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DISPUT

Hinter dem Tellerrand

Von Jens Jansen

Vor 25 Jahren wurde von ehrbaren Leuten die »Berliner Tafel« gegründet. Die freiwilligen Helfer wollten nicht zusehen, wie in den Supermärkten täglich Nahrungsmittel, nahe am Verfallsdatum, »entsorgt« statt verteilt werden. Die Zahl der Bedürftigen steigt ständig. Die Mieten steigen. Die Hartz IV-Gesetze würgen. Die Renten waren eingefroren. Die Frauenlöhne sind ein Skandal. Die Migration drückt. Die Superreichen sind unersättlich und der Staat mästet sie. In Berlin gelten 15 Prozent der Einwohner als armutsgefährdet. Das betrifft jedes vierte Kind, jede zweite Single- Mutter und jeden zehnten Rentner. Doch die Kanzlerin prahlt: »Nie ging es uns so gut wie heute!«

Aber wenn die ehrenamtliche Selbsthilfe die Ehre des »Sozialstaates « retten muss, dann ist das erbärmlich im reichsten Land Europas. In diesem Haifischbecken machen die Rechts-Populisten ihre Beute unter den Ärmsten. Die vielfarbigen Linken haben viele Chancen für eine Wende dieser unsozialen Politik vertan. Inzwischen gibt es bundesweit etwa 2.000 Ausgabestellen der Tafel mit 60.000 rührigen Helfern und anderthalb Millionen »Stammkunden« in allen Großstädten und zunehmend vielen Kleinstädten. Aber die Sicherung des Existenzminimums ist Auftrag der Politik und nicht der Tafeln. Nun kam es bei der Essener Tafel zu einem Zwischenfall. Deren Leitung hatte Anfang Januar 2018 beschlossen, ihre Berechtigungsscheine zum Empfang der Lebensmittel nur noch an Bürger mit deutschem Pass auszugeben. Begründung: Der Anteil von Ausländern sei zu hoch geworden. Das gäbe Drängeleien in der Warteschlange. »Einige Männer haben sich rüpelhaft verhalten und zeigen mangelnden Respekt gegenüber Frauen. Wir wollen, dass auch die deutsche Oma zu uns kommt.«

Der Bundesverband der Tafeln kritisierte den Beschluss: »Für Tafeln zählt die Bedürftigkeit und nicht die Herkunft. « Frau Merkel meinte, dass zeige den Druck, aber »man sollte bessere Lösungen finden als solche Kategorisierung. « Der CSU-Häuptling im Bundestag, Dobrindt, fand jedoch den Essener Beschluss richtig, »damit es nicht zu einer Verdrängung an der Tafel kommt.« Manche Essener fühlten sich aber an das III. Reich erinnert, als an Parkbänken und Ladentüren stand »Nicht für Juden!«. Aber der Haudrauf- Held von SAT 1 und Pro 7, Claus Strunz, fragte empört, ob denn Frau Merkel ihren Amtseid vergessen habe, wo sie als deutsche Kanzlerin im deutschen Parlament geschworen habe, dem deutschen Volk zu dienen. Nun erweise sich »Mutti Merkel « aber als »ungerechte Stiefmutter für die Deutschen und als gütige Mammi für die Flüchtlinge.«

Das klang, als wollte der Mann Ehrenpräsident bei der AfD werden. Aber das brachte ihm umgehend im Internet 70.000 Zustimmungen ein. Da sage noch jemand, der Nazigeist sei 1945 verflogen. Die Brände in Mölln und Marzahn haben zum Himmel gestunken. Die Fackeln der Reichsbürger und Pegida- Mitläufer riechen genauso. Der Bundesinnenminister musste feststellen, dass es 2017 insgesamt 2.219 Angriffe auf Flüchtlinge und deren Unterkünfte in Deutschland gab. Das sind sechs Fälle Tag für Tag!

Aber das nährt die schwelende rassistische Stimmungsmache, die inzwischen »salonfähig«, ja sogar parlamentsfähig geworden ist. Und das in einer Welt, in der es 222 bewaffnete Konflikte und 20 regionale Kriege gibt. Die Brandbeschleuniger sind die Bedrohungsängste, der Rassenhass, eine religiöse Mission oder die historische Vergeltung. Die Global-Player wärmen sich die Hände an den verdoppelten Rüstungsetats. Und Deutschland ist immer mitten drin. Wer nicht zur Tafel muss, sondern zum Business-Dinner geht, sollte öfter über den Tellerrand hinausschauen! 

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