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DISPUT

Kalter Krieg

Von Jürgen Kiontke 

Das Flüstern des Wassers: Guillermo del Toros Film »Das Flüstern des Wassers« würde wohl den Test der Grafikerin Alison Bechdel zur Überprüfung stereotyper Frauenrollen im Film zumindest zum Teil bestehen. Der Test hat drei Kriterien: Gibt es mindestens zwei Frauenrollen? Sprechen die Frauen miteinander? Unterhalten sie sich über etwas anderes als Männer? Ja, in der Tat gibt es zwei Frauen, und sie sprechen nicht über einen Mann, sondern über biologische Waffen. Elisa und Zelda putzen ein hochgeheimes Forschungslabor. Es sind die sechziger Jahre, Höhepunkt des Kalten Krieges – die Systemkonkurrenten Russland und USA versuchen, sich unter und über Wasser auszustechen. Als Kind verlor Elisa ihre Stimmbänder. Zu ihrer Arbeit als Reinigungskraft im Hochsicherheitstrakt gehört das Aufräumen rund um das Wasserbassin, wo ein Amphibienwesen lebt. Es wurde im Amazonasgebiet gefangen, wo es bei den Einheimischen eine große Nummer war – und als Gott verehrt wurde. Nun will man den Organismus auf seine Kriegstauglichkeit hin erforschen, die Russen sollen das Nachsehen haben. Wer nicht spurt, wird mit dem Elektroschocker traktiert.

Es geht ruppig zu, der Schmutz, den die stumme Elisa wegzuschrubben hat, kommt allzu oft von schlimmen Verletzungen. Die junge Frau verliebt sich in den nassen Kollegen — kein Wunder: Jeden Morgen steigt sie mit wohligen Gefühlen aus der Badewanne. Zum Frühstück masturbiert sie. Wie erginge es ihr wohl mit einem Geschöpf, das im Wasser, dort bei ihr ganz zu Hause wäre? Es steht die arbeitende Klasse im Mittelpunkt. Labortier und Hygienepersonal handeln solidarisch und gewinnbringend. Hier haben sich zwei gefunden, die sich – stumme Frau, stummer Fisch – auf Anhieb verstehen. Sie teilen die Liebe für gekochte Eier und Jazz. Kommuniziert wird per Gebärdensprache, und Gesten machen beider Leben aus. Dies ist ein märchenhafter Film mit wunderschönen Szenen.

»Das ist doch nur eine Affe mit Fischflossen«, schreit der sadistische Sicherheitschef Strickland. Soll er doch, die Nervensäge. Letzten Endes sehen wir, wie ein unglücklicher Mann dafür Sorge zu tragen gedenkt, dass die ganze Welt unglücklich ist. Der Film findet dafür ein passendes Bild: Die Finger, die die Amphibie dem Offizier abgebissen und die man wieder angenäht hat, faulen an der Hand vor sich hin. Es ist eine Szene schlimmster Selbstverachtung, wenn er sich die Gliedmaßen wieder ausreißt. Ein grausamer Kontrast zu dem schönen Leben, von dem Elisa und das Wasserwesen gestikulieren.

Wenn auch diesmal nicht der Sozialismus über die Ausbeutung triumphiert, so doch die Liebe. Es ist anzunehmen, dass die beiden untertauchen. > Kinostart: 15. Februar 2018

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