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Shaked Spier

Gegenrevolution von Rechts

Die US-Amerikanerin Angela Nagle hat sich mit der rechten Gegenkultur im Internet beschäftigt. Parallelen zu Deutschland sind offensichtlich.

 

In Ihrem Buch »Die Digitale Gegenrevolution« lädt Angela Nagle die Leserinnen und Leser ein, in die tiefsten Abgründe des kulturellen Diskurses einzutauchen – hemmungsloser Rassismus, Antisemitismus, Frauenhass, Gewalt und Faschismus, die längst nicht nur in den »dunklen Ecken« des Internets zu finden sind, sondern überall, sogar im Weißen Haus. Ein Diskurs, der online stattfindet und eine gesellschaftlich-politische Wirkung zeigt, die sich in bemerkenswerter Weise offline entfaltet. Der im Buch untersuchte Zeitraum erstreckt sich über das letzte Jahrzehnt. Beginnend mit dem (cyber-)utopischen Glauben an »führerlose Bewegungen« und »Facebook/Twitter-Revolutionen«, mit den Ereignissen des arabischen Frühlings und den weltweiten sozialen Protesten, die sich durch ausgeprägte Nutzung von sozialen Medien auszeichneten. Dort verortet Nagle richtigerweise den Startpunkt eines Entwicklungsprozesses, den sie in einer detaillierten, schonungslosen Darstellung analysiert.

Dabei untersucht Nagle, wie es dazu kam, dass die Empörung über etablierte Medien und Politik und die »führerlosen«, online vernetzten Bewegungen nicht der Linken, sondern der Rechten zur Macht verholfen haben. Um dies zu tun, werden die Leserinnen und Lesern mit einer Kultur des Hasses konfrontiert, die in den verschiedensten Orten, Szenen und Milieus der Online-Welt zu finden ist. Auffallend dabei ist die Kultur des Hasses und der Gewalt gegen Frauen, die in die Offline-Welt übergeht. Des Weiteren werden Figuren und Plattformen der US-amerikanischen »Alt-Right« und »Alt-Light« Bewegungen vorgestellt, wie z. B. Milo Yiannopoulos und Richard Spencer oder die Webseiten »4chan« und »Breitbart«.

Eine kulturtheoretische Analyse von sozialen Bewegungen ist vor allem in den kulturalistischen Ansätzen der Social Movement Theory, z. B. New Social Movement, verankert. Bei diesen Ansätzen verschiebt sich der analytische Schwerpunkt von materiellen Interessen, Ressourcenverteilung und Klassenkämpfen zu Kulturverständnis, Sprache, Normen, Symbolen und Identitäten. In linken Kreisen hingegen, ist vor allem Antonio Gramsci für seinen Begriff der Hegemonie und die These bekannt, dass politische Veränderung auf kulturellen und gesellschaftlichen Wandel folgt; gerade diese Gramscianische Theorie spielt eine zentrale Rolle im theoretischen Fundament und der in Strategie der neuen Rechten. 

Die Methoden ähneln denen
von AfD und Co.

Verwunderlich ist Nagles – die u. a. für das linke Magazin »Jacobin« und ihre Dissertation über antifeministische Online-Bewegungen schreibt – Kritik an der Linken und dem Feminismus für ihre Überempfindlichkeit, überzogene politische Korrektheit und »Tumblr-Identitätspolitik«. Diese sieht Nagle in der Mitverantwortung für die Entstehung und Attraktivität der Neuen (Online-)Rechten als Gegenreaktion; ähnliche Kritik wurde unter anderem von Nancy Fraser formuliert. Die diffus definierten »Linken« und der »Feminismus« werden erst im fünften Kapitel aufgelöst und in den folgenden Kapiteln erneut pauschalisiert betrachtet. Gemeint sind die postmodernistischen Denkerinnen und Denker sowie Bewegungen, deren Präsenz im akademischen sowie im Online-Diskurs in den letzten Jahrzenten zugenommen hat. Die Kritik ist zum Teil berechtigt, zum Teil wird der Schwarze Peter diesen unbegründet zugeschoben. Ironisch dabei ist, dass Nagles kulturalisitischer Ansatz sich unter anderem an dem theoretischen Baukasten eben dieser bedient. Das Buch leistet einen bedeutenden Beitrag für das Verständnis des heutigen Rechtsruckes – jenseits von sozioökonomischen Erklärungsmustern. Wichtig dabei ist, dass die kulturalistischen und sozioökonomischen Analysen nicht alleinstehend, sondern gegenseitig ergänzend zu betrachten sind.

Leserinnen und Leser auf dieser Seite des Atlantiks wird vieles im Buch unter anderem Namen bekannt vorkommen – statt »4chan« und »Alt-Right« sind hier PEGIDA, AfD und Co. mit bemerkenswert ähnlichen Methoden und Strategien am Werk. Auch deswegen ist Nagles Analyse lesenswert. Jedoch bleibt die Frage offen, wie ein Rechtsruck, der sich als Gegenkultur zu Mainstream-Medien und Politik versteht, zu bekämpfen ist. Nagles Vorschlag: Nach einem halben Jahrhundert, in dem »alle verzweifelt versuchen, cool und avantgardistisch zu wirken, könnte es an der Zeit sein, die noch immer sehr jungen, sehr modernen Werte und das gesamte Paradigma der Gegenkultur zu beerdigen und etwas Neues zu schaffen«.

 

Shaked Spier ist Sprecher*in der BAG Netzpolitik der Partei DIE LINKE.

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