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DISPUT

Frieden und Brot!

Von Ronald Friedmann

Ende Januar 1918 war die Kriegsbegeisterung in Deutschland auf einem absoluten Tiefpunkt angelangt. Der Hunger, der spätestens seit dem Kohlrübenwinter 1916 zum Alltag der einfachen Arbeiter und ihrer Familien gehörte, bedrohte nun auch die Mittelschicht. Der akute Mangel an Heizmaterial brachte eine zermürbende Kälte in die armseligen Wohnungen der meisten Menschen. Von den Fronten kamen nur noch höchst beunruhigende Nachrichten – die Zahl der Gefallenen, Verwundeten und Vermissten stieg von Monat zu Monat, von Woche zu Woche. Die Hoffnung auf den versprochenen Siegfrieden war längst einer verzweifelten Sorge um das tägliche Leben und Überleben gewichen. Alles schien in diesem Augenblick wichtiger und richtiger als die Fortsetzung des Krieges.

Diese Stimmung hatten die Linken, insbesondere die Mitglieder des Spartakusbundes und die Revolutionären Obleute, die als weitgehend unabhängige Gruppierungen innerhalb der USPD wirkten, erkannt und zum Gegenstand ihrer Agitation gemacht. Bereits zweimal hatte es seit dem Beginn des Ersten Weltkriegs in Deutschland politische Massenstreiks gegeben: Im Juni 1916 hatten sich in Berlin und anderen Städten tausende Menschen versammelt, um gegen die Verhaftung und Verurteilung von Karl Liebknecht zu protestieren, der für die deutsche Arbeiterbewegung zum Symbol des Widerstandes gegen den imperialistischen Krieg geworden war. Und während des Aprilstreiks 1917 hatten in ganz Deutschland zehntausende Menschen, unter ihnen sehr viele Frauen, die die enorme Last des Alltagslebens zu tragen hatten, die Verbesserung der Lebensmittelversorgung gefordert und dabei die Fortsetzung des Krieges grundsätzlich in Frage gestellt.

Der folgende Streik hatte eine neue Qualität. Er begann mit einem Aufruf des Spartakusbundes vom 28. Januar 1918. Befördert durch Berichte aus Sowjetrussland bildeten sich in den Tagen des Ausstands überall in Deutschland in großer Zahl Arbeiterräte. Sie nahmen die Leitung der Protestbewegung in ihre eigenen Hände und organisierten – trotz eines rigorosen Versammlungsverbots – in vielen Städten eindrucksvolle Kundgebungen und Demonstrationen.

Weder die SPD noch die Gewerkschaften unterstützten den Streik. Zwar hatte der sozialdemokratische »Vorwärts« in einem Leitartikel am 29. Januar 1918 die Legitimität anerkannt und dafür von der Obersten Heeresleitung, die de facto die exekutive Gewalt in Deutschland übernommen hatte, ein dreitägiges Verbot kassiert. Doch tatsächlich war es von Anfang an das Ziel der sozialdemokratischen Parteiführung, den Streik möglichst schnell und möglichst ergebnislos zu beenden. Deutlich machte das Philipp Scheidemann, als er im Jahre 1924 als Zeuge in einem Gerichtsverfahren erklärte, dass Friedrich Ebert und er im Januar 1918 nur deshalb in die zentrale Streikleitung eingetreten waren, um stärker Einfluss auf die Ereignisse nehmen zu können: »Wenn wir nicht in das Streikkomitee hineingegangen wären, dann wären der Krieg und alles andere meiner festen Überzeugung nach schon im Januar erledigt gewesen«, so seine beeidigte Aussage. »Durch unser Wirken wurde der Streik bald beendet und alles in geregelte Bahnen gelenkt.« Man solle den beiden dafür »dankbar sein«, forderte er.

Keine Forderung erfüllt

 Anfang Februar 1918 wurde die Streikbewegung durch den massiven Einsatz von Polizei und Militär gewaltsam niedergeschlagen. Es gab zahlreiche Tote und Verletzte. Am 3. Februar 1918 verkündete die zentrale Streikleitung deshalb den Abbruch des Ausstands. Keine der Forderungen der Streikenden wurde erfüllt. Viele lokale Streikführer wurden verhaftet, darunter der spätere bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner, der den Munitionsarbeiterstreik in München organisiert hatte. Ungezählte Arbeiter, die bisher dem Kriegsdienst entgangen waren, wurden strafweise zum Militär eingezogen und an die Front geschickt, unter ihnen Richard Müller, der wenige Monate später als Vorsitzender des Vollzugsrates der Arbeiter- und Soldatenräte von Großberlin einer der Protagonisten der Novemberrevolution war.

Der Januarstreik, wie er später bezeichnet wurde, war die bedeutendste Friedensaktion der deutschen Arbeiterklasse in den Jahren des Ersten Weltkriegs. Er war, wie der marxistische Historiker Arthur Rosenberg, der in den 1920er Jahren kurze Zeit der KPD angehörte und mit ihrem Mandat im Mai 1924 Mitglied des Reichstags wurde, feststellte, die »Generalprobe für die Novemberrevolution «.

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