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DISPUT

Sozialistisch in den USA

Das nordamerikanische Magazin »Jacobin« entwickelt linke Perspektiven und neomarxistiche Gesellschaftskritik – und ist erfolgreich. Wie geht das?

Von Susanne Lang

Der Erfolg der in New York ansässigen, vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift »Jacobin « ist atemberaubend. In nur sechs Jahren ist das im Jahr 2011 von einem 21-jährigen Collegestudenten gegründete neomarxistische Zeitschriftenprojekt bei einer Aufl age von 36.000 gedruckten Exemplaren angekommen – enorm für ein verlagsunabhängiges Projekt.

Jede der etwa 100-seitigen, vierfarbig und hochwertig gedruckten Ausgaben wird aufwändig graphisch gestaltet. Datenjournalistische Übersichten ergänzen die gründlich recherchierten Artikel, die mit jeder Ausgabe einen neuen Themenkomplex in den Blick nehmen: Emanzipation, Liberalismus, Parteien und Organisierung oder Gewerkschaften und Arbeitskämpfe. Zusätzlich zum gedruckten Heft werden auf der Website die Debatten ergänzt und fortgeführt, so dass die Druckausgabe und die Onlineversion miteinander verzahnt, aber nicht gleich sind. Das Heft kostet im Jahr 29 Dollar, die Online-Debatten sind kostenlos einsehbar. Für Linke in Deutschland lohnt sich der Blick darauf gerade in Zeiten von Donald Trump, um einen Einblick in sozialistische Diskussionen in den USA zu bekommen.

Der Gründer, Bhaskar Sunkara, kommt aus einer durchschnittlichen US-amerikanischen Mittelschichtsfamilie. Seine Eltern sind Ende der 1980-iger Jahre aus Trinidad und Tobago in die USA migriert. Er ist Teil einer Generation, die sich durch die Finanzkrise und in Protesten wie Occupy Wallstreet politisierte und den kalten Krieg nur aus Büchern kennt. Eine positive Bezugnahme auf historische sozialistische Projekte ist für Sunkara ebenso unkompliziert wie marxistische Kritik. Als Vorbild nennt Sunkara die USAmerikanische sozialistische Zeitung »Appeal to Reason«, die um 1910 mit einer Aufl age von mehr als 500.000 gedruckten Exemplaren Ausdruck einer starken sozialistischen Bewegung in den USA war – als Teil einer solchen Massenbewegung wollen er und die Redaktion sich gern sehen.

Die ersten Schritte auf dem Weg zu einer Massenbewegung müssen lokal und in der Fläche gegangen werden: Da es in vielen US-amerikanischen Städten keine Anlaufpunkte für sozialistische Politik gibt, hat »Jacobin « Lesegruppen initiiert, von denen es inzwischen über 100 gibt. Einmal im Monat kommen dort Leute zusammen, diskutieren, lesen, vernetzen sich unter dem Motto: »Don‘t study collective action alone«, was übersetzt in etwa heißt: »Kollektive Handlung kann man nicht allein lernen.« Dieser Ansatz wird beim Lesen von »Jacobin« regelrecht spürbar. Die Zeitschrift verkörpert einen bewegungsorientierten Politikbegriff, der gleichzeitig nicht anti-intellektuell ist. Aktuelle politische Auseinandersetzungen werden vom Magazin nicht kritisch begleitet oder vorbereitet, vielmehr ist die Redaktion, die Autoren- und Leserinnenschaft Teil dieser Auseinandersetzung.

»Jacobin« will nicht nur wachsen, sondern erweitert sich auch. Im Frühjahr 2017 startete Sunkara die Zeitschrift »Catalyst«, die im ähnlichen Design daherkommt, sich aber politischen Theorien und Strategien widmet. Die Redakteure sind zwei altbekannte Veteranen der US-amerikanischen linken politischen Theorie: Robert Brenner und Vivek Chibber.

Ob Brenner und Chibber den Erfolg von »Jacobin « fortführen können und ob sich die nordamerikanische Linke mit und durch Jacobin zu einer Massenbewegung entwickelt, bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall kann »Jacobin« linken Zeitschriftenprojekten in Deutschland Mut machen und sie inspirieren.

www.jacobinmag.com

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