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DISPUT

Nicht einverstanden

Von Ulrike Eifler

Wer Marx heute liest, kommt um einen Widerspruch nicht herum: Marx und Engels sahen in der Arbeiterklasse die einzige revolutionäre Klasse auf dem Weg in eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und quälende Lohnarbeit. Und doch ist die Strahlkraft ihrer Ideen unter denjenigen, die wöchentlich 40 Stunden und mehr in den Fabriken, Krankenhäusern und Büros arbeiten, gering. Die meisten glauben sogar, Marx sei schwer zu verstehen, kompliziert und langweilig.

Um zu begreifen, warum das so ist, lohnt ein Blick in das Kapitel »Der Arbeitstag« im ersten Band des Kapitals. Marx erklärt dort nichts und zugleich alles. In großer Ausführlichkeit beschreibt er die Folgen schrankenloser Ausbeutung in den Fabriken: überdurchschnittlich viele Brustkrankheiten in den Töpferdistrikten, übermüdete Kinder in den Zündholzfabriken, Bäckergesellen, die selten das 42. Lebensjahr erreichen und junge Frauen, die in den Spinnereien an Überarbeitung sterben.

Es handelt sich dabei weniger um eine unparteiische Aufzählung von Beispielen, sondern ist eine kritische Auseinandersetzung mit der Zeit. Marx unterstreicht darin, dass Veränderung damit beginnt, nicht einverstanden zu sein. Das Kapitel ist ein Fanal, sich die Empörung über Armut und Ausbeutung nicht verbieten zu lassen. Wer Antworten auf gesellschaftliche Entwicklungen finden möchte, muss Fragen an diese Entwicklungen haben. Warum sind die Dinge wie sie sind – diese Frage wird zum Kristallisationspunkt bei Marx, weil ihre Antwort die herrschende Ordnung ins Wanken bringen kann. Nicht ohne Grund also sind herrschende Ideen die Ideen der Herrschenden.

Deswegen ist die Frage nach der Aktualität von Marx mehr als nur eine Frage der Interpretationshoheit. Die Welt wird unübersichtlicher. Klassenwidersprüche spitzen sich zu. Gesellschaftliche Entwicklungen als Ausdruck von Klassenkämpfen zu betrachten, wie Marx es tat, führt zu Orientierung und strategischer Klarheit. Überall in Europa ist die Lohnentwicklung gegenwärtig ein zu minimierender Kostenfaktor und alles, wofür Gewerkschaften in den letzten 150 Jahren gekämpft haben, soll auf den Müllhaufen der Geschichte befördert werden. Der Bezug auf Marx hilft, die Gegenwart in den Kontext eines historischen roten Fadens zu stellen und gibt uns einen Kompass an die Hand. Denn wenn historisch gilt, dass soziale Errungenschaften durch geführte Klassenkämpfe erzwungen werden mussten, gilt auch: Die Verteidigung erkämpfter Rechte erfordert die gleiche Methode wie ihre Erringung. Auch die Erhaltung des Status quo muss durch Arbeitskämpfe diktiert werden.

Konsequent zu Ende gedacht, bedeutet das aber auch: Klassenwidersprüche können nicht moderiert, sondern müssen aufgelöst werden. Unterstrichen wird diese Erkenntnis durch die Bilanz aus 150 Jahren Gewerkschaftsgeschichte. Noch immer muss soziale Gerechtigkeit tagtäglich neu durchgekämpft werden. Was könnte mehr hervorheben, dass die Durchsetzung ökonomischer Interessen mit einem radikalen gesellschaftlichen Gegenentwurf verbunden werden muss als diese Bilanz?

Ulrike Eifler ist Gewerkschaftssekretärin in Hanau

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