstehen könnten? Oder: Welche wichtigen Fragen würden wir uns ohne Marx anders, vielleicht sogar gar nicht stellen?

Die aktuelle Probe aufs Exempel ist die Analyse des Hightech-Kapitalismus und der „digitalistischen Produktions- und Lebensweise einschließlich seiner Ideologieproduktion. Mit Marx lässt sich diese Aufgabe vom Widerspruchsverhältnis zwischen den auf Informationsverarbeitung fußenden Produktivkräften und der transnationalen Betriebsweise der Produktionsverhältnisse her angehen statt, wie oft geglaubt, vom Finanzmarkt her. So erschließt sich das Spektrum der Austragung dieser Widersprüche mit der explosiven Spannung blockierter Möglichkeiten, die sich ihre Bewegungsform in extensiver Vernutzung unsrer naturalen Existenzbedingungen und in neoimperialistischen Konflikten bis hin zum Krieg sucht.

Ganz allgemein gesprochen, ist die Marx-Frage der Fragen die nach den gesellschaftlichen Verhältnissen, die wir Erdenbewohner in der Produktion und Reproduktion unseres Lebens und unserer Lebensbedingungen im Stoffwechsel mit der Natur und im sozialen ‚Stoffwechsel‘ untereinander eingehen. Kritisch in solidarischer Perspektive und auf der Höhe der geschichtlichen Erfahrungen und wissenschaftlichen Erkenntnisse lässt diese Grundfrage sich ohne die Denkmittel, die wir der marxschen Analyse vor allem der kapitalistischen Klassengesellschaft verdanken und an denen wir im Anschluss an ihn weiterarbeiten, nicht umfassend stellen.

Im HKWM-Kontext sprechen wir davon, diese Frage als eine Art „Marx-Sonde“ in die Gegenwart, die Geschichte und immer wieder in die heraufziehende Zukunft zu schicken. Unsere größte Freude ist, wenn sich dabei immer wieder neue Sichtweisen auf vermeintlich längst vermessene und ausgeforschte geschichtliche Knotenpunkte, aber auch alltägliche Phänomene auftun, etwa der Umgang mit dem Handy, dem man analytisch mit dem von Marx ausgearbeiteten Fetischbegriff beikommen kann, als ein von Menschen Gemachtes, das in bestimmten Verhältnissen Macht über die Menschen bekommt.

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