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DISPUT

Revolution im Widerstreit

Vor 100 Jahren machten die Bolschewiki ernst: »Frieden, Brot, Freiheit und Land«. Mit dem Sturm auf das Winterpalais begann die Oktoberrevolution

Von Stefan Bollinger

Der Blindschuss der »Aurora«, der Sturm auf das Winterpalais, prägen unsere Erinnerung an 1917. In unserem Kopf sind die Filmszenen von Sergej Eisenstein zum 10. Jahrestag der Revolution. Die Wirklichkeit war prosaischer, wennschon kaum weniger dramatisch.

Heute über die Oktoberrevolution zu sprechen, erfordert einen detaillierten und zugleich komplexen Blick. Wie alle Klassenkämpfe, aber auch der Streit unter Linken, ist 1917 nicht zu den Akten gelegt, sondern so präsent wie vor 100 Jahren. Mit dem Oktober wie dem gesamten Realsozialismus bleibt das Ringen um ein linkes Profi l bis heute ebenso verbunden wie der Streit mit politischen Gegnern, denen jede sozialistische Alternative eine tödliche Bedrohung ist.

 Für Generationen von Linken – meist unabhängig von ihrer Haltung zum Realsozialismus – war die Oktoberrevolution das Ereignis des 20. Jahrhunderts, der Beginn einer »Epoche des weltweiten Übergangs zum Sozialismus« und Sinnbild für handelnde Massen. Spätestens mit dem Bruch der Jahre 1989/91 haben sich diese Erwartungen als nicht realisiert erwiesen. Der Sowjetstaat löste sich auf, das Gesellschafts-, und militärische Blocksystem im Namen des Roten Oktober kapitulierte faktisch vor dem Kapitalismus und zerfiel. Ein wiedererwachter Nationalismus meldete sich zuweilen kriegerisch zurück und die kapitalistische Restauration triumphierte. Die kommunistische Bewegung, die einst den Sieg errang, resignierte, kapselte sich ein oder erfand sich neu – ohne die Massen noch mobilisieren zu können wie einst.

Neue Annäherungen

Von der Last der Geschichte befreit, lässt sich heute ungezwungener nachdenken. Nicht wenige wollen diese Revolution vergessen machen. Für viele moderne Linke ist sie ob ihrer Gewalt und ihrer Fehler, Irrtümer und der in ihrem Namen begangenen Verbrechen nicht anschlussfähig.

Das Abwerfen von Ballast ermöglicht allerdings einen schärferen Blick auf das, was 1917 nicht voraussetzungslos in die Welt trat. Vor allem gestattet es, den Kern dieser Revolution freizulegen – gegen den imperialistischen Krieg, für einen Frieden ohne Annexionen und Kontributionen, für einen Bruch mit einem Kapitalismus, der Kriege als Garant für Maximalprofite braucht. Die Bolschewiki gewannen die Massen, weil sie in der Friedensfrage kompromisslos waren. Gleichzeitig nahmen sie sich der Forderungen an, die Arbeiter und Bauern des krisengeschüttelten, kriegsmüden, hungernden und aufbegehrenden Landes stellten: Frieden, den Bauern den Boden, den unterdrückten Nationen die Chance zur Selbstbestimmung bis hin zur Lostrennung. Die Bolschewiki nahmen die demokratischen Errungenschaften des Februars ernst. Für sie durften aber Wahlen und Parlamentarismus nicht die Klassenspaltung fortschreiben, sondern sie wollten mit den Sowjets basisdemokratische Strukturen, in denen die Objekte der Politik, die Arbeiter, Bauern, Soldaten, handelnde Subjekte wurden. Sie wollten nicht nur Mitbestimmung in den Fabriken, sondern deren Verstaatlichung, erwartend, dass dies eine Vergesellschaftung werde.

Zunächst, was heute auf »russische « Revolution(en) reduziert wird, waren »russländische« Revolutionen, also das Aufbegehren nicht nur der Russen, sondern vieler Völkerschaften, auch unter sozialistischem Vorzeichen. Dass in den auch dort schnell einsetzenden Bürger- und Interventionskriegen – wie im Baltikum oder Finnland – schließlich die Reaktion die Oberhand behielt, gehört zu den bekannten Wahrheiten. Ebenso, dass andere Auseinandersetzungen – wie in der Ukraine – in den Sowjetstaat führen.

Zur neuen Einsicht gehört, dass von Russischen Revolution»en« im Plural gesprochen werden muss. Februar und Oktober hängen unmittelbar zusammen. Die Bolschewiki hatten deshalb Erfolg, weil sie die Inkonsequenzen der Provisorischen Regierung entlarvten, ihren bürgerlichen Charakter und ihre Unterwürfigkeit unter die Forderungen der Bündnispartner Großbritannien und Frankreich, vor allem aber gegenüber dem Kapital und Großgrundbesitz. Die Alternative gab es: die Sowjets. Hier hatten sich – wie schon 1905 – basisdemokratische Machtorgane gebildet, die unmittelbar die Stimmungen der Massen abbildeten und selbst Verantwortung für die Umsetzung der Beschlüsse übernahmen.

Die ersten Sowjets nach der Februarrevolution waren von Sozialrevolutionären und Menschewiki dominiert . Die Bolschewiki, als radikale Antikriegspartei besonders vom Zarismus verfolgt, mussten um Mehrheiten zäh ringen. Mit Lenins Heimkehr aus dem Exil und der Rückkehr der vielen Emigranten, begann ein erbittertes Ringen um Mehrheiten in den Sowjets. Dabei waren die Bolschewiki selbst keineswegs die streng disziplinierte und straff geführte Massenpartei. Selbst in ihrer Führung akzeptierten nicht alle Lenins strikten Kurs auf Sturz der Provisorischen Regierung und das Vorantreiben der Revolution in Richtung Frieden und sozialistische Perspektive. Lew Kamenew und Grigori Sinowjew, einflussreiche Bolschewiki, wollten abwarten, wollten ein Zusammengehen mit den Menschewiki, träumten im Herbst von einer breiten sozialistischen Regierung.

Hier musste Lenin immer wieder überzeugen gegen eine Regierung, die die drängenden sozialen Fragen, nicht zuletzt auf dem Lande, ebenso wie die nationalen Fragen aussaß und im Sommer Hunderttausende in einer aussichtslosen Offensive verheizte. Selbst der Schritt zum bewaffneten Aufstand stieß auf Widerstand in der Parteiführung. Auch hier war wieder Überzeugungsarbeit angesagt. Die Partei war ein lebendiger, widersprüchlicher Organismus. Ihre Mitgliederzahl verzehnfachte sich seit dem Frühjahr auf bis zu 300.000. Die Mitglieder mussten geschult, motiviert werden, die taktischen Züge Lenins akzeptieren und selbst in den Roten Garden kämpfen, ihre Arbeitskollegen und Kameraden gewinnen.

Revolutionärer Prozess

Wer heute von Revolutionen schwärmt, wird eher im Februar fündig, als Arbeiterinnen und Arbeiter massenhaft auf die Straße gingen, Widerstand leisteten und das Recht in die eigene Hand nahmen. Er wird an hitzige Versammlungen denken und die Revolution gerne als Festtag in Erinnerung behalten. Spätestens mit der Kerenski-Offensive im gehassten Krieg im Juni waren diese Festtage vorbei, die Doppelherrschaft von Regierung und Sowjets zerbrach, nachdem der Sowjetkongress sich zur Unterstützung der Offensive hatte überreden lassen. Die blutige Niederlage führte zum Aufbegehren Petrograder Arbeiter und Soldaten im Juli.

Sie löste eine blutige Repression seitens der Regierung aus, die sich vor allem gegen die Bolschewiki wandte, sie als »Vaterlandsverräter « diffamierte, ihre Presse unterdrückte, die Führer verfolgte, inhaftierte oder in den Untergrund trieb. Hier waren Massen auf der Straße, wenn auch noch ohne Erfolg. Sechs Wochen später sorgte der Putschversuch des von Kerenski eingesetzten reaktionären Oberbefehlshabers Lawr Kornilow für  eine erneute tiefe Krise. In der Abwehr des Putsches bewährten sich die bolschewistischen Strukturen. Rote Garden und Arbeiter zerstörten den Traum der Generäle von der Diktatur.

In dieser Vorgeschichte war der Sturm auf das Winterpalais und das Gewinnen des Zweiten Sowjetkongresses für die Revolution und eine neue Regierung – bestehend aus dem Rat der Volkskommissare auf der Basis einer kleinen Koalition von Bolschewiki und Linken Sozialrevolutionären – fast randständig, aber eben kein Staatsstreich. Es war der Abschluss einen Prozesses, der die Sowjets auf bolschewistischem Kurs sah. Am 7. November begann erst die soziale Revolution. Der Sowjetkongress beschloss Dekrete über Frieden, Boden, Verstaatlichung von Banken und Industrie. Er griff hinein bis in die nun auf Gleichberechtigung umgestellten Familienbeziehungen.

Gern wird vergessen, dass dies nicht allein und in erster Linie die Entscheidungen einer Zentrale waren, sondern dass sie tatkräftig in Betrieben und Kommunen umgesetzt wurden. Es wird auch ausgeblendet, das Bürger- und Interventionskriege letztlich die Entwicklung prägten und jenen Deformationen Vorschub leisteten, die als Stalinismus in die Geschichte eingingen. Denn zu den komplizierten Ausgangsbedingungen einer Revolution in Russland mit geringer Arbeiterklasse, schwacher Industrie und übermächtiger, obschon differenzierter Bauernschaft, dem Ausbleiben der Revolution im Westen, kam ein unerbittlicher Krieg im eigenen Lande.

Frühzeitig suchte sich die neue Macht gegen bürgerliche Kräfte, gegen Konterrevolution zu wehren, mit harten, nicht immer angemessenen Mitteln. Aber erst der Bürgerkrieg und seine unmittelbare Unterstützung durch 14 ausländische Mächte stieß das Land ins blutige Chaos. Zwiespältige

Bilanz

Der aus Not geborene »Kriegskommunismus « konnte keine Lösung sein. Er zerstörte das Bündnis mit der eben noch durch die Übergabe des Bodens dankbaren, nun zugunsten der Roten Armee und der Städter ausgepressten, wütenden Bauernschaft.+++ Darum gehören zu den Russischen Revolutionen unbedingt auch der Übergang zur neuen Ökonomischen Politik im Jahr 1921 und schließlich die Bildung der Sowjetunion 1922. Erst hier wurden jenseits der revolutionären Attacke die Grundlagen für sozialistisches Wirtschaften mit Markt, Geld und auch privaten Unternehmen gelegt. Mit der Bildung der UdSSR entstanden zumindest die Ansätze eines gedeihlichen Zusammenlebens der Völkerschaften.

Wir wissen, dass viele dieser Weichenstellungen nicht langfristig trugen. Zu schnell wurde aus der versprochenen Macht der Werktätigen eine für die Werktätigen, ausgeübt durch die Partei und ihre engste Führung. Das gehört auch zu den Erfahrungen mit dem Realsozialismus. Aber diese Erfahrungen belegen auch, dass es keine aussichtslosen Situationen gibt, dass Massen mit ihren Interessen und den von ihnen getragenen Organisationen und Parteien handeln können. Und schließlich, dass die Friedensfrage als Überlebensfrage eine der stärksten Antriebe für Gesellschaftsveränderungen sein kann. Insofern bleibt der Oktober lebendig und zwingt, ihn sich in seiner Widersprüchlichkeit anzueignen.

 

Stefan Bollinger ist Mitglied der Historischen Kommission beim Parteivorstand der Partei Die Linke.

Mehr zum Thema:

Oktoberrevolution.
Aufstand gegen den Krieg 1917-1922
Stefan Bollinger
224 Seiten
14,99 €
ISBN 978-3-360-01 882-3
auch als E-Book erhältlich

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