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DISPUT

Ossietzky

Vor achtzig Jahren, am 4. Mai 1938, starb der Pazifist und Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky an den Folgen der Misshandlungen im KZ

Von Ronald Friedmann

Carl von Ossietzky wurde am Morgen des 28. Februar 1933 verhaftet, nur Stunden nach dem Reichstagsbrand. Bis heute ist unklar, ob er auf eine Flucht ins Ausland verzichtete, weil er glaubte, dem Naziregime als Gefangener größere Probleme zu bereiten, oder ob es die Sorge um Frau und Tochter war, die ihn in Hitlerdeutschland hielt.

Ossietzky war erst wenige Wochen zuvor im Zuge einer Amnestie aus dem Gefängnis in Berlin-Tegel entlassen worden, wo er sieben Monate einer achtzehnmonatigen Haftstrafe wegen Landesverrats und Verrats militärischer Geheimnisse verbüßt hatte. Vorangegangen war der berüchtigte Weltbühnenprozess, durch den Ossietzky weit über Deutschland hinaus als Friedenskämpfer und Journalist bekanntgeworden war.

Carl von Ossietzky wurde am 3. Oktober 1889 in Hamburg geboren. Sein Vater arbeitete in der Anwaltskanzlei des späteren Hamburger Bürgermeisters Max Predöhl. Nach dem frühen Tod des Vaters sorgte Predöhl dafür dass der Junge eine gute schulische Ausbildung erhielt. Doch wegen mangelhafter mathematischer Kenntnisse scheiterte Ossietzky bei den Prüfungen zur mittleren Reife, eine akademische Laufbahn blieb ihm verwehrt. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, trat Ossietzky 1907 als Hilfskraft in den Hamburger Justizdienst ein. Die Tage verbrachte er im Amt, die Abende bei politischen und literarischen Veranstaltungen. 1911 veröffentlichte er in der liberalen Wochenzeitung »Das freie Volk« seinen ersten Artikel.

1914 machte Ossietzky eine für ihn neue Erfahrung mit der kaiserlichen Justiz: Er wurde angeklagt und zu 200 Mark Geldstrafe verurteilt, weil er in einem Artikel die drakonischen Strafen eines Militärgerichts gegen drei Soldaten kritisiert hatte, die wegen des übermäßigen Konsums von Alkohol zu jeweils fünf Jahren Zuchthaus verurteilt worden waren.

Der Dienst an den Fronten des Ersten Weltkriegs blieb Ossietzky zunächst aus gesundheitlichen Gründen erspart. Doch 1916 wurde seine Rückstellung aufgehoben. Er wurde an die Westfront geschickt. Im Schützengraben verschwand seine anfängliche Kriegsbegeisterung sehr schnell. Im Herbst 1918 kehrte er als Pazifist nach Deutschland zurück.

Von 1920 bis 1924 arbeitete er als Journalist bei der »Berliner Volks-Zeitung «, einer regionalen Tageszeitung, die der liberalen Deutschen Demokratischen Partei nahestand.

Bereits seit 1924 hatte sich Siegfried Jacobsohn, der Herausgeber der »Weltbühne«, auf Anregung von Kurt Tucholsky bemüht, Carl von Ossietzky als Mitarbeiter zu gewinnen. Doch erst Im Jahr 1926 trat Ossietzky in die »Weltbühne« ein, deren Leitung er 1927 übernahm.

Am 12. März 1929 veröffentlichte die »Weltbühne« den Artikel »Windiges aus der deutschen Luftfahrt« des Journalisten Walter Kreiser. Er hatte Verbindungen zwischen der Reichswehr und Luftfahrtindustrie aufgedeckt, die auf geheime Bemühungen zum Aufbau einer deutschen Luftwaffe deuteten, was durch den Versailler Vertrag verboten war.

Die Führung der Reichswehr witterte sofort Verrat. Im August 1929 wurden Ermittlungen gegen Kreiser als Autor und Ossietzky als verantwortlichem Redakteur aufgenommen. Es dauerte mehr als eineinhalb Jahre, bevor sich die Behörden auf ihr Vorgehen gegen die »Weltbühne« verständigten. Am 17. und 19. November 1931 fand der Prozess statt. Das Urteil wurde vier Tage später gesprochen.

Obwohl – oder gerade weil – der Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, erregte er große Aufmerksamkeit. Im In- und Ausland gab es zahlreiche, letztlich vergebliche Bemühungen, für Ossietzky eine Haftverschonung zu erreichen. Denn Ossietzky war nicht bereit, sich der Strafe durch Flucht zu entziehen, so dass er am 10. Mai 1932 den Gang nach Berlin-Tegel antreten musste.

In der »Weltbühne« hatte Ossietzky 1931 die Vermutung geäußert, dass in einem drohenden »Dritten Reich [...] Verräter wie Kreiser und ich ohne Aufhebens füsiliert« werden würden. Doch der Leidensweg Ossietzkys in den Jahren der Haft in faschistischen Konzentrationslagern war grausamer. Über Jahre gehörten physische und psychische Misshandlung zu seinem Alltag.

In der Emigration sammelte sich der »Freundeskreis Carl von Ossietzky«, der es sich zur Aufgabe machte, sein Leben zu retten. So entstand die Idee, ihn für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen. Tatsächlich entschied das Nobelpreiskomitee Ende November 1936, Ossietzky den bis dahin nicht vergebenen Preis für das Jahr 1935 rückwirkend zu verleihen.

Wenige Tage zuvor war Ossietzky aus der Haft entlassen worden. Die letzten eineinhalb Jahre seines Lebens führte er einen hoffnungslosen Kampf gegen die Tuberkulose, mit der er sich im KZ infiziert hatte. Am 4. Mai 1938 starb Carl von Ossietzky in Berlin. Er wurde 48 Jahre alt.

 

 

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