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DISPUT

Gestatten? DIE LINKE!

Wenn wir viele Menschen für linke Politik gewinnen wollen, müssen wir mit vielen sprechen. Zum Beispiel direkt an der Haustür

Von Sarah Nagel und Christina Kaindl

DIE LINKE hat konkrete Vorschläge dafür, wie das Leben sozial gerechter und Politik friedlicher werden können. Davon wollen wir in den nächsten Wochen und darüber hinaus möglichst viele Menschen überzeugen. Die effektivste Möglichkeit dafür ist ein persönliches Gespräch. Studien haben gezeigt, dass dies einen größeren Einfluss auf die Mobilisierung hat als andere Wahlkampfmethoden.

Für viele Mitglieder gehört der direkte Kontakt zum Alltag, etwa am Infostand, bei Veranstaltungen oder im Gespräch mit Familie, Freunden und Bekannten. Eine weitere Möglichkeit ist, mit Menschen direkt an der Haustür zu sprechen. Oft sprechen wir im Wahlkampf mit einem begrenzten Kreis von Menschen: die unsere Facebook-Seite abonnieren, die zum Infotisch kommen, die der Einladung einer Veranstaltung folgen. Im Gespräch können wir auch diejenigen erreichen, die vielleicht nicht selbst den Schritt zu einer Veranstaltung oder an einen Stand machen würden. Für DIE LINKE geht es an den Haustüren aber nicht nur um Wahlkampf. Es geht auch darum, etwas von den Alltagserfahrungen der Menschen zu lernen und zu zeigen, dass wir nicht nur gute Forderungen haben, sondern sich Aktive vor Ort dafür einsetzen, Veränderungen zu erstreiten. Und wir wollen noch mehr werden. Deshalb kämpfen wir nicht nur um Stimmen, sondern laden dazu ein, mit uns gemeinsam aktiv zu werden.

Wahlbeteiligung sinkt

Das systematische Aufsuchen vor Ort, auf Englisch Canvassing genannt, wird häufig mit Kampagnen in den USA in Zusammenhang gebracht und hat eine große Rolle im Wahlkampf für den Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders gespielt. Tausende Wahlkämpfer waren unterwegs und haben an Türen geklingelt, darunter viele junge Freiwillige. Und der Labour-Vorsitzende Jeremy Corbyn hat im Juni auch dank Haustürgesprächen überraschend beinahe die Wahl in Großbritannien gewonnen. Was den Unterschied gemacht habe, seien Leute gewesen, die an Türen geklopft haben, schreibt Emma Rees. Sie arbeitet für Momentum, eine Plattform, die Corbyns Wahlkampf unterstützte. Die mehr als 24.000 Helfer, die überall im Land mit Millionen Menschen geredet haben, seien das Herz der Kampagne gewesen. Sie haben sich spontan gemeldet und waren keine Politikprofi s. Direkter Kontakt funktioniert nicht nur in englischsprachigen Ländern, sondern auch in Dresden, Kassel, Stuttgart oder Hamburg.

Dass Haustürwahlkampf wirkt, hat sich mittlerweile auch unter Parteien in Deutschland herumgesprochen. Mitglieder der CDU haben bei den Landtagswahlkämpfen im Saarland, Schleswig-Holstein und NordrheinWestfalen an Türen geklingelt. Es gibt eigens eine App dafür. Das dürfte einer der Gründe sein, warum die CDU bei diesen Wahlen überdurchschnittlich viele Nichtwähler mobilisieren konnte. Auch die SPD und die Grünen machen Haustürwahlkampf.

Gespräche in den Wochen und Tagen vor Wahlen werden immer wichtiger. Denn die Bindung an Parteien wird schwächer. Wählerinnen und Wähler wechseln häufiger, legen sich erst kurz vor der Wahl fest oder gehen überhaupt nicht wählen. Viele haben nicht das Gefühl, dass Politik etwas mit ihrem Leben zu tun hat und wenn doch, verbinden sie damit nicht unbedingt Gutes. Lag die Wahlbeteiligung bei den Bundestagswahlen 1972 und 1976 noch bei knapp über 90 Prozent, waren es 2009 nur noch 70,8 Prozent und vier Jahre später 71,5 Prozent. Bei Landtagsund Europawahlen beteiligen sich noch weniger. Die Bertelsmann-Stiftung spricht von einer »sozialen Spaltung der Wahlbeteiligung«. »Ausnahmslos liegt die Wahlbeteiligung in sozial benachteiligten Gebieten weit niedriger als in bessergestellten Stadtvierteln«, heißt es in einer Studie.

In Kontakt bleiben

Diese Entwicklung hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt. Soziale Kürzungen, Hartz IV, niedrige Löhne, befristete Arbeitsverträge und Einschnitte in die Infrastruktur vor Ort machen den Alltag vieler Menschen zur Zumutung. Dazu kommt oft das Gefühl, dass sich nichts ändert, egal wen man wählt.

Wenn wir an die Haustüren gehen, ist es persönlich. Wir können die Erfahrungen der letzten Wahlen auswerten: Wo sind wir stark, wo waren wir stark und können etwas zurückgewinnen? Als LINKE in die Villenviertel zu gehen, wird sich kaum lohnen. Haustürwahlkampf ist kein »Überzeugungsinstrument«. Wir nutzen es nicht, um Leuten, die etwas ganz anderes wollen, zu unseren Positionen zu überreden. Beim Haustürwahlkampf geht es darum, zu mobilisieren. Leute einzuladen, tatsächlich zur Wahl zu gehen und DIE LINKE zu wählen. Deshalb waren wir bisher vor allem in linken Hochburgen und ehemaligen Hochburgen unterwegs. Auch Studierendenwohnheime eignen sich gut.

Natürlich spielen die Ressourcen der Kreisverbände eine Rolle – aber es lohnt sich, Haustürwahlkampf nicht nur als das zu sehen, was man noch macht, wenn alles andere schon erledigt ist. Warum nicht mal statt die Wahlzeitung in den Briefkasten zu stecken, an die Türen klingeln und sie persönlich übergeben?

Bei jemand Unbekanntem an der Tür zu klingeln und ins Gespräch zu kommen ist für die meisten nicht leicht. Es ist deshalb gut, die Gespräche vorher gemeinsam zu üben. Aktive in etlichen Kreisverbänden haben sich bereits gemeinsam einige Stunden vorbereitet und anschließend Gespräche geführt. Die allermeisten Beteiligten fanden es eine positive Erfahrung, die sie wiederholen würden.

An der Haustür lässt sich viel darüber erfahren, was Menschen bewegt und was sie gerne ändern würden. Oft geht es in der Unterhaltung nicht nur um bundespolitische oder außenpolitische Themen, sondern darum, was in der Nachbarschaft geschieht. Was könnte das brennende Thema vor Ort sein? Meistens wissen wir das aus der politischen Praxis. Wenn nicht, geben die ersten Gespräche an den Türen Hinweise. Brennende Themen können auch der Beginn einer Organisierung sein, etwa indem aus den ersten Gesprächen ein Nachbarschaftstreffen entsteht.

Es lohnt sich, eine konkrete Einladung für Interessierte dabei zu haben, zum Beispiel zu einem Anwohnerfrühstück, einer Veranstaltung oder einem offenen Mitgliedertreffen. Im besten Fall bleibt man nach dem Gespräch in Kontakt. Wenn man nicht vergessen hat, nach der Kontaktnummer zu fragen. Zwei Punkte sind wichtig: 1. Dass die Menschen selbst zu Wort kommen und nicht nur »zugetextet« werden. 2. Dass sie ganz direkt gefragt werden, ob sie DIE LINKE wählen würden. Wenn sie »ja« sagen, fühlen sie sich daran gebunden. Wenn sie es noch nicht wissen, werden sie uns das sagen. Und: wenn sie ja sagen, ist es sicher nicht schwierig, nach ihrer Telefonnummer zu fragen, um sie zum nächsten öffentlichen Frühstück mit der Kandidatin einzuladen!

Ein freundliches Gespräch mit einer engagierten Person kann viel bewirken. Und es ist etwas grundlegend anderes als eine Unterhaltung mit jemandem, der etwas verkaufen will. Es ist eher ein Gespräch unter Nachbarn. Ehrenamtliche, die sich für linke Politik einsetzen, gibt es in der LINKEN tausende. Eine gute Voraussetzung also – nicht zu vergessen, dass es Mitglieder gibt, die schon früher Erfahrung im Haustürwahlkampf gesammelt haben, besonders in der PDS. In der jetzt anstehenden heißen Wahlkampfphase und darüber hinaus gibt es die Gelegenheit, aufsuchende Gespräche selbst auszuprobieren. Dazu braucht es nur einige Leute, die Lust darauf haben, etwas Vorbereitung und ein paar Stunden Zeit. Es lohnt sich.

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