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DISPUT

Moralisieren bringt nichts

Wie Katalin Gennburg und Moritz Warnke mit einer »Blitzaktion« eine Woche vor der Wahl die AfD entzaubert und für DIE LINKE einen Berliner Direktwahlkreis gewonnen haben

Bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl hat DIE LINKE überraschend das Direktmandat im Wahlkreis 1 in Treptow-Köpenick gewonnen. Was ist das für ein Wahlkreis?

Katalin: Früher war das hier eine PDS-Hochburg, dann haben wir über 20 Prozent in 15 Jahren und das Direktmandat an die SPD verloren. Meine Kandidatur galt deshalb als aussichtslos. Der Wahlkreis ist sehr gemischt mit sehr unterschiedlichen Milieus. Es gibt Kleingartenkolonien, gut situierte Bürgerinnen und Bürger. Hier leben auch viele, die seit 1990 arbeitslos sind, Ostrentner oder aus anderen Vierteln Verdrängte.

Gibt es Verbindungen zwischen diesen Milieus?

Moritz: Ja. Das Thema Mieten. Gerade erst war am Infostand ein 76 Jahre alter Rentner. Seine Wohnung soll verkauft werden. Er kann noch zwölf Monate bleiben. Dann muss er raus. Er weiß nicht, wohin. Solche Probleme haben auch Studierende oder Familien.

Katalin: Bei der Wahl im vergangenen Jahr gab es die Landeskampagne, die Mieten zum Schwerpunkt hatte. Außerdem haben wir ein lokales Konfliktthema identifiziert und stark gemacht. Dabei ging es um ein kommerzielles Groß-Festival, das eine Woche vor der Wahl das ganze Viertel lahmlegte. Auch das war verbindend. Ob Mieten oder Festival im Park – es ging um das gleiche Thema: Wem gehört die Stadt?

Moritz: Bei dem Festival war klar, dass da etwas brodelt. Das haben wir in einen Prozess gebracht, eine Bürgerinitiative angeschoben und den Leuten auch immer wieder Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt – zum Beispiel Zettel mit der Telefonnummer des Stadtentwicklungssenators und dem Aufruf, dort anzurufen, an Haustüren geklebt. Das hat den Protest lebendig gemacht. Einiges davon lässt sich auch über die Grenzen Berlins verallgemeinern: etwa wenn ein Schwimmbad, ein Jugendzentrum oder ein Krankenhaus geschlossen werden soll.

Ihr habt kurz vor der Wahl eine Blitz-Aktion organisiert.

Moritz: Das Wort Blitzaktion kommt aus dem Gewerkschaftskontext: Wenn etwa eine H&M-Filiale noch nicht gut gewerkschaftlich organisiert ist, gehen viele Ehrenamtliche in die Filiale und verteilen zum Beispiel Flyer, für kurze Zeit, aber mit vielen Leuten. Dann ist ein »Blitz«, alle merken, die Gewerkschaft ist da. Daran haben wir uns orientiert. Nach der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern, die 14 Tage vor unserer in Berlin stattfand und bei der die AfD erschreckend hoch abgeschnitten hat, haben wir nochmal einen extra Flyer gemacht. Wir sind mit 20 Leuten losgezogen, waren sehr präsent und ansprechbar, etwa eine Woche. Der Flyer war in nahezu jedem Briefkasten. Wir standen morgens an den S-Bahnhöfen und haben Wahlzeitungen verteilt. Mittags sind wir stecken gegangen und nachmittags standen wir an Supermärkten. Wenn Leute meinten: Das hatte ich schon im Briefkasten, war das ein Aufhänger für ein Gespräch. Damit sind wir bei einigen erst über die Wahrnehmungsschwelle gesprungen. Dann war der Inhalt natürlich wichtig.

Katalin: Wir haben probiert, die Wut, das Unbehagen der Menschen, die ja Triebkraft für den AfD-Erfolg sind, anzusprechen und so zu kanalisieren, dass die Leute links wählen. Die Kernbotschaft war: Eure Wut ist berechtigt, so kann es nicht weitergehen. Aber sie richtet sich gegen die Falschen. Die AfD kümmert sich nicht um die wirklichen Probleme. In dem Flyer steht: Die AfD würde selbst das schlechte Wetter den Flüchtlingen in die Schuhe schieben. Wir haben nicht moralisierend, sondern sachlich und zugespitzt argumentiert: Wenn man was ändern will, muss man das Geld bei den Reichen holen.

An wen habt ihr euch vor allem gerichtet?

Katalin: Vor allem an die, die entweder uns, die AfD oder gar nicht wählen. Man kann Botschaften einfach runterbrechen, ohne Ressentiments zu bedienen, darum ging es uns. Das Schöne an dem Flyer ist die Anti-Establishment-Haltung. Damit punktet die AfD ja. PDS zu wählen war im Osten auch eine Geste gegen das BRD-Establishment. Das haben wir verloren. Wir wollten diese Position zurück. Der gut situierte Teil der AfD-Wählerschaft war für uns dagegen uninteressant. Die haben keine diffuse Wut, die wissen, was sie tun. Da ist für die LINKE nichts zu holen, die kann man auslassen.

Wie war eure Haltung gegenüber denen, die erreichbar sind?

Moritz: Wenn Leute gesagt haben, sie wählen AfD, habe ich gesagt: Dann weißt du ja, wer dir demnächst die Rente kürzt. Aber ohne moralische Empörung zu zeigen. Das war ein Gesprächsöffner. Man entwickelt die richtige Ansprache in der Praxis. Zwei Stunden vor einem Lidl in der entsprechenden Wohngegend bringt dir da mehr, als jede Wahlkampfschulung.

Katalin: Auch die Leute, die meinten, sie denken darüber nach, AfD zu wählen, haben häufig erstmal mit ihrer eigenen sozialen Situation angefangen: dass es hinten und vorne nicht reicht. Ich habe nachgefragt, ob die Situation denn großartig anders war, bevor so viele Flüchtlinge kamen. Aber natürlich ist es auch wichtig, im Zweifel Haltung zu zeigen und sich nicht zu verbiegen, zum Beispiel bei den Themen Flüchtlinge und Ehe für Lesben und Schwule. Da muss man selbst völlig klar sein.

Was wünscht ihr euch für den Bundestagswahlkampf?

Katalin: Dass wir wichtige Themen wie Mieten aufs Tableau heben und dass die AfD nicht in den Bundestag kommt. Ich wünsche mir einen organisierenden Wahlkampf, der nicht nur von Politik erzählt, sondern auch Politik macht.

Moritz: Ich wünsche mir, dass sich im Wahlkampf ein Prozess der Erneuerung niederschlägt. Offene Wahlkampfteams, in denen Neue mit und ohne Parteibuch auch wirklich etwas zu sagen haben. Dann merken noch mehr: Wahlkampf ist eine bereichernde Erfahrung, weil man seine Filterblase verlässt.

Zur Person

Katalin Gennburg ist Stadtforscherin und Mitglied des Abgeordnetenhauses Berlin. Sie hat im September 2016 überraschend das Direktmandat im Wahlkreis 1 in Treptow-Köpenick gewonnen, in dem die LINKE in den vergangenen 15 Jahren 20 Prozentpunkte verloren hatte.

Moritz Warnke ist Soziologe und arbeitet bei Axel Troost (MdB) im Bundestag. Er gehörte zum Wahlkampfteam von Katalin und ist im Landesvorstand der LINKEN Berlin.

Interview: Anja Krüger und Bodo Niendel

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