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DISPUT

Sommerpause is nich …

Etwas aushalten und durchstehen, das können beide gut: die LINKEN SpitzenkandidatInnen Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch

Von Gisela Zimmer 

Es ist der letzte Tag im Juni, später Freitagnachmittag, ein besonderer Ort, das Gasometer mit seinem großen Rund und der erhabenen Kuppel in Berlin-Schöneberg. Es soll gefeiert werden. Denn dieser 30. Juni 2017 setzt eine Marke. Die letzte Sitzungswoche im Bundestag ist vorbei.

Vorbei damit auch wieder einmal vier Jahre Parlamentsarbeit, in der diesmal DIE LINKE die Oppositionsführung innehatte. Jetzt kann oder könnte es in die Sommerpause gehen. Für das Gros der Abgeordneten wird es allerdings nur eine kurze Verschnaufpause werden. Im September wird neu gewählt, diesmal mit dem Doppel Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch an der Spitze.

Sportlich

Die Nummer Eins zu sein erproben beide schon seit zwei Jahren. Im Herbst 2015 übernahmen sie gemeinsam den Fraktionsvorsitz. So lange wird nun auch schon versucht, das berühmte Haar in der Suppe zwischen beiden zu finden. Liest man Interviews der großen überregionalen Zeitungen, findet sich ständig die Frage, ob nicht der Eine im Schatten der Anderen stehen würde und umgekehrt. Dietmar Bartsch mit seinen Einmeterdreiundneunzig kontert da lächelnd: »Wenn wir nebeneinander stehen, steht eher sie in meinem Schatten.« Nein, das sei Unsinn und solle nur Zwietracht säen, Punkt. Sahra Wagenknecht nimmt es ähnlich sportlich, findet es darüber hinaus »wunderbar, sich absprechen und Termine teilen zu können«. Für beide sei das kein Wettlauf untereinander, auch wenn »draußen vor der Tür« darauf gewartet wird. Es ginge, so Bartsch, »um den politischen Erfolg«.

Dietmar Bartsch sagt von sich selbst, er sei ein sogenannter Sturkopf aus dem Norden. 1958 in einem kleinen Ort in Mecklenburg geboren, gehören die Küste, das Meer bis heute zu ihm wie der hörbare norddeutsche Zungenschlag beim Reden. Auch scheint er die für Mecklenburger typischen Klischees zu erfüllen: kühl, nicht aus der Ruhe zu bringen, unaufdringlich, einer, der seine Gefühle nicht nach außen trägt. Stimmt vielleicht! Oder ein bisschen, weil ja immer auch ein Fünkchen Wahres im Klischee steckt. Es heißt aber auch: Er kann zuhören, hält nichts von Schwarz-Weiß-Denken, von Gut- und Böse-Einteilungen, hinterfragt, vermittelt, entscheidet im Team.

In die Wiege gelegt wurde ihm das Politikersein allerdings nicht. Wirtschaft stand auf seinem persönlichen Karriereplan. In den 1980er Jahren studierte Bartsch in Berlin Politische Ökonomie, ging 1986 nach Moskau an die Akademie für Gesellschaftswissenschaften. Dort wollte er promovieren, dort erlebte er Gorbatschow und Glasnost aus nächster Nähe, die Wende im Osten Deutschlands eher aus der Ferne. Trotzdem, 1990 hätte Dietmar Bartsch mit dem SEDPDS- Ticket für die erste frei zu wählende Volkskammer antreten können. Machte er aber nicht, sondern schloss erst einmal seine Doktorarbeit ab. Wollte zu Ende bringen, was er angefangen hatte. Ein Prinzip, das ihn bis heute ausmacht: etwas aushalten, durchstehen.

Etwas aushalten und durchstehen, das können beide gut. Auch Sahra Wagenknecht. Vielleicht, weil sie schon früh als Kind lernen musste, zu sich zu stehen. Ihr Vater ist Iraner, in seinem Heimatland gilt er als verschollen seitdem das Mädchen Sahra drei Jahre alt war. Anfänglich lebte sie bei den Großeltern im thüringischen Jena, dann mit ihrer Mutter in Berlin-Karlshorst.

Sie sah anders aus, sie las andere Bücher als Gleichaltrige, studieren konnte sie erst nach dem gesellschaftlichen Umbruch in der DDR. Heute ist sie promovierte Volkswirtin, studierte Philosophin, Autorin zahlreicher Bücher und das prominente weibliche Gesicht der LINKEN. Ihre Markenzeichen: ihre Frisur, ihr feminines Auftreten, ihre Redegewandtheit. Die lässt so manchen männlichen Experten in diversen Talkshows leise bis still werden. Das bringt ihr viel Bewunderung, aber auch Neid bis Hass ein. In einem Porträtfilm, den Reinhold Beckmann unlängst für die ARD über Frontfrauen in der Politik gedreht hatte, spricht Sahra Wagenknecht über den Shitstorm in den sozialen Medien. Das überschreite »jede vorstellbare Grenze im Umgang miteinander«, sei schwer auszuhalten.

Aushalten muss Sahra Wagenknecht auch, dass sie immer mal wieder auf frühere Aussagen und Haltungen angesprochen wird. Medien, vor allem das Netz, vergessen nichts. Sie sei »viel ruhiger, gelassener geworden «, sagt sie. In jungen Jahren schaut man anders auf die Welt. Seit fünf Jahren ist Sahra Wagenknecht im Saarland zuhause, in einem Örtchen nahe der französischen Grenze. Im Dezember 2014 hatten sie und Oskar Lafontaine geheiratet. Da ist Stille, Landschaft pur, Alltag angesagt und vor allem Rad fahren. Keine Kaffee-Spazierfahrten. Sahra Wagenknecht tritt kräftig in die Pedale. Hundert, es können auch gut einhundertzwanzig Kilometer am Stück sein. Die gehen über Berg und Tal, Pausen gibt es nur zum Wasser trinken.

Sport, um den »Kopf wieder frei für neue Gedanken zu bekommen « treibt auch Dietmar Bartsch. Am liebsten Beachvolleyball. Aber auch den Denksport Schach liebt er. Unlängst fand im Bundestag ein Schachturnier mit Anatoli Karpow statt. Der war immerhin von 1975 bis 1985 Schachweltmeister und von 1993 bis 1999 FIDE-Weltmeister, das ist der Titel des seinerzeit konkurrierenden Schachverbandes. Gewonnen hat Bartsch die Partie nicht, aber das teilt er mit Abgeordneten aus anderen Fraktionen, die ebenfalls am russischen Schachmeister im Ruhestand scheiterten.

Durch die Republik

Sommerpause! Ende Juni wurde sie im anfangs erwähnten Gasometer in Berlin eingeläutet. Mit kurzen Reden von Bodo Ramelow über Gregor Gysi bis hin zu Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch. Dazu gab es kleine Filmschnipsel und Songs und Balladen. Unter anderem von Nina Hagen, dem bunten Vogel, mal Punk Lady, an dem Abend Brechtinterpretin. Sie und Sahra Wagenknecht sind miteinander befreundet. Unterschiedlicher können zwei Frauen eigentlich nicht sein. Jedenfalls äußerlich. Aber Sahra wollte auch mal Punk Lady sein, damals mit dreizehn Jahren, eine kurze Phase. Sie hat die Politik dem Punk vorgezogen, steht seither auch auf der Bühne, füllt Säle und Hallen.

In diesen Tagen nun sind beide, die Spitzenfrau und der Spitzenmann, längst auf Wahlkampftour. Quer durch die Republik, in den großen Städten zwischen Hamburg und München, in ihren Wahlkreisen Nordrhein- Westfalen und Mecklenburg- Vorpommern, in Stadt und Land. Darum fällt sie auch aus, die Sommerpause, für sie und andere linke Kandidatinnen und Kandidaten. Das gemeinsame Ziel: »Eine grundlegend andere, soziale Politik« und »möglichst zweistellig als drittstärkste Kraft in den Deutschen Bundestag einziehen«.

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