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DISPUT

Träume und Albträume

Feuilleton

Von Jens Jansen

Als Halbwüchsiger habe ich in den Kriegsjahren bis 1945 viele Stunden im Kino verbracht. Das war keine Sucht, sondern ein Zufall, der aber süchtig machte. Da waren starke Bilder und Töne von allen Fronten in fernen Welten und spannende Abenteuer der Helden mit und ohne Uniform zu erleben: Siegreiche deutsche Panzer, Bomber über England, U-Boote im Atlantik, Ritterkreuzträger beim Führer, Sudeten im Freiheitskampf, Willy Birgel »… reitet für Deutschland«. Marika Rökk steht in Unterwäsche auf dem Bahnsteig. Zarah Leander singt nach dem Fliegeralarm »Davon geht die Welt nicht unter…«. Da fühlt man sich stark. Fernsehen und WhatsApp im Smartphon gab es ja noch nicht.

Aber es gab die Ufa, den Filmkonzern des Propagandaministers Goebbels, der seine Drehbücher und Schlagertexte am liebsten selber schrieb. Mein Schulfreund war Sohn eines Kinobetreibers. Da konnten wir uns immer reinschleichen ohne Eintritt und Rausschmiss. Das Kino hatten die Nazis bauen lassen, weil nebenan eine Kaserne war. Die Wochenschauen und Spielfilme dienten der »Stärkung der Wehrkraft«. Später, als der letzte Vorhang des Dritten Reiches unter den vernichtenden Schlägen der Anti-Hitler- Koalition gefallen war, war ich erstaunt, wie viele der prominentesten Stars mir im Kino und Fernsehen der Bundesrepublik wiederbegegneten. Immerhin hatten die Alliierten 41 Filme der Ufa mit einem »Aufführungsverbot « belegt, weil diese Streifen vor antihumanem, rassistischem und chauvinistischem Nazigeist trieften. Umso neugieriger lese ich nun, da die quicklebendige Ufa als Kino- und Fernsehproduzent am 18. Dezember 2017 ihren 100. Geburtstag feiern wird, wer die Paten bei der Geburt und Wiedergeburt von »Hitlers Hollywood « waren, was aber meist schamhaft verschwiegen oder verharmlost wird, weil man sonst die tiefen Wurzeln der braunen Seuche in Deutschland erkennen könnte:

Alfred Hugenberg war Stahlbaron, Aufrüster und reaktionärer Medienzar, der mit 1.600 Zeitungen und 2.000 Angestellten 50 Prozent des Pressewesens der Weimarer Republik beherrschte und zum Wegbereiter Hitlers wurde. General Erich Ludendorff saß im Direktorium der Waffenschmiede Krupp und im Reichstag. Er beherrschte Banken, Verlage und Filmfabriken, hob Hitler in den Sattel und wurde an dessen Seite Minister. Hermann Joseph Abs war der größte deutsche Finanzoligarch und dirigierte unter Hitler und Adenauer die Deutsch Bank, deren Kapital die Wiege der Ufa polsterte. Er wurde nach 1945 als Kriegsverbrecher zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, wurde aber durch Bundeskanzler Adenauer und dessen Staatssekretär Globke, dem Mitverfasser der Nürnberger Rassegesetze der NS-Zeit, nach zwei Jahren von dieser düsteren Aussicht befreit.

Die Taufpaten der UFA waren also die deutsche Heeresleitung und die Deutsche Bank. Der Oberbefehlshaber wurde dann Goebbels. Der Auftrag war die psychologische Mobilmachung gegen Kommunisten, Juden und andere »Untermenschen « für die Expansion des deutschen Reiches und Geistes! »Davon geht die Welt nicht unter …«? Doch, sie ging mit abermillionen Toten in allen Nachbarstaaten zu Bruch!

Die Ufa sollte als geistiger Brandstifter zerschlagen werden. Adenauer hat sie gerettet. Man ließ Marika Rökk wieder tanzen und Willy Birgel wieder reiten. Die neckischen Heimatfilme ließen die Ruinen und ihre Verursacher schnell vergessen. In Ostdeutschland startete im Mai 1946 die DEFA mit den dortigen Restbeständen der Ufa Potsdam-Babelsberg. Der erste Film hieß »Die Mörder sind unter uns!« Regie Wolfgang Staudte, Hauptrolle Hildegard Knef. Der Titel wurde zum Programm für 700 Kino- und 540 Fernsehfilme für ein anderes Deutschland. 

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