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DISPUT

Patrioten

Vor fünfundsiebzig Jahren gründeten deutsche Kriegsgefangene und antifaschistische Emigranten bei Moskau das »Nationalkomitee Freies Deutschland«

Von Ronald Friedmann

Über Jahre hinweg zeigte die politische Arbeit sowjetischer Offiziere und deutscher Kommunisten unter den deutschen Kriegsgefangenen kaum Wirkung. Zu tief war die faschistische Ideologie in den Köpfen der deutschen Soldaten und Offiziere verankert, zu offensichtlich schien die militärische Schwäche der Roten Armee. Die Wende kam – wie für den gesamten Zweiten Weltkrieg – mit dem Sieg der sowjetischen Truppen und der vernichtenden Niederlage der deutschen Wehrmacht in der Schlacht von Stalingrad im Winter 1942/1943. Es stieg nicht nur die Zahl der kriegsgefangenen Deutschen in der Sowjetunion, es stieg auch deren Bereitschaft, über die Ursachen des Krieges und das künftige Schicksal Deutschlands nachzudenken und – wenn auch in geringerem Maße – durch eigenes Handeln zu einem schnellen Ende des Krieges beizutragen.

Im Frühsommer 1943 wurden rund 250 kriegsgefangene Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere als Delegierte zum Gründungstreffen des NKFD, des Nationalkomitees Freies Deutschland, entsandt, das am 12. und 13. Juli 1943 bei Moskau stattfand. Weitere fünfzig Personen nahmen an der Zusammenkunft als Vertreter der antifaschistischen Emigranten teil, die in den Jahren der Hitlerdiktatur in der Sowjetunion Zuflucht gefunden hatten. Zu ihnen gehörten Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht und Anton Ackermann als Vertreter der KPD sowie die Schriftsteller Erich Weinert, Johannes R. Becher, Friedrich Wolf und Willi Bredel. Die Teilnehmer des Gründungstreffens, das unter der Losung »Für ein freies unabhängiges Deutschland! « stand, beschlossen nach zweitägiger Diskussion ein »Manifest an die Wehrmacht und an das deutsche Volk«. Mehr als ein Jahr vor dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 bekannten sich mit diesem Manifest deutsche Soldaten und Offiziere zu ihrer Verantwortung: »Der Krieg ist verloren. Deutschland kann ihn nur noch hinschleppen um den Preis unermeßlicher Opfer und Entbehrungen. Die Weiterführung des aussichtslosen Krieges würde das Ende der Nation bedeuten. […] Wenn das deutsche Volk sich weiter willenlos und widerstandslos ins Verderben führen läßt, dann wird es mit jedem Tag nicht nur schwächer, ohnmächtiger, sondern auch schuldiger. Dann wird Hitler nur durch die Waffen der Koalition gestürzt. Das wäre das Ende unseres Staates, das wäre die Zerstückelung unseres Vaterlandes.«

Dem Gründungskomitee, das sich in Krasnogorsk konstituierte und das die weitere Arbeit leiten sollte, gehörten zunächst 38 Personen an. Präsident wurde Erich Weinert, seine Stellvertreter waren Major Karl Hetz und Leutnant Heinrich Graf von Einsiedel. Im September 1943 – nach der Gründung des BDO, des »Bundes Deutscher Offi ziere«, unter Leitung des Generals Walther Kurt von Seydlitz-Kurzbach – kamen weitere 17 Personen hinzu. Dem Führungsgremium des NKFD gehörten nun 39 Kriegsgefangene an, unter ihnen vier Generale, 16 Offiziere und 16 Mannschaftsdienstgrade, sowie 16 Zivilisten, unter ihnen sieben ehemalige Reichs- und Landtagsabgeordnete der KPD und sechs Schriftsteller.

Mit Hilfe der zuständigen sowjetischen Organe wurde vom NKFD noch im Sommer 1943 eine Wochenzeitung »Freies Deutschland« ins Leben gerufen, die nicht nur von kriegsgefangenen deutschen Soldaten und Offizieren gelesen wurde, sondern die auch an antifaschistische Emigranten außerhalb der Sowjetunion versandt wurde. Es wurde ein Rundfunksender »Freies Deutschland« eingerichtet, der in deutscher Sprache sendete und in allen Teilen des »Reichs« empfangen werden konnte. Besonders wichtig: Beauftragte des NKFD begaben sich unter ständiger Gefahr für das eigene Leben in die vordersten Linien der Front, um über Lautsprecher die deutschen Soldaten und Offiziere von der Sinnlosigkeit ihres Kampfes zu überzeugen und sie zur Kapitulation aufzufordern.

NKFD und BDO konnten allerdings keinen wirklichen Einfluss auf den Verlauf des Krieges nehmen, der erhoffte Aufstand der Deutschen gegen das Hitlerregime blieb aus. Ein halbes Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs lösten sich das NKFD und der BDO auf. Allerdings war ihr Wirken ein unübersehbarer Beweis dafür, dass es auch in den dunkelsten Jahren der deutschen Geschichte Repräsentanten eines anderen Deutschlands gab.

Ein wichtiger Nachtrag: Der erwähnte Leutnant Heinrich Graf von Einsiedel (1921–2007) war nicht nur ein Urenkel des »Eisernen Kanzlers« Otto von Bismarck, er war auch mit dem Mandat der PDS von 1994 bis 1998 Mitglied des Deutschen Bundestages.

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