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DISPUT

Queer erweitern

Von Anna Rinne und Bodo Niendel

Im Zentrum von Karl Marx' Arbeit steht die Kritik der politischen Ökonomie und damit sein Hauptwerk »Das Kapital«. Marx wurde früh klar, dass er sich in die »ganze ökonomische Scheiße« auf dem höchsten Stand der Wissenschaften einarbeiten musste, um den damaligen Vorstellungen von Ökonomie eine ausführliche Kritik gegenüberzustellen. Seine Kritik war visionär, da er vieles voraussah, manches blieb unvollendet. Die Aktualität von Marx' Kritik liegt in der Entschleierung der ökonomischen Formen, diese existieren so nur im Kapitalismus. Sie haben sich historisch herausgebildet und sind überwindbar. Der Kapitalismus musste bestimmte Bedingungen vorfinden, erst dann konnte sich eine Warengesellschaft entwickeln. Statt einer moralischen Kritik möchte Marx die gesellschaftlichen Muster offenlegen. Er grenzt sich von einer Kritik ab, »welche die Gegenwart zu be- und verurteilen aber nicht zu begreifen weiß.« Diese Darstellung des Kapitalismus sollte den Arbeitenden helfen zu sehen, dass ihre elende Situation nur aufgrund bestimmter gesellschaftlicher Bedingungen existierte und dass diese grundsätzlich veränderbar sind. Es war zugleich ein Werk, das er als Waffe für das Interesse der Arbeitenden verstand. Seine Vorhersage, dass nahezu alles im Kapitalismus zu einer Ware werden kann und sich dies ins Denken und Handeln aller Menschen einschreibt, so dass sie sich als »Charaktermasken« gegenüberstehen, ist erst heute in seiner Tragweite erkennbar.

Doch auch seine Kapitalismuskritik hat Grenzen. Sexualität und Geschlechterverhältnisse sind so welche. Zwar durchzieht der Kapitalismus auch sie. Aber weder hat der Kapitalismus sie hervorgebracht, noch kann man diese aus ihm herleiten.

In den vergangenen Jahrzehnten sorgten die Gender- und Queer-Theorien für einen bislang fehlenden, analytischen Blick auf Sexualität und Geschlechterverhältnisse. Das Werk von Judith Butler, insbesondere »Das Unbehagen der Geschlechter«, hat zu einer neuen Perspektive auf Geschlechter geführt. Sie geht von einer sozialen und kulturellen Herstellung der Geschlechter aus, auch des biologischen Geschlechts. Die Vorstellung von nur zwei Geschlechtern hinterfragt sie. Eben diese Vorstellung von Mann versus Frau, aufeinander bezogen seien, sich begehren. Das nennt sie »heterosexuelle Matrix«. Obwohl es sich um gänzlich verschiedene Ansätze handelt, beschreibt Butler das Handeln der Menschen in ähnlicher Weise wie Marx. Anspruchsvoll und engagiert werfen sie einen radikalen Blick hinter die Kulissen der Erscheinungsebene.

Mit der Überwindung des Kapitalismus/der Warengesellschaft sind keine patriarchalen Verhältnisse und keine Norm der Heterosexualität oder Transfeindlichkeit überwunden. Umgekehrt auch nicht. Beide Ansätze verbindet, dass sie einen impliziten Wunsch äußern, eine Welt ohne Waren (ergo Kapitalismus), eine Welt ohne die Norm der Geschlechter zu schaffen. Doch zugleich ragen beide Kritiken über das hinaus. Es geht um ein mehr an Freiheit und Selbstbestimmung für alle Menschen.

Anna Rinne ist Gesundheits-, Pflege-, Inklusions, -SeniorInnenpolitikreferentin der Fraktion DIE LINKE in der Hamburger Bürgerschaft.

Bodo Niendel ist Referent für Queerpolitik der Bundestagsfraktion DIE LINKE.

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