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DISPUT

Ja, Marx!

Von Klaus Lederer

Nicht jede Form von Antikapitalismus ist (zumindest potenziell) fortschrittlich. Unter dem Label »Antikapitalismus« oder »Systemkritik« firmiert leider auch ziemlich viel Unfug. Deshalb brauchen wir als Linke einen klaren Begriff des Kapitalismus– und ein Verständnis davon, was an ihm problematisch ist. Eine genaue Analyse können wir uns auch in turbulenten Zeiten nicht ersparen. Das beste und analytisch schärfste Rüstzeug, das uns für eine progressive Kritik des Kapitalismus zur Verfügung steht, ist nach wie vor die kritische Theorie von Karl Marx – sofern wir von einigen gefährlichen Verkürzungen Abstand nehmen, die auch in der Linken verbreitet waren und sind, und die angelegt wurden, als man aus Marx einen -ismus machte, ein doktrinär sich verhärtendes Lehrgebäude mit vermeintlich ewigen, unverrückbaren Wahrheiten.

Wenn wir Marx ernst nehmen, ist das, was auch Konservative und Liberale seit einigen Jahren wieder explizit Kapitalismus nennen, weit mehr als ein Wirtschaftssystem, weit mehr als eine Art und Weise, ökonomische Prozesse zu organisieren. Der Kapitalismus ist auch eine Lebensweise. Bis ins Innerste prägt er das, was Menschen denken, fühlen und tun, was sie verurteilen und was sie gutheißen, was sie träumen, was sie fürchten und was sie zu hoffen wagen – und ganz besonders auch: was sie für selbstverständlich und ganz natürlich halten.

Worin besteht Marx zufolge der – allen Transformationen zum Trotz stabile – innere Kern der kapitalistischen Ordnung? Kurz gesagt lautet die Antwort: Kapitalismus ist eine Form abstrakter Herrschaft, die dem menschlichen Handeln Zwänge dadurch auferlegt, dass die Erfüllung individueller und kollektiver Bedürfnisse dem Ziel der Kapitalakkumulation untergeordnet ist.

Kapital ist für Marx »Wert in Bewegung«. Das heißt, die Kategorie »Kapital« bezeichnet den Prozess, in dem sich der Wert selbst verwertet. Der Wert wiederum beruht auf der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft. Anders als die politische Ökonomie vor ihm zeigte Marx nicht nur auf, dass der Wert das entscheidende Maß des Reichtums in kapitalistischen Gesellschaften ist, sondern problematisierte auch, warum es sich so verhält – und weshalb diese Tatsache eine zu überwindende Form von Unfreiheit darstellt.

Mit seiner Unterscheidung zwischen dem auf Arbeitskraft basierenden Wert und dem »stofflichem Reichtum«, das heißt der Qualität und materiellen Fülle von produzierten Gütern, die mit dem Fortschritt von Wissenschaft, Technologie und Produktivität immer größer wird, kann Marx nicht nur »ein verblüffendes Merkmal des modernen Kapitalismus – [den] Mangel an allgemeiner Prosperität inmitten von materiellem Überfluss« (M. Postone) erklären, sondern auch eine Gesellschaft denken, die frei ist von der ausbeuterischen Herrschaft von Menschen über Menschen, aber auch frei von der Herrschaft der Arbeit über die Menschen. Marx zeigt uns, warum die Kluft zwischen der kapitalistischen Realität und den schon heute vorhandenen Potentialen der Menschheit immer größer wird – und ruft uns auf, sie zu überwinden.

Klaus Lederer ist LINKER Senator für Kultur und Europa

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