Diese Website verwendet Cookies. Warum wir Cookies einsetzen und wie Sie diese deaktivieren können, erfahren Sie unter Datenschutz
Zum Hauptinhalt springen

DISPUT

Mit Marx, vor Ort, für alle

Von Harald W. Jürgensonn

Am Abend des 200. Geburtstags von Karl Marx werden sie sich wohl auch einen Schluck genehmigen, die über 600 Kandidatinnen und Kandidaten für die Kommunalwahlen in Schleswig-Holstein. Denn am nächsten Tag, dem 6. Mai 2018, sind ab 8 Uhr die Wahllokale geöffnet im Land zwischen den Meeren. DIE LINKE will an ihre Stimmenzuwächse der vergangenen Landtags- und Bundestagswahlen anknüpfen. Fast flächendeckend treten Kandidatinnen und Kandidaten der LINKEN an, kämpfen um Mandate in Kreistagen, in den Rathäusern kreisfreier Städte, dazu in 24 Städten und Gemeinden. Der jüngste Kandidat ist Lasse Zarniko aus Kiel – er wurde am 27. März 18 Jahre alt. Auch auf der Insel Föhr will die LINKE die Politik verändern, in Wyk, Alkersum und Utersum. Einen kleinen weißen Fleck gibt es nur in Ostholstein. Das ist verkraftbar.

Mit rund 14.000 Plakaten spricht die Partei im Norden Themen und Probleme direkt an, ohne Schnörkelsätze oder unlesbare Minischrift: »Gesundheit; mehr Personal, vor Ort, für alle!« zum Beispiel. Schwerpunkte sind außer dem darniederliegenden Gesundheitssystem der kostenfreie und flächendeckende Öffentliche Nahverkehr, günstiger Wohnraum sowie gute Löhne und bessere soziale Absicherung. Fast alle in Schleswig-Holstein sind von mindestens einem dieser Themen direkt betroffen. An Küsten und in Städten wird Wohnen immer teurer, prekäre Beschäftigung im von Landwirtschaft und saisonal abhängigem Tourismus geprägten Land betrifft viele.

Solidarisch

Wahlkampfleiterin ist Marianne Kolter, zugleich Landessprecherin der LINKEN. Auch sie kandidiert. In Pinneberg will sie den bisherigen LINKEN im Kreistag, Klaus-Dieter Brügmann, als zweite LINKE in diesem Gremium unterstützen. Die Umweltexpertin und -aktivistin hatte ein Auge darauf, dass ökologische Politik, zu der auch ÖPNV und Naturschutz gehören, schon im Vorfeld in die lokalen Wahlprogramme einfloss. Besonders freut sie sich über die vielen Neueintritte in die Partei: »Da sind sehr viele junge Leute dabei, die sich auch gleich im Wahlkampf engagieren und ein neues Wählerinnen- und Wählerpotenzial erschließen. Und natürlich haben wir so viele Frauen, dass wir alle Listen mindestquotieren konnten.«

Der Wahlkampf im Norden ist ein Mix aus traditionellem Plakatieren und Flyer verteilen, kreativen Aktionen und verstärktem Bespielen der sozialen Netzwerke. Neben dem drei Meter hohen Miethai werden landesweit Fischstäbchen verteilt, an einer »Bezahl-Bar« werden seit Wochen Möglichkeiten diskutiert, wie Wohnen bezahlbar bleibt. Vor Arbeitsämtern wird mit dem »Tatort Jobcenter« auf die Missstände im derzeitigen Hartz-IV-System hingewiesen. Zulauf und Zuspruch waren von Beginn der Aktion an hoch.

Die heiße Phase begann am 13. April mit Katja Kipping in Kiel. Schluss ist am 2. Mai – mit Dietmar Bartsch als Hauptredner. Die Motivation ist hoch bei den mehr als 1.300 Mitgliedern im Norden. Kein Gedanke mehr daran, dass die LINKE bei den Kommunalwahlen 2013 von einst 6,9 Prozent im Jahr 2008 auf 2,5 Prozent gefallen ist. Maßstab ist jetzt, dass es bei den Landtagswahlen im vergangenen Jahr einen Zuwachs von 26.000 Stimmen gab und das Landesergebnis um 1,5 Prozent auf 3,8 stieg. Fest eingebaut in ihren Terminkalender haben auch die beiden Bundestagsabgeordneten Conni Möhring und Lorenz Gösta Beutin den Kampf um jede Stimme. Zwischen Nord- und Ostsee, Dänemark und Hamburg touren sie durchs Land, sind bei Ständen und Veranstaltungen präsent. Sie informieren und diskutieren. Sie wissen: Präsenz muss gezeigt werden – auch wenn auf dem platten Land der Zulauf deutlich geringer ist als in den größeren Städten.

100.000 Euro beträgt das Wahlkampfbudget, Idealismus muss vieles wettmachen. Die weiten Strecken beim Plakatieren, Infostände bei nordischem Sturm, bei Regen und in diesem Jahr auch Schnee. »Solidarisch, vor Ort, für alle« ist das Grundthema in diesem Wahlkampf. Als erste Wahl nach der Bundestagswahl im vergangenen Jahr wird sie auch in Berlin als bundespolitischer Stimmungstest wahrgenommen. Unsicherheitsfaktoren bei den Prognosen sind die neuerliche GroKo in der Bundeshauptstadt und Jamaika in Kiel.

Die Genossinnen und Genossen im Wahlkampf setzen in den vielen Gesprächen weder auf Landes- noch auf Bundespolitik. Im Wesentlichen beschränken sie sich auf das Bodenständige, auf die Themen vor der Haustür. Sie zeigen: Wir wohnen hier, wir kennen uns aus, wir wollen etwas für alle erreichen. Das nennt man Verankerung. Und die braucht man, um Politik zu gestalten. Karl Marx hätte es gefallen zu seinem Geburtstag.

Zurück zur Übersicht