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DISPUT

Nicht meinem ärgsten Feind

Von Katja Kipping

Wann immer ich in der LINKEN unterwegs bin, treffe ich großartige engagierte Mitglieder. Menschen wie Andreas aus NRW: »Ich erinnere mich noch sehr genau, wie das war. Das hat sich mir eingebrannt ins Gedächtnis. Damals waren unsere Kinder noch recht jung. Also, nee, das wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht.« - meint er zu mir, während wir mit seinem kleinen Auto nach einer Veranstaltung durch NRW fahren.

Die Rede ist von Hartz IV. Andreas ist gelernter Werbekaufmann und arbeitete erfolgreich als Werbeleiter. Irgendwann nach vielen Jahren ereilte ihn ein Herzinfarkt und er bekam vier Bypässe. Und fort war der recht gut bezahlte Job, fort war das bisherige Einkommen. Seine Familie rutschte in Hartz IV. Und binnen kürzester Zeit schrumpfte ihre Welt. Als der Sohn in die fünfte Klasse kam, wurde von der Schule die Anschaffung eines Weltatlas empfohlen. Gerade weil ihre Welt und ihr Lebensradius beständig schrumpften, sollte der Sohn doch in Geografi e sich in der Welt auskennen, zumindest auf der Karte. Also mussten sie sich den Atlas vom Munde absparen.

Vom Munde abzusparen gab es vieles. Als er noch gut verdiente, hatte seine Familie sich ein kleines Reihenhaus gekauft. Wenigstens das wollten sie zur Alterssicherung erhalten, wo doch das ganze Leben sich plötzlich auf einer Talfahrt befand. Aber es gab noch Raten fürs Haus abzuzahlen. Raten, die nicht höher ausfielen, als eine Miete nach angemessenen Unterkunftskosten ausgefallen wäre. Und sie hatten schon so viel in dieses Häuschen gesteckt. Doch die ARGE (so hießen damals die JobCenter) machte Ärger, also galt es auch anteilig sich die Raten für den Erhalt des Hauses vom Munde abzusparen. Monatelang gab es bei Ihnen die Nudeln aus Großpackungen mit dem Billig-Pesto aus dem Supermarkt. Dieses Gefühl von Scham, der anfängliche Wunsch, die Nachbarn mögen es nicht mitbekommen, das verzweifelte Bestreben, die wachsende Armut zu verbergen - all das ist für Andreas verbunden mit dem Geschmack von Billig-Pesto. »Ich kann heute kein Pesto mehr riechen.«

Es gibt ja Politiker wie zum Beispiel Jens Spahn, die meinen über Hartz IV urteilen zu können, die meinen es sei ihre Aufgabe Hartz IV-Betroffene zu belehren oder gar abfällig zu behandeln. Ich wünschte, sie würden einfach mal Andreas zuhören.

Andreas' Urteil über Hartz IV lautet: »Hartz IV produziert zerstörte Menschen, und zerstörte Menschen getrauen sich nicht mehr, in Bewerbungsgesprächen selbstbewusst aufzutreten. Das hat System.«

Er hat hart gekämpft, um da rauszukommen. Heute arbeitet er unter schweren Bedingungen in einer Spielhalle. Während dieser Arbeit funktioniert er, der Mensch in ihm ruht.

Sein Leiden an Hartz IV war für ihn Ansporn, sich politisch zu engagieren. Er war einer der ersten, der in die WASG eintrat. Seitdem engagiert er sich in seinem Kreisverband. Er ist überzeugt, am Ende gilt es neue Mitglieder zu werben und zusammen zuhalten und gemeinsam in Aktion zu bringen. Das ist im Alltag wahrlich nicht immer leicht, jedoch gibt es keine Alternative zu diesem Parteiaufbau an der Basis.

Was für ihn DIE LINKE bedeutet? »Mir hat die Politik beim Überleben geholfen. Das ist mein geistiger Ausgleich. Politisch aktiv zu sein, für unsere Partei zu werben - das ist jetzt meine Identität.« Ob er noch Träume hat? Aber natürlich! Nach der nächsten Kommunalwahl im Herbst 2020 würde er zu gerne die CDU mal auf der Oppositionsbank sehen.

Während wir uns dem Ziel unserer Fahrt nähern, werde ich einen Gedanken nicht mehr los: Andreas, all diese Erfahrungen müsstest Du mal aufschreiben. Deine Erfahrungen mit Hartz IV sind so eindringlich, die gehören verbreitet. Doch er, der bei allen Wahlkämpfen voran geht, um öffentlich für DIE LINKE zu werben, tut sich schwer damit, seine private Geschichte in den Mittelpunkt zu stellen.

Also verabrede ich mit ihm, dass ich von unserer Begegnung berichte. Denn Menschen wie Andreas, die über die Jahre hinweg vor Ort unsere Partei zusammenhalten und entwickeln, sind der wahre Schatz unserer Partei. Wenn wir heute gut dastehen und die Mitgliedschaft wächst, dann verdanken wir das auch den vielen Genossinnen und Genossen wie Andreas aus NRW.

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