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DISPUT

Sozial-ökologisch denken

Zum Einstieg ganz direkt: Warum sollte sich DIE LINKE stärker um ökologische Fragen kümmern?

Ganz einfach, weil sie es bisher noch viel zu wenig tut! Wenn DIE LINKE sich und ihren Anspruch an gesellschaftliche Veränderung ernst nimmt, dann muss sie ihr Profi l an dieser Stelle breiter aufstellen und kann das Thema nicht weiter so nebenher laufen lassen. Die natürlichen Lebensgrundlagen sind eine der größten Baustellen für jetzt lebende Generationen. Wer da soziale und ökologische Fragen als zwei verschiedene Dinge oder sogar gegeneinander diskutiert, hat eigentlich den Knall nicht gehört.

Im Wahlprogramm zur Bundestagswahl heißt es: »Wir müssen uns entscheiden, was wir retten wollen: Kapitalismus oder Klima.« So gesehen scheint es aus linker Sicht da keinen Zweifel zu geben. Woran hakt es also?

Da hat das Programm auf jeden Fall Recht. Der Kampf gegen den Klimawandel bietet beste Voraussetzungen für linke Politik, an einem Thema mit großer Aufmerksamkeit die darin brodelnde Gerechtigkeitsfrage aufzumachen. Immerhin entscheiden wir gerade über die Chancen künftiger Generationen, auf den bewohnbaren Resten des Planeten die gerechtere Gesellschaft überhaupt noch aufbauen zu können, in der dann die Forderung »Genug für alle« auch wirklich umgesetzt wird. Gleichzeitig tun sich viele Linke schwer mit dem Thema, weil wir allesamt in Vorstellungen und Bildern von Fortschritt und Glück verwurzelt sind, von denen wir etliche über Bord schmeißen müssten. Und das ist natürlich nicht einfach. Die Wahrheit bleibt aber, dass das gute Leben, das ja für alle erkämpft werden soll, bisher in Wirklichkeit fast immer nur auf Kosten anderer und der planetarischen Grenzen zu haben war. Da stehen wir alle, und nicht nur als LINKE, noch ziemlich am Anfang eines notwendigen Umdenkens.

Auf der programmatischen Ebene bietet DIE LINKE mit dem sozial-ökologischen Umbau eine wirkliche politische Alternative. Warum findet das nicht mehr Unterstützung?

Die Unterstützung wächst, aber noch zu langsam. DIE LINKE macht es im Moment Menschen, die die Systemfrage stellen und dabei auch den Klimawandel, Wachstumskritik oder nachhaltigere Industriemodelle mitdenken, nicht immer leicht, bei ihr anzudocken. Obwohl der sozialökologische Umbau der Gesellschaft Kern unserer Erzählung ist, scheuen wir uns an vielen Stellen, wirklich über konkrete Schritte hin zu dieser Transformation zu sprechen. Deswegen teilen zwar viele unsere Kritik an Ausbeutung, Kriegen, krasser Ungleichheit und Naturzerstörung, trauen uns aber nicht wirklich zu, auch praktische Lösungen zu liefern. Wer genauer hinschaut, wie der Klimawandel wirkt und auf welche Verwerfungen wir da zusteuern, muss sich der sehr begrenzten Lösungskompetenzen des jetzigen Gesellschaftssystems klar werden. Im Grunde bleiben Menschen, die einmal verstanden haben, wie maßgeblich der Kapitalismus mit diesem Scheitern an den ökologischen Herausforderungen zu tun hat, gar nicht viele andere Wahloptionen als DIE LINKE. Viele von denen geben uns in Gesprächen aber mit, dass sie da deutlich mehr erwarten. Ich drücke uns die Daumen, dass alle, die jetzt neu dazu stoßen und denen diese Themen wichtig sind, lange genug durchhalten, bis sich die Partei mit ihrer Unterstützung entsprechend geändert hat.  

Der sozial-ökologische Umbau dürfte eine längerfristige Aufgabe sein. Gibt es konkrete Beispiele, wo es LINKER Politik gelingt, diesen Wandel hier und jetzt anzugehen?

Es gibt sie, aber zu selten. Vor allem auf kommunaler Ebene initiieren und unterstützen Linke bereits viele Schritte in die richtige Richtung. Aus diesen guten und schlechten Erfahrungen, die es vielerorts gibt, müssen wir Lösungen bauen, die modellfähig sind. Beim Umbau ganzer Industrieregionen wird das natürlich kompliziert. Und da sollten wir auch nicht so tun, als hätte DIE LINKE einen Masterplan zur Hand, wenn man sie denn nur mal machen ließe. Erfahrungen des Gelingens, wie etwa eine komplette Kohleregion so umgebaut werden kann, dass Tausende ihre abgesicherten, gewerkschaftlich organisierten und hoch anerkannten Jobs in gleicher Qualität vor Ort ersetzt bekommen, können wir jedenfalls nicht wirklich aus dem Hut zaubern. Solche Patentrezepte hat aber auch sonst niemand parat. Trotzdem ist der Umbau der Industrie an vielen Stellen nötig. Ein Grund mehr, uns mit den Beschäftigten, den Kommunen und den Protesten hinzusetzen und Alternativen zu diskutieren, statt uns schreckhaft auf die Seite derer zu schlagen, die so tun, als könnten wir einfach möglichst lange so weitermachen wie bisher. Das hat am Ende weder etwas mit Solidarität zu tun noch wird es funktionieren.

Wer sind aus deiner Sicht die treibenden Kräfte für einen sozial- ökologischen Umbau? Wird DIE LINKE da als politischer Partner wahr- und angenommen?

Wenn wir von sozial-ökologischem Umbau reden, dann brauchen wir eigentlich so ziemlich alle. Als demokratische Partei ringt DIE LINKE um gesellschaftliche Mehrheiten, die sie ganz allein auf absehbare Zeit nicht organisieren kann. Bündnisse für etwas wirklich Neues, aus treibenden und zögernden Kräften, werden nur zu Stande kommen, wenn es uns gelingt, andere Formen zu produzieren und sie zu leben vorstellbar zu machen. Durch ihre Beziehungen zu Gewerkschaften, sozialen Bewegungen und anderen gesellschaftliche Gruppen kann DIE LINKE dazu beitragen, Räume zu schaffen, in denen Wandeloptionen erforscht, erprobt und breit diskutiert werden – und aus denen heraus dann auch gemeinsamer Druck für Veränderungen entstehen muss. Wo DIE LINKE auf Augenhöhe mitarbeitet und sich langfristig einbringt, funktioniert diese Kooperation gut. Insgesamt sehe ich aber auch noch viel Luft nach oben. So könnten die Beziehungen zu den Umweltverbänden und -bewegungen vielerorts noch deutlich ausgebaut werden.

Laut Fahrplan 2018 soll die Frage, wie das sozial-ökologische Profi l der LINKEN weiterentwickelt werden kann, »mit etwas längerer Perspektive« diskutiert werden. Was sollten die zentralen Themen und strategischen Fragen sein?

Zu einem glaubwürdigen sozial-ökologischen Profil kommt DIE LINKE, wenn sie das, was an Programmatik längst vorliegt, ernster nimmt. Zum Glück mangelt es nicht an guten Vorschlägen. Auf allen Ebenen, von der kommunalen bis zur europäischen, gibt es jede Menge Konzepte und Politikvorschläge. Es hapert aber noch an der Konsistenz, diese Ideen miteinander zu verknüpfen und Widersprüchliches darin auszudiskutieren. Werden diese notwendigen Debatten verschleppt oder gedeckelt, weil sie mitunter unbequem sind, wird uns das früher oder später auf die Füße fallen. Das gilt zum Beispiel für Fragen der Lebensweise. Es ist in Ordnung, von links anzumerken, dass »kritischer Konsum« und individualisierte Verantwortung keine Lösung sind. Klar, was wir brauchen, sind gesellschaftliche Antworten. Man muss aber als LINKE auch sagen, dass die Vorstellung von Wohlstand und gutem Leben, die wir alle haben, in vielerlei Hinsicht keine zukunftsfähigen Modelle mehr sind, weil sie auf einer globalen Ebene absolut zerstörerisch sind. Viele haben Angst, dass es uns als Verzichtsdiskurs ausgelegt wird, wenn wir die ökologische Frage wirklich radikal diskutieren – den Irrsinn des Wachstumswahns, die Endlichkeit der Ressourcen und den krass ungleich verteilten Zugriff darauf. Mir scheint aber die Gefahr viel größer, uns selbst überflüssig zu machen, wenn wir uns dieser Herausforderung nicht stellen. Am Ende geht es darum, eine gesellschaftliche Perspektive zu gewinnen, in der wir Ausbeutung überwinden und das gute Leben für alle durchsetzen, ohne dabei seine Grundlagen zu ramponieren. Eigentlich bin ich optimistisch, dass wir hierbei in Zukunft viele tolle Leute kennenlernen werden. Sie zu überzeugen, an uns zu binden und gleichzeitig sozial- ökologisches Denken fester im linken Selbstbild zu verankern, das ist auch ein Kampf um die Zukunft der Partei. Das und nicht weniger müssen wir schaffen, wenn wir als glaubhafte gesellschaftliche Alternative in den Ring steigen wollen.

Interview: Judith Gouverneur 

Steffen Kühne ist Sozialwissenschaftler und arbeitet als Referent für sozial-ökologischen Umbau und stellvertretender Direktor der Akademie für Politische Bildung bei der Rosa-Luxemburg- Stiftung in Berlin. Nach Feierabend engagiert er sich bei ver.di, in der LINKEN und für einen zeitnahen Kohleausstieg.

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