Jens Jansen

Streicheleinheiten

Die Öffentlichkeit entdeckt ihr Herz für den Ossi

Heute kann ich es ja sagen: Am 28. Einheitstag lief eine Träne über mein Gesicht. So viele Streicheleinheiten gab es noch nie für die Opfer der Wende in Ostdeutschland! Bundespräsident Steinmeier, Kanzlerin Merkel, der Präsident des Bundestages Schäuble, der CDU-Fraktionschef Brinkhaus, SPD-Landeschef Müller – sie alle sangen im Chor, worauf viele Millionen Ostdeutsche 28 Jahre warten mussten: Eine »kritische Auseinandersetzung mit dem Einigungsprozess« sei fällig. Es gälte »emotionale Wunden zu heilen«. Viele Ostdeutsche seien nach 1990 »nicht fair behandelt worden«. »Mehr Respekt für die Leistungen der Ostdeutschen« sei nötig. Bei der Wiedervereinigung seien »Fehler begangen worden«. Die Einheit sei »noch lange nicht vollendet. Das ist ein langer Weg. Wir müssen einander zuhören und aufeinander zugehen«.
Da fiel mir dann mein Taschentuch aus der Hand. Derlei hatte ich bisher nur von Ost-Anwalt Gysi, von den LINKEN und von den dortigen Opferverbänden der Wende gehört. Das war ja auch nötig. Der DDR wurden doch von der Treuhand beide Beine amputiert. Dann waren drei Millionen Fachkräfte ohne Job und Lohn. Die wurden dann Auswanderer oder Pendler. Die Städte wurden überflutet von ALDI und Lidl, Quelle und Beate Uhse, Camel und Golden American. Da boomte endlich die Westwirtschaft als Kohl schon verzweifelte. Aber zwischen Elbe und Oder zogen Existenzängste ein, die mit Kaffeefahrten nach Neuschwanstein nicht zu stoppen waren. Es kam zu Hungerstreiks gegen Betriebs-Schließungen. Viele Städte und Dörfer verödeten. Die Ossis fühlten sich wie »Fremde im eigenen Land«. Dazu die Hähme der Altbundis: »Habt ihr doch selber schuld!« »Ihr jammert doch bloß, statt ranzuklotzen!«
Ach, liebe Brüder und Schwestern, habt Ihr denn nie gesehen, dass der Osten nach dem Krieg das Armenhaus Deutschlands war? Da standen nur fünf schrottreife Hochöfen, während an Rhein und Saar 150 den Stahl für den Wiederaufbau kochten. Habt ihr nie gehört, dass wir – auch für Bonn – die beträchtlichen Reparationen für Hitlers »verbrannte Erde« an Moskau bezahlen mussten, während ihr am Tropf des Marshallplanes das »Wirtschaftswunder« feiern konntet? Dass wir dennoch die Kitas, Schulen, Kulturhäuser und Landambulatorien gebaut haben, die euch heute noch fehlen? Viele »Besserwessis« wissen doch immer noch weniger über die DDR als über Grönland. Geschweige über das Ausmaß der materiellen und geistigen Enteignung nach dem Einmarsch der Bonner »Entwicklungshelfer«, die fast alle Chefposten übernahmen. Und dennoch – oder deshalb – hechelt Neufünfland dem Westen nach 28 Jahren immer noch um 20 bis 50 Prozent auf vielen Gebieten hinterher. So wachsen »Wutbürger« heran, die zum Rammbock der Alt- und Neonazis werden!
Falls am 30. Jahrestag der Einheit aus Deutschland ein Gauland geworden ist, müssen wir wohl wieder den Gruß »Sieg Heil!« einführen. Immerhin stehen schon 10.000 Bundeswehr-Soldaten an der russischen Grenze im Baltikum. Wie kann man so gewissenlos sein! Da brauche ich gleich wieder mein Taschentuch. Lasst doch endlich Vernunft und Solidarität walten! Holt mal die »Ruck-Rede« (26.4.1997) von Alt-Bundespräsident Roman Herzog aus dem Archiv. Der meinte keinen Rechtsruck! Der verlangte »die Gestaltung einer friedlichen Zukunft ohne Existenzängste. Mit Schwung, statt mit quälender Langsamkeit. Durch zügige Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft. Ohne die Selbstblockade der politischen Institutionen. Und das in Ost und West.« Wenn das gelingt, bin ich bereit, am 30. Einheitstag noch mal zu heulen.

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