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DISPUT

Kommunistisches Manifest: Auch heute noch richtig

Von Prof. Dr. Wolfgang Triebel

Keine aus der Geschichte bekannte Gesellschaftskonzeption für ein menschenwürdiges Leben aller Bürger ist jemals so massiv bekämpft worden wie das 1848 veröffentlichte »Manifest der Kommunistischen Partei« von Karl Marx und Friedrich Engels. Umso bewundernswerter ist, dass im Jahre 2013 das Manifest und Band 1 des Kapitals von Marx von der UNESCO in das »Memory of the World« (Gedächtnis der Welt) aufgenommen wurden. Dieses Register hat die Aufgabe, das dokumentarische Erbe der Menschheit zu erhalten.

Neben Goethes Werken, Grimms Märchen, Beethovens 9. Symphonie und mehr als 400 weiteren Dokumenten sind nunmehr auch das »Manifest « und »Das Kapital« im Welterbe als deutsches Denken anerkannt. Mit der Aufnahme in das »Gedächtnis der Welt« verpflichten sich Entsendestaaten, für Erhalt und Verfügbarkeit des jeweiligen dokumentarischen Erbes zu sorgen.

Völker aller Kontinente haben seit 1848 trotz feudal wie kapitalistisch motivierter Widerstände die zukunftsträchtigen Ideen des Manifestes politisch-sozial umzusetzen versucht. Weltumspannende Zeichen setzten die Pariser Kommune 1871, die Russische Revolution 1917 und die Gründung der Sowjetunion sowie nach dem Zweiten Weltkrieg weitere sozialistische Staaten. Sie verstanden die Vergesellschaftung von Grund und Boden und einschlägiger Großindustrien als erste Schritte in den sozialen Umwälzungen ihrer Gesellschaft zur Verwirklichung der Ziele des Manifests. Das inspirierte revolutionäre Bewegungen in Asien, Afrika und Lateinamerika zum Sturz ihrer Kolonialherren. Alle großen politischen Kämpfe des 20. Jahrhunderts, auch die zwei Weltkriege, trugen in sich den Gegensatz von aufstrebendem Kommunismus und widerständischem Antikommunismus.

Großes Gewicht

Zum 100. Todestag von Karl Marx 1983 beschrieb der Vertreter der damaligen »Fortschrittlichen Volksfront der Seychellen« die Ausstrahlungskraft der Ideen im Manifest von 1848 auf den Kampf antikolonialer Bewegungen: »Wir haben Marx immer gekannt, wenn auch anfangs nicht durch seine Schriften. Wir haben ihn damals im Kampf unseres Volkes entdeckt, in dem Plan einer Gesellschaftsordnung, den wir in uns trugen, wenn auch noch etwas verschwommen… Als wir angefangen haben, uns eingehender mit den Schriften von Marx … zu beschäftigen, haben wir festgestellt, dass sie bereits alte Weggefährten, aber gleichzeitig voller neuer Gedanken waren. Das haben wir dann genutzt, um zu korrigieren, was zu korrigieren war, um Erkenntnisse zu festigen und weiter voranzukommen. Marx und unsere Zeit, Marx und der Frieden, Marx und der soziale Fortschritt – all das ist für uns…klar und einleuchtend.«

Die Niederlagen des Realsozialismus in Europa am Ende des 20. Jahrhunderts haben das soziale Gewicht der Visionen des Manifests für politische Problemlösungen im 21. Jahrhundert keineswegs aufgehoben. In der Begründung für die Aufnahme beider Dokumente in das UNESCO-Erbe heißt es, beide Schriften sind »zwei der wichtigsten Publikationen des 19. Jahrhunderts, … die großen Einfluss auf die Entwicklung sozialistischer, kommunistischer und anderer revolutionärer Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts« hatten. Und: »Ihr enormer Einfluss wirkt bis heute nach«. Marx ist also nicht tot, wie es 1990 Gewinner des Kalten Krieges nach der Eingliederung der DDR in die Bundesrepublik dünkte.

Politischer Auftrag

Die 2017 erfolgte Besinnung auf das vor 150 Jahren erschienene »Kapital « von Karl Marx hatte einen realen historischen Hintergrund. Die seit Beginn des 21. Jahrhunderts im Euro-Europa lauthals verkündete soziale Reformierung des Kapitalismus kann man als verfehlt ansehen mit Zwangsjacke für Griechenland, gestiegener Arbeitslosigkeit und Armut in Südeuropa oder dem Brexit Großbritanniens. Immer mehr bürgerliche Ökonomen befragen bei der Suche nach den Ursachen dafür folgerichtig politisch vernünftig und wissenschaftlich redlich die Kritik von Karl Marx an der politischen Ökonomie des Kapitalismus.

Das »Kapital« von Marx von 1867 ist die wissenschaftlich-theoretische Begründung für den politischen Auftrag des Manifests von 1848 »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!«. Nur eine in der Gesellschaft verwurzelte einheitlich handelnde Arbeiterklasse kann für sich und das ganze Volk eine menschenwürdige Gesellschaftsordnung errichten, frei von jeglicher Ausbeutung und Unterdrückung. Zu fragen ist, welche politischen Gewissheiten von Marx und Engels im Manifest, welche der sinnvollen Erfahrungen des Sozialismus des 20. Jahrhunderts, aber auch seiner bitteren Lehren, sind im 21. Jahrhundert für die Schaffung von Institutionen langlebiger Volksherrschaftsformen politisch weiterzuführen?

Das Kommunistische Manifest wird für die Dauer des Kapitalismus viele Völker auf allen Kontinenten beschäftigen. Als Marx und Engels es schrieben, erlebten sie vor ihren Augen die Entstehung zweier neuer Klassen, Bourgeoisie und Proletariat. Diese Klassen wurden historisch als Zwillinge geboren, bekämpften sich aber als feindliche Brüder einander sozial und politisch. Daraus leiteten Marx und Engels als allgemeingültigen Grundsatz ab: Die Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen! Das wollen manche auch heute noch nicht wahrhaben. Die sozialen Grenzen zwischen den Klassen und Schichten werden heute vielfach bewusst verwischt gehalten.

Grundsätze

Trotz veränderter Bedingungen betonte Engels in der Vorrede zur deutschen Ausgabe 1872, »die in diesem ›Manifest‹ entwickelten allgemeinen Grundsätze behalten im ganzen und großen auch heute noch ihre volle Richtigkeit« (MEW 1959, Bd. 4/573). Seit Marx wird die soziale Klassenzugehörigkeit der Menschen an ihrer unterschiedlichen Stellung zu Produktionsmitteln bestimmt. Auch dieser allgemeine Grundsatz gilt bis heute: »Eigentum verpflichtet«, Grundgesetz Artikel 14, meint privates Eigentum an Produktionsmitteln wie Grund und Boden, großen Industrien, Wasser, Energien, an Mietshäusern und anderen für die Existenz aller Menschen lebenswichtigen Gütern. Der Kommunismus kritisiert deren Nutzung zur privaten Anhäufung von Profi t, nicht das Auto des Nachbarn und seine Villa.

Im 21. Jahrhundert sind Kriege und Kriegsdrohungen die Hauptprofitquellen kapitalistischer Rüstungsindustrien. Abrüstung und das Verbot von Atomwaffen sind Voraussetzung für die Lebenswelt der Menschen von heute und morgen. Auf die brennenden Probleme unserer Zeit gibt es im Manifest von Marx und Engels aus dem Jahr 1848 Antworten – man muss sie nur finden wollen.

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