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DISPUT

Gesundschrumpfen

Von Jürgen Kiontke

»Downsizing«: Zu fett, zu unbeweglich, zu unachtsam: Der Kapitalismus will es immer größer! Wenn weiter so viel Ressourcen verbraucht werden, wenn der Umweltverschmutzung nicht Einhalt geboten werden kann – dann werden wir nicht mehr lange leben. Degrowth, also Wachstumsrücknahme, jetzt!

In Norwegen, dem Land der klugen Einsichten, reift die Erkenntnis: So geht es nicht weiter. Als die Laborratte aus der Bestrahlung kommt, traut der etwas verschlafene Forscher Jørgen Asbjørnsen (Rolf Lassgård) seinen Augen nicht. Das Tier kann ab sofort in der Streichholzschachtel wohnen. Asbjørnsen weiß, was das bedeutet: die Rettung der Erde. Den nächsten Versuch führt er an sich selbst durch – und ist dabei erfolgreich.

Die Aussicht, ohne Nebenwirkungen nur noch zwölf Zentimeter groß zu sein, wird in Alexander Paynes verrückt-schönem Science-Fiction- Film »Downsizing« (»Gesundschrumpfen «) eine erstaunlich populäre Idee. Und das ist auch kein Wunder: Wer sich schrumpfen lassen will, kann damit rechnen, mit wenig Geld bis ans Ende seiner Tage zu kommen. Man denke einmal, wie wenig Strom man verbraucht. Oder Nahrung. Und erst die tollen Häuser und Siedlungen im Puppenstubenformat.

 Auch der all american Vorstadt-Physiotherapeut Paul Safronek (Matt Damon) ist fasziniert. Mit seinem jetzigen Gehalt wären keine großen Sprünge drin. Warum nicht als Mini-Ausgabe seiner selbst ins gelobte Land einziehen? Gesagt, getan. Am Anfang läuft auch alles super, zieht man einmal ab, dass die Ehefrau im letzten Moment einen Rückzieher macht. Aber wie die kleinen Menschen da mit den großen gemeinsam im Zug fahren. Wie die kleinen Menschen super Drogenpartys feiern und sich nie mehr abrackern müssen …

Es sei denn, und da liegt der Hase im Pfeffer: Sie sind nicht weiß. Dann putzen sie den Reichen die schönen Häuser, leben vom Medikamente schnorren und Klauen. Während der neue kleine obere Mittelstand die Wohlfühlgemeinschaft mit geraden Rasenkanten und glänzenden Geschäftsmöglichkeiten durchexerziert, eignet sich Zwangsschrumpfen andernorts gut als Strafe. So wie bei der Putzfrau und Menschenrechtskämpferin Ngoc Lan (Hong Chau), die in ihrem Heimatland mit dem Tod bedroht wurde.

 Im großen Ganzen hat sich nichts geändert, im Kleinen schon: Du kommst nicht mehr per Schlauchboot als Flüchtling übers Meer, sondern in einem kaputten Flatscreen, in schwimmendem Elektroschrott. Rassismus? Unterdrückung? Klassenantagonismen? Die Menschheit zerfällt auch auf der Mini-Ebene in Arm und Reich, in Weiß und anderes. Die Weltrettungsanwendung hat keine Nebenwirkungen, vor allem diese nicht: dass der technisch- manipulative Fortschritt sich positiv auf das Streben nach Gerechtigkeit auswirkt. Wer vorher eine kleine Nummer war, ist es als Schrumpfausgabe erst recht. Das ist die gesellschaftskritische Botschaft dieses kleinen, schönen Films: Vielleicht wird die Welt so gerettet. Für einige.

»Downsizing« > Kinostart: 18. Januar 2018

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