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DISPUT

Knoten sprengen

Von Kerstin Wolter

Wie hält man es als Feministin eigentlich mit dem Marxismus – oder wie als Marxistin mit dem Feminismus? Diese Frage haben sich schon viele gestellt. Viel zu oft wurde versucht, die Antwort allein in der Theorie zu finden. Oft mehr schlecht als recht. Schnell wird deutlich, dass für Feministinnen nicht viel zu holen scheint mit dem Marxismus. Doch das ist ein Irrtum. Denn die Antworten finden wir nicht allein, indem wir theoretisch mit Begriffen jonglieren, sondern indem wir uns die realen Verhältnisse anschauen. Wenn wir nicht nur durch, sondern vor allem mit Marx arbeiten, kommen wir recht schnell auf den Punkt, dass wir in der Verbindung von marxistischer und feministischer Theorie und Praxis viel zu lernen – und zu gewinnen haben.

Ein Beispiel: Wenn wir uns die Verhältnisse in Deutschland anschauen, können wir im Grundgesetz nachlesen, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind und niemand »wegen seines Geschlechts […] benachteiligt oder bevorzugt werden [darf]« (GG, Artikel 3 §1 und §2). Dennoch werden Frauen häufiger Opfer von sexueller Gewalt, üben weniger Führungspositionen aus und verdienen rund 21 Prozent weniger als Männer. Warum das so ist, liegt auch am Verhältnis der Produktions- und Reproduktionsarbeit im Kapitalismus. Also im Verhältnis der Sphäre der Warenproduktion und der Sphäre der Haushalts-, Pflege- und Erziehungsarbeit. Nach Marx wird im Kapitalismus allein im produktiven Bereich Mehrwert produziert, der vom Kapitalisten abgeschöpft wird. Der reproduktive Bereich dient lediglich zur Reproduktion der Ware Arbeitskraft. Er spielt in der kapitalistischen Wirtschaftsweise also nur eine untergeordnete Rolle. Nun ist es der unerfreuliche Nachlass aus patriarchalen Gesellschaften, dass Frauen heute noch den Großteil der reproduktiven Arbeit im nicht entlohnten Bereich erledigen. Diese geschlechtsspezifische Zuteilung verschiedener Arbeiten, drückt sich auch in der entlohnten Arbeitswelt aus. Frauen bilden die große Mehrheit in den Pflege- und Erziehungsberufen (87 Prozent der in Pflegediensten und 85 Prozent der in Pflegeheimen Beschäftigten sind Frauen) – und diese sind bekanntlich sehr schlecht bezahlt.

Mit Marx können wir erkennen, wie Geschlechter- und Produktionsverhältnisse, also unterschiedliche Herrschaftsverhältnisse, miteinander verwoben sind. Die feministische Marxistin Frigga Haug nennt das den Herrschaftsknoten. Diesen können wir jedoch nicht einfach lösen, indem wir nur an einem Ende des Fadens zu ziehen – in dem Moment zieht sich womöglich der Knoten an anderer Stelle fester zusammen. Die Lösung ist, den Knoten im Ganzen zu sprengen. Und hier haben Feministinnen und Marxistinnen, ganz egal, ob sie sich dessen tatsächlich bewusst sind, ein gemeinsames Ziel. Nämlich »alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist« (MEW, Band 1, S.385).

Kerstin Wolter war Bundesgeschäftsführerin von DIE LINKE.SDS und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der LINKEN-Vorsitzenden Katja Kipping.

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