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DISPUT

Kurze Vollzeit

Interview: Lia Becker

Heute arbeiten und leben Menschen ja ganz unterschiedlich. Warum braucht es aus wissenschaftlicher Sicht überhaupt ein Neues Normalarbeitsverhältnis?

Fragt man heute, was »normale« oder »gute« Arbeit ausmacht, nennen viele weiterhin unbefristete Festanstellung in Vollzeit, regelmäßige Arbeitszeiten, Sozialversicherungsschutz, Abdeckung durch das Arbeitsrecht, existenzsichernden Verdienst, berufliche Aufstiegsmöglichkeiten, die Chance, Interessen in Betriebsrat und Gewerkschaft zu vertreten und so weiter. Kurz: Sie berufen sich auf das klassische Normalarbeitsverhältnis. Der Anteil dieser Jobs geht aber seit Jahrzehnten zurück. Die Arbeitswelt ist vielfältiger geworden – und dabei auch ungleicher. Wer heute in Leiharbeit, Minijobs, alleinselbständig oder befristet arbeitet, fällt teilweise oder ganz aus den Sicherungsmechanismen heraus, die früher für das Normalarbeitsverhältnis galten – und selbst mit unbefristetem Vollzeitvertrag muss das Einkommen nicht zum Leben reichen. Höchste Zeit also für eine Diskussion darüber, was heute »gute Arbeit« ausmacht, wie Arbeit, soziale und rechtliche Absicherung, berufliches Fortkommen und Lebensplanung auf neue Weise verbunden werden sollten. Und wie man Standards durchsetzen kann, die unterschiedlichen Beschäftigteninteressen gerecht werden.

Am »Normalarbeitsverhältnis« gibt es auch eine starke feministische Kritik. Welche Ansätze siehst du in dem Vorschlag für ein Neues Normalarbeitsverhältnis für eine geschlechtergerechte Veränderung der Arbeitswelt?

Die Frauenbewegung hat zu Recht kritisiert, dass das Normalarbeitsverhältnis auch vor 1975 allenfalls für Männer normal war. Frauen waren unter anderem wegen Familienpflichten selten ein Leben lang vollzeitbeschäftigt. Heute verbringen immer mehr Frauen einen immer größeren Teil ihres Arbeitslebens in Erwerbsarbeit, sind besser qualifiziert, arbeiten häufiger Vollzeit. Trotzdem sind sie stärker in prekären Jobs vertreten als Männer. Niedriglöhne, Minijobs etc. gelten bis heute als weniger problematisch, wenn sie Frauen betreffen – manche prekären Jobs, etwa in Reinigungsfirmen oder an Supermarktkassen, werden sogar mit den Bedürfnissen von Müttern gerechtfertigt, selbst wenn dann oft andere Frauen oder Männer dort arbeiten. Ein Neues Normalarbeitsverhältnis muss neue Standards für »gute Arbeit« definieren, die Männern wie Frauen größere Möglichkeiten geben, ihr Arbeitsleben nach eigenen Wünschen zu gestalten. Es muss Strukturen aufbrechen, die Frauen unabhängig von ihren Lebenszielen, qua Geschlecht, auf gering entlohnte Zuverdienst- Jobs ohne Perspektive festlegen.

Die Leitideen des alten Normalarbeitsverhältnisses waren eine gewisse Sicherheit und die Perspektive eines Aufstiegs im Tausch gegen Leistung und harte Arbeit in Vollzeit. Was könnte eine populäre Leitidee für ein Neues Normalarbeitsverhältnis im 21. Jahrhundert sein?

Der Kompromiss, den du ansprichst, wurde von vielen Unternehmen aufgekündigt: Verlangt werden immer mehr Leistung und härtere Arbeit. Doch die Gegenleistung ist nicht länger beruflicher oder sozialer Aufstieg, sondern bestenfalls die Chance, den eigenen Status irgendwie zu halten. Staatliche Politik hat das unterstützt, indem sie Leistungen gekürzt,  Rechtsansprüche abgebaut und, etwa durch die Hartz-Reformen, den Druck auf Arbeitende erhöht hat, notfalls (fast) jeden Job anzunehmen. Ein Neues Normalarbeitsverhältnis muss mit dieser Logik brechen. Arbeiten, um gut zu leben, ist das Ziel – nicht leben, um zu arbeiten. Was ein gutes (Arbeits)Leben ausmacht – darüber sollten wir diskutieren. Einiges ist aber klar: Um gut zu leben, muss der Unterhalt dauerhaft gesichert sein. Man muss halbwegs in Ruhe Arbeit nach professionellen Standards leisten können. Es braucht ein Recht auf Absicherung für Zeiten, in denen Arbeitskraft nicht verkauft werden kann. Und das Leben muss planbar sein – das gilt für den Alltag wie für die Erwerbsbiographie. Wenn heute von Flexibilität die Rede ist, geht es meist um Anpassung an Markt und Auftragslage. Ein Neues Normalarbeitsverhältnis muss Sicherheit und Planbarkeit mit Flexibilität verbinden. Die Frage ist: Wer entscheidet letztlich, wann und wie gearbeitet wird?

Mit den Streiks in der Metallindustrie ist das Thema Arbeitszeitverkürzung kurzzeitig in die gesellschaftliche Debatte gekommen. Wie könnte es jetzt weitergehen? Ist eine kurze Vollzeit mit 28 bis 35 Stunden in der Woche eine sinnvolle und machbare »konkrete Utopie«?

Ja, unbedingt. Aus Umfragen wissen wir, dass viele Menschen das für eine ideale Arbeitszeit halten. Das gilt für diejenigen, die faktisch überlange Arbeitszeiten leisten, genau wie für MinijobberInnen. »Kurze Vollzeit für alle« könnte deshalb eine Forderung sein, die sehr unterschiedliche Beschäftigte mobilisiert. Das ist wichtig, denn bisher tragen Unternehmensstrategien und staatliche Politik oft dazu bei, dass Unterschiede zwischen Beschäftigten zunehmen und sie teilweise direkt gegeneinander ausgespielt werden: Arbeit besser bezahlen, gerecht verteilen. Schöner Leben. Stamm- gegen Randbelegschaft; junge mit befristetem Job gegen Ältere mit sicherer Anstellung; Männer gegen Frauen; gering gegen hoch Qualifizierte und so weiter. Trotzdem ist ein Großteil der Bevölkerung darauf angewiesen, seine Arbeitskraft zu Markte zu tragen. Gibt es also Erfahrungen und Interessen, die unterschiedliche Gruppen von Beschäftigten verbinden? Die kurze Vollzeit wäre eine Antwort auf unterschiedlichste Probleme, die alle in Lohnarbeit gründen. Die Streiks der IG Metall zeigen: selbst Männer in industriellen Vollzeitjobs kämpfen dafür, dass Arbeitskraft zeitweise zurückgehalten werden kann – und Unternehmen einen größeren Beitrag zu deren Reproduktion leisten.

Das alte Normalarbeitsverhältnis entstand in der Nachkriegszeit. Was braucht es heute, um ein Neues Normalarbeitsverhältnis durchzusetzen? Worin siehst du die Rolle kritischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den Auseinandersetzungen um die Arbeit der Zukunft?

Ein Neues Normalarbeitsverhältnis erfordert die Etablierung neuer Standards. Das würde Geld kosten und Machtverhältnisse in Frage stellen. Wissenschaft kann die Veränderung der Arbeitswelt analysieren und Alternativen skizzieren. Vor allem aber müssen wir, die Arbeitenden selbst, nach einer langen Phase, in der Verweise auf ökonomische Sachzwänge jedes Nachdenken über eine andere (Arbeits)Welt erstickt haben, offen diskutieren, wie wir künftig arbeiten und leben wollen. Es braucht neue Standards, für die es sich zu kämpfen lohnt. Deren Durchsetzung wird nicht ohne Konflikte gelingen – denn sie dienen, in den Worten des britischen Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyns, »the many, not the few« (»Den vielen, nicht den wenigen«).

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Die Initiative für ein Neues Normalarbeitsverhältnis, die von Bernd Riexinger angestoßen wurde, will selbstbestimmtere Arbeitszeiten für alle und eine Umverteilung von Arbeit, Zeit und Reichtum. Die »konkrete Utopie«: kurze Vollzeit für alle. Dafür braucht es andere Rahmenbedingungen: Das Recht auf eine Mindeststundenzahl von 20 Stunden/ Woche und eine Begrenzung der wöchentlichen Höchstarbeitszeit von derzeit 48 auf 40 Stunden.

Ein Wahlarbeitszeitgesetz, mit Arbeitszeiten, die zwischen 20 und 35 Stunden für die Beschäftigten (!) flexibel gestaltbar sind und verpflichtende Regelungen zu kollektiver Mitbestimmung und Personalausgleich.

Zwei Millionen neue Arbeitsplätze in kurzer Vollzeit (unter anderem in Bildung, Gesundheitsversorgung, Pflege, Infrastruktur der Kommunen, Ausbau des Öffentlichen Nahverkehrs) durch ein staatliches Investitionsprogramm über 120 Milliarden Euro.

Eine Familien-, Pflege und Weiterbildungszeit: Lohnarbeit muss so geregelt werden, dass sie die Familien- und Sorgearbeit als gesellschaftlich notwendige Arbeit anerkennt. Alle Beschäftigten, die ihre Arbeitszeit für Erziehung, Pflege oder zur Weiterbildung reduzieren, erhalten einen teilweisen Lohnausgleich. Dieser kann durch eine Abgabe von Unternehmen mit mehr als zehn Beschäftigten und durch begrenzte staatliche Zuschüsse finanziert werden.

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