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DISPUT

Raubfrieden

Von Ronald Friedmann

Am 8. November 1917, buchstäblich nur Stunden nach der Übernahme der politischen Macht durch die Bolschewiki, verabschiedete der Allrussische Rätekongress der Arbeiter-, Soldaten und Bauerndeputierten das von Lenin formulierte Dekret über den Frieden. Es forderte alle kriegführenden Staaten zur sofortigen Aufnahme von Verhandlungen über einen Frieden ohne Annexionen und Kontributionen auf. Allen Völkern wurde das Recht zuerkannt, ihre Geschicke selbst zu bestimmen. Mehr noch: Mit dem Dekret über den Frieden wurde zum ersten Mal in der Geschichte in einem offiziellen staatlichen Dokument der Krieg als Mittel zur Lösung von internationalen Konflikten verurteilt.

Im Ergebnis dieser Friedensinitiative trat am 15. Dezember 1918 ein Waffenstillstand zwischen Sowjetrussland und Deutschland in Kraft, nachdem die Kampfhandlungen bereits in den Tagen zuvor weitgehend zum Erliegen gekommen waren. Am 22. Dezember 1918 begannen in der westrussischen Festungsstadt Brest-Litowsk die offiziellen Verhandlungen über einen Friedensvertrag.

Die sowjetrussische Regierung wollte den Frieden nicht nur, sie brauchte ihn auch. Es galt, die Lage zu stabilisieren und die infolge von Krieg und Revolution niederliegende Wirtschaft wieder in Gang zu setzen. So war die sowjetrussische Regierung von vornherein zu weitgehenden Zugeständnissen bereit. Allerdings hofften Lenin und seine Genossen auf Hilfe und Unterstützung von außen. Eine starke revolutionäre Bewegung gegen den Krieg insbesondere in Deutschland, so die Überlegung, würde die eigene Verhandlungsposition stärken. Der sowjetrussische Delegationsleiter hatte die Weisung erhalten, die Verhandlungen nicht zu forcieren, sondern auf Zeit zu spielen.

Das kaiserliche Deutschland allerdings wollte eine schnelle Lösung, die der militärischen Führung nicht nur erlauben würde, Truppen aus dem Osten abzuziehen und im Westen für eine »Entscheidungsschlacht« einzusetzen. Deutschland wollte auch und vor allem die Ukraine von Russland abtrennen und so den vollen Zugriff auf deren Ressourcen – industrielle Rohstoffe und Getreide – erlangen.

Am 10. Februar 1918 brach Trotzki, der seit Anfang Januar die sowjetrussische Delegation in Brest-Litowsk geleitet hatte, die Verhandlungen angesichts der räuberischen deutschen Forderungen ab. Gegenüber Lenin und der sowjetrussischen Regierung signalisierte er, dass auch Deutschland mit einem bloßen Waffenstillstand zufrieden wäre und dass es deshalb auch ohne Friedensvertrag zu keiner Fortsetzung des Krieges kommen würde. Doch war dies eine verhängnisvolle Fehleinschätzung.

Am 16. Februar 1918 erklärte Deutschland den Waffenstillstand für beendet, am 17. Februar 1918 wurden die Kampfhandlungen wieder aufgenommen. Zwei Tage später musste Sowjetrussland um Frieden bitten und der deutschen Seite mitteilen, dass es nunmehr zur vollständigen Annahme aller Bedingungen bereit sei. »Es gibt keine Armee mehr«, übermittelte Lenin in einem Telefongespräch dem Moskauer Sowjet. Die Deutschen griffen die ganze Front an. »Wer sich von der Sache und nicht von Phrasen leiten lässt, muss Frieden schließen und im Innern die Revolution weiter festigen und vertiefen.«

Zeit gewonnen

Die Forderungen, die Deutschland nun durchsetzen konnte, waren wesentlich dramatischer als die Bedingungen, die Trotzki noch wenige Tage zuvor als unannehmbar zurückgewiesen hatte: die Abtrennung Litauens, Polens und weiterer Gebiete des ehemaligen Zarenreiches von Sowjetrussland, die Anerkennung Finnlands und der Ukraine als selbständige Staaten, die Aufrechterhaltung des Okkupationsregimes deutscher Truppen in den besetzten Gebieten bis zum allgemeinen Frieden, der Abzug sowjetrussischer Truppen aus der Ukraine, aus Estland, Livland und Finnland und vieles mehr. Durch das Abkommen wurde ein Territorium von rund einer Million Quadratkilometer mit einer Bevölkerung von 46 Millionen Menschen von Sowjetrussland abgetrennt. Das Land verlor seine wertvollsten Getreidegebiete, fast alle Ölquellen, 90 Prozent seiner Kohlengruben und 54 Prozent seiner Industrie. Doch das Land gewann Zeit.

Angesichts der revolutionären Entwicklungen in Deutschland annullierte die sowjetrussische Regierung am 13. November 1918 das Abkommen von Brest-Litowsk. Mit dem Versailler Friedensvertrag vom 28. Juni 1919 musste die deutsche Seite die völkerrechtliche Gültigkeit dieses Schritts anerkennen.

Das Abkommen von Brest-Litowsk blieb eine Episode. Doch es steht bis heute als Beispiel für einen »klassischen « Raubfrieden.

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