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DISPUT

Nichts ist abgeschlossen

Von Alex Demirovic

200 Jahre nach Marx' Geburt erleben wir tagtäglich: Die kapitalistische Gesellschaft erzeugt systematisch große Probleme und Krisen: Arbeitslosigkeit, Armut, Klimakrise, Kriege und globale Migrationsbewegungen. Mit Marx können wir lernen und begreifen, warum die politisch und wissenschaftlich herrschenden Kräfte nicht die Kraft zu wirklichen Lösungen finden können, weil dies bedeuten würde, mächtige Interessen, Lebensformen, das Wissen und die Wissenschaftlichkeit, die mit der herrschenden Klasse der Kapitaleigentümer verbunden sind, in Frage zu stellen und die gesamte Organisation der gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern. Es geht also auch um die wissenschaftliche Definition der Probleme und der Lösungen – und darum, wer diese prägt, ob und wie Wissenschaft vom Alltag der Menschen, die jeden Tag für Lohn ihre Arbeitskraft verkaufen, getrennt oder mit diesem verbunden ist.

In der Geschichte der Arbeiterbewegung und des Sozialismus wurde lange Zeit Politik gemacht mit dem Verständnis, der Marxismus sei Wissenschaft und kenne die Gesetzmäßigkeiten der Gesellschaft und ihrer weiteren Entwicklung, die Partei führe demnach nur aus, was diese Erkenntnisse zwingend nahelegen, handele also wissenschaftlich geleitet. Das war falsch – und zwar nicht, weil das marxistische Wissen noch nicht umfangreich genug war und immer noch nicht ist. Es handelte sich um falsche Vorstellungen davon, was Gesetze im Sinn von Marx sind.

1. Die Haltung der Neugierde

Marx wehrte sich gegen die Unterstellung, er vertrete eine geschichtsphilosophische Theorie, der zufolge es einen allgemeinen historischen Entwicklungsgang bis zum höchsten Stadium, dem Kommunismus gebe, der die allseitigste Entwicklung des Menschen sichere. Nein, so betont er mit Nachdruck, man werde nie dahin gelangen, mit dem »Universalschlüssel « einer allgemeinen geschichtsphilosophischen Theorie übergeschichtliche Entwicklungen auszumachen. Jede Entwicklung müsse für sich studiert werden. (Vgl. Marx, Karl (1877): Brief an die Redaktion der »Otetschestwennyje Sapiski «, in: Marx-Engels-Werke, Bd. 19, Berlin)

Doch es nutzt alles nichts, seine Theorie wird schnell in einen solchen Universalschlüssel umgewandelt. Nach dem Ende eines Vortrags über Marx treten mit großer Wahrscheinlichkeit einige Männer auf, die mit sicherer Haltung vertreten, dass bei Marx alles klar gesagt ist: die Ausbeutung, der Profi t, die politische Herrschaft des Kapitals etc. Zumeist ist das nicht falsch. Aber die Gewissheit, die Wahrheit hinter sich zu haben und auf der moralisch guten Seite zu stehen, führt in die Sackgasse der Erstarrung.

Marx betonte, dass es zunächst darauf ankommt, sich forscherisch zu verhalten, also neugierig zu sein. Das ist es, was wissenschaftlichen Sozialismus oder materialistische Weltauffassung ausmacht: Neugierde, nicht die Wiedererkennung des immer Gleichen, sondern die offene Suche nach der Erklärung des Neuen. Jahre oder gar Jahrzehnte, so sagt Marx selbst, habe er die kapitalistischen Verhältnisse studiert, um sie dann darzustellen. Diese Darstellung mag dann wie ein ein für alle Mal fertiges Ergebnis erscheinen. Für Marx war das »Kapital« nicht abgeschlossen, immer neue Aspekte der kapitalistischen Entwicklung wollte er einarbeiten.

Es kommt nicht darauf an, immer wieder zu betonen und zu verkünden, dass es sich um kapitalistische Verhältnisse handelt. Gewiss, das ist bedeutsam, aber das wissen wir. Es geht darum, zu begreifen, wie die – keineswegs einheitliche – herrschende Klasse mit Unternehmensstrategen, Wissenschaften, öffentlicher Willensbildung und staatlicher Regulierung ständig daran arbeitet, den Gesamtzusammenhang der kapitalistischen Gesellschaft zu verändern, neu zu organisieren und damit Ausbeutung und Herrschaft aufrecht zu erhalten.

Wir können erkennen, was der dagegen gerichtete Wille zur Veränderung der Verhältnisse auch dort erreicht hat, wo er gescheitert ist, wo er enteignet wurde. Auf die Revolutionsversuche in Deutschland und in Westeuropa folgte die Erfahrung des Faschismus – beide Erfahrungen führten zu einer Krise, aber nicht zum Verschwinden des Marxismus (in seinen vielen Spielarten). Beides, die starke Organisierung der Lohnabhängigen und die Schwäche der sozialistischen Kräfte trugen dazu bei, dass sich nach dem Faschismus und dem Zweiten Weltkrieg der Wohlfahrtstaat als ein »Klassenkompromiss« durchsetzte. Die radikale Kritik der Bewegungen seit 1968 am sozialstaatlichen, aber eben deswegen auch disziplinierenden und autoritären Kapitalismus veränderte die Lebensweisen der Lohnabhängigen und die Geschlechterverhältnisse, scheiterte aber mit dem Anspruch der Emanzipation aller Menschen. Die Kritik der neuen sozialen Bewegungen wurde auf diese Weise enteignet und umgearbeitet, so dass sie zur Selbsterneuerung des Kapitalismus beitrug. Dieser macht sich heute flexiblere Lebensentwürfe und Autonomiewünsche zunutze, um neue Märkte zu schaffen. Als Reaktion auf stagnierende Profi te und die radikalen Bewegungen wurde seit Mitte der 1970er Jahre der Klassenkompromiss von den Herrschenden aufgekündigt: ermöglicht durch globalisierte Produktion und die digitalen Informationsindustrien. Diese komplexen Veränderungen in der Gesamtheit der gesellschaftlichen Verhältnisse von der ökonomischen Basis über die Form des Staates bis zum Alltagsleben und der Kultur(industrie) – das meint Marx' Satz, dass die Geschichte die »Geschichte von Klassenkämpfen« ist.

Marx meint mit Gesetzmäßigkeiten umkämpfte gesellschaftliche Kräfteverhältnisse, die dazu führen, dass sich im Handeln von sozialen Gruppen und Individuen Tendenzen im »idealen Durchschnitt« (so Marx' Worte), also mit einiger Wahrscheinlichkeit durchsetzen. Es geht also nicht um Gesetzmäßigkeiten von uns äußerlichen Gegenständen, die wir von einer neutralen Perspektive aus anschauen können. Es verhält sich anders: Wie wir auf die Verhältnisse blicken, verändert unsere Praxis, damit verändern wir die Verhältnisse und somit auch uns selbst schon ein Stück weit. Die Kräfte, die für Emanzipation und die Überwindung des Kapitalismus stehen, brauchen Theorie und Wissenschaft, um zu lernen und sich zu erneuern. Um sie radikal zu verändern, müssen diese Prozesse massenhaft und dauerhaft organisiert werden.

2. Partei als Kollektivintellektuelle

Eine Partei mit sozialistischem Anspruch ist also kein Ausführungsorgan von Gesetzmäßigkeiten. Es reicht auch nicht, Marxistin bzw. Marxist zu sein in der Partei, die ansonsten als Ort der Willensbildung und Vertretung von Interessen im Rahmen der repräsentativen Demokratie verstanden wird. Im Anschluss an Marx und Antonio Gramsci geht es darum, eine sozialistische Partei und ihre Funktion(sweise) anders, nämlich als eine kollektive, »organische Intellektuelle« (Gramsci) zu begreifen. Das bedeutet, dass die Partei nicht nur aus der Organisation und ihren internen Diskussionen besteht. Das führt schnell zu Selbstbezüglichkeit Vielmehr bildet sie einen Raum, in dem Neugierde, das Wissen und die Erfahrungen derjenigen organisiert werden, die unter dem Alltag in der kapitalistischen, rassistischen und sexistischen Gesellschaft leiden und mit der gegenwärtigen Organisation  der Gesellschaft nicht einverstanden sind. Es geht also um die Erzeugung kollektiver Neugierde, die auf die Einrichtung neuer sozialer Gesetzmäßigkeiten zielt. Die Aufgabe besteht darin, gemeinsam mit anderen Akteuren, Bewegungen und vielfältigen Initiativen, Bildungsprojekten, den Prozess der Suche nach gemeinsamen Lösungen zu organisieren und zu einem kollektiven Willen zur Veränderung zu kommen – dort, wo große und langfristige Lösungen ins Auge gefasst werden müssen: wie bei der demokratischen Gestaltung der Arbeit und der Weisen des Produzierens und Konsumierens, beim Umgang mit der Klimakrise und globaler Migration, bei Alternativen zu Krieg und Gewalt, bei der Bekämpfung von sexistischer oder rassistischer Gewalt.

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