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DISPUT

Marxismus Emeritus

Von Ingo Stützle

Ein Schlachtruf des studentischen Teils der 1968-Bewegung war: »Marx an die Uni!« Trotz Berufsverboten (ab 1972) und so mancher politischer Blockade konnte man seinerzeit schon bald an fast allen Instituten Lektürekurse zu Marx‘ Hauptwerk »Das Kapital« besuchen und in vielen Fachbereichen wurde »marxistisch« gelehrt und geforscht. Diese Zeiten sind vorbei und Marx ist sozusagen exmatrikuliert, viele Lehrende sind in Rente.

Das Verhältnis vieler Linker zum akademischen Betrieb ist ambivalent: Einerseits herrscht eine gewisse Skepsis gegenüber dem Elfenbeinturm, wo ein schwer verständlicher Kauderwelsch herrscht und die Debatten unmittelbar wenig mit der eigenen politischen Praxis zu tun haben. Gleichzeitig sind für die politische Auseinandersetzung gute Argumente, Analyse und ein kritisches Verständnis von gesellschaftlichen Zusammenhängen unabdingbar – und werden mitunter auch produziert. Diese Ambivalenz liegt an der Einrichtung der Universität selbst, eine zentrale Einrichtung des Bürgertums, das nicht mit der Kirche, sondern mit der Wissenschaft im Rücken herrscht. Die Hochschule ist ein institutionalisierter Ausdruck der Trennung von Hand- und Kopfarbeit.

Marx – wie viele wichtige linke Köpfe nach ihm – hatte nie eine Anstellung an einer Universität. Er genoss quasi ein Privatstipendium von seinem Freund Friedrich Engels. Über die Akademiker seiner Zeit machte er sich lustig: Die letzte Form der politischen Ökonomie »ist die Professoralform, die ›historisch‹ zu Werke geht und mit weiser Mäßigung überall das ›Beste‹ zusammensucht, wobei es auf Widersprüche nicht ankommt, sondern auf Vollständigkeit. Es ist die Entgeistung aller Systeme, denen überall die Pointe abgebrochen wird, und die sich friedlich im Kollektaneenheft zusammenfinden.« Derartige Kollektaneenhefte, damals sogenannte Lese- oder Lehrbücher, dominieren auch heute die Universität. Wie man sich mehrere 1.000 Seiten starke Klassiker der Sozialwissenschaften, etwa »Das Kapital«, erschließt, muss man dann in autonomen Kolloquien oder außerhalb der Universität lernen.

Bereits 1999 schrieb Georg Fülberth, der bis 2004 an der Universität Marburg Politikwissenschaft lehrte, in der Wochenzeitung DIE ZEIT: »Nach einer Episode von dreißig Jahren kehrt ›der Marxismus‹ – der im Singular nicht zu haben ist – dorthin zurück, wo er hergekommen ist: an unbequemere Orte, außerhalb der Universitäten. Vielleicht gedeiht er da ja.« Fast 20 Jahre später ist es auch an der Universität »unbequem« geworden. Die neoliberale Zurichtung der Hochschule mit ihren Master- und Bachelor-Studiengänge, Standortkonkurrenz, Wettbewerb um Fördertöpfe und Zeitdruck für Studierende lässt kaum noch Freiraum für kritisches Studieren, selbst wenn es der eine oder die andere Lehrende gerne einrichten würde. Es gibt durchaus kleine Inseln an deutschen Universitäten, etwa in Jena oder Kassel, eine ausgeprägte Zeitschriftenlandschaft und Räume der intellektuellen Reflexion jenseits der Hochschule (Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung, Rosa-Luxemburg-Stiftung) – aber allzu selten wird darüber debattiert, wie sich die Institution Hochschule auf die Inhalte politisch auswirkt oder wie eine kritische Wissenschaftsinfrastruktur aussehen müsste, in der Marx seinen Platz hat.

An Marx orientierte Wissenschaft muss sich demnach gegen die herrschende Logik des akademischen Betriebs organisieren – in und gegen die Universität. Gegen die schlechten Arbeitsbedingungen an der Universität hat sich inzwischen das bundesweite und fächerübergreifende »Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft« (www.mittelbau.net) gegründet. Eine breite studentische Bewegung, die wieder Marx an der Universität wissen will, ist jedoch nicht in Sicht.

Ingo Stützle ist Chefredakteur von PROKLA, Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft

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