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DISPUT

Leid ist Leid

Die Philosophin Carolin Emcke warnt eindringlich davor, ökonomische gegen kulturelle Ausgrenzung zu stellen

»There is no hierarchy of oppressions«, schrieb die amerikanische Dichterin, Bürgerrechtlerin und Feministin Audre Lourde, »es gibt keine Hierarchie der Unterdrückung«. Der Schmerz derer, die ausgeschlossen oder eingeschlossen werden, die stigmatisiert oder kriminalisiert, verlacht oder verachtet, ausgebeutet oder verdrängt werden, dieser Schmerz lässt sich nicht aufteilen. Es gibt nicht das Leid der einen, das dringlich ist und das der anderen, das noch ein bisschen warten kann bis es adressiert wird. Es kann keine Priorisierung geben, die nur eine Form der Marginalisierung als relevant anerkennt – und alles andere als vermeintlich elitäre Nöte denunziert und nachordnet. Jener herablassende Diskurs, der versucht, ökonomische gegen kulturelle Ausgrenzung zu stellen, ist normativ wie empirisch fatal. Als ob Armut nicht auch ein Stigma wäre, als ob diejenigen, die arbeitslos sind oder prekär beschäftigt, allein um finanzielle Zugänge und nicht auch um soziale Anerkennung und ihre Würde ringen würden. Als ob rassifizierende, homo- und transphobe Diskriminierung nicht auch ökonomische und soziale Ausgrenzung bedeuteten. Mal abgesehen davon, dass die Zuteilung, wer da jetzt als »Arbeiter*in« und wer als »Migrant*in«, wer als sozial und wer als kulturell Marginalisierte firmiert, schwer konturierbar sein dürfte.

Wer Eribon so gelesen hat als ob dies allein ein Buch eines Intellektuellen aus der französischen Arbeiterklasse sei, hat Eribon nicht gelesen. Wie manche bei der Rezeption von »Rückkehr nach Reims« die Homosexualität des Autors verdrängt haben, ist so bemerkenswert wie symptomatisch. Umverteilungskämpfe sind immer auch Anerkennungskämpfe. Und umgekehrt. Sie aufzuspalten, sie zu hierarchisieren, hieße den eigenen Begriff von Gleichheit zu spalten, in gleichere und ungleichere Gruppen und Bezüge, es hieße den Begriff und die politische Praxis von Anti-Diskriminierung und Solidarisierung aufzugeben. Die Identitätspolitik, die da jetzt häufig kritisiert wird, weil sie angeblich den enthemmten Neoliberalismus befördert oder begleitet habe, die haben doch nicht wir, die nicht-heterosexuellen, nicht-christlichen, nicht-weißen, nicht-Konformen erfunden. Sondern Identitätspolitik haben diejenigen erfunden, die Menschen, wie uns, marginalisieren wollen. Ich sehe nicht, wie sich verschiedene Formen der Unterdrückung und Marginalisierung bekämpfen ließen, ohne eben immer beides zusammen zu denken und auch dementsprechend im Vokabular und der Rhetorik zu adressieren: Anerkennung und Umverteilung. Soziale und politische Fragen, ökonomische und ökologische, sie alle gehören zu dem, was eine emanzipative Politik adressieren muss.

Die autoritären, chauvinistischen Bewegungen und Regierungen, die sich gegen heterogene, freie Gesellschaften wenden, existieren längst weltweit: Ob in der Türkei oder in Brasilien, in Ungarn oder in Russland, in den USA oder eben auch hier bei uns: Die Dogmatiker, die ein Früher propagieren, ein Damals, das es nie gab, in dem es noch eine homogene Nation, eine natürliche Familie, eine reine Gesellschaft gegeben habe, die von einem »Volk« reden, das sie angeblich repräsentieren, um es mit der eigenen Steuer- oder Bildungspolitik zu verraten, sie bedrohen nicht nur Menschen, die so lieben wie ich, sondern sie bedrohen alle, die in einer solidarischen, freien, demokratischen Gesellschaft leben wollen. Sie, die »die Nation« emblematisch vor sich hertragen, sie agieren, argumentieren, taktieren international: Es sind internationale Finanzströme, die diese Bewegungen und ihre Kandidaten unterstützen, so wie es internationale Netzwerke sind, die ihre ideologischen Positionen, Diskurs-Fetzen und ihren Hass verbreiten. Auf die rechtsradikale, rechtspopulistische Bedrohung unserer Demokratien lässt sich so wenig national antworten, wie auf die sozialen Kontrollverluste im aggressiven Kapitalismus. Desintegrationstendenzen, die international organisiert werden, lassen sich nicht dadurch abstellen, dass eine Nation heraufbeschworen wird, die noch weniger Kontrolle oder Sicherheit garantiert und vor allem wieder Menschen als nicht-zugehörig ausschließt.

 

Die Rede in voller Länge unter: www.die-linke.de/start/nachrichten/detail/eine-

progressive-politik-braucht-eine-politische-melancholie-und-ein-politisches-begehren/

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