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Fabian Lambeck

Fünf vor zu spät

Für Europa ist es fünf vor zwölf«, »Es ist fünf vor zwölf: Arktiseis weiter auf dem Rückzug«, »Für die SPD ist es fünf vor zwölf«: Diese kleine Auswahl an aktuellen Schlagzeilen belegt eindrücklich, wie gern und häufig die Phrase »fünf vor zwölf« gebraucht wird. Die Zeitangabe, die längst zur Metapher geworden ist, soll uns aufrütteln und deutlich machen, dass umgehend gehandelt werden muss. Mal ist es ein dringend benötigter Fahrradweg, mal das Weltklima, mal die Zukunft eines Streichelzoos oder die sportliche Situation eines Regionalligisten aus Mecklenburg-Vorpommern. Dabei sollte die Phrase nicht verwenden, wer seine Mitbürgerinnen und Mitbürger wirklich zum Handeln animieren will. Denn wer fünf vor zwölf in Dresden feststellt, dass er um 12 Uhr in Hamburg den ICE kriegen wollte, der wird seinen Zug verpassen. Selbst der Hochgeschwindigkeitszug »Hyperloop«, den der begnadete Selbstvermarkter und Tesla-Investor Elon Musk mit 1.200 Stundenkilometern durch Röhren rasen lassen will, könnte diese Strecke nicht in fünf Minuten bewältigen. Zumal man ja auch noch Zeit für den Umstieg einplanen müsste.

Wenn es »fünf vor zwölf« ist, dann ist es oft schon zu spät. Dabei soll die Phrase doch eigentlich ein Weckruf sein. Doch bewirkt sie das Gegenteil: Statt alarmierter Bürgerinnen und Bürger, sitzen fatalistische Zynikerinnen und Zyniker vor den Bildschirmen und Zeitungen der Republik. Schließlich suggeriert man so, dass es eigentlich schon zu spät ist. Und wer ständig darauf hinweist, dass es bereits »fünf vor zwölf« ist, ohne dass die prophezeite Katastrophe eintritt, dem hört man irgendwann nicht mehr zu. Da bleibt nur noch die Flucht nach vorn. Die »Märkische Zeitung« etwa schreibt mit Blick auf den Drogenkonsum von Schülern in Rathenow: »Es ist fünf nach zwölf«. 

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