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DISPUT

Frauen mit Halsband

Von Jens Jansen

Glückwunsch allen Frauen, die sich im Wildwasser des Turbo- Kapitalismus nicht an unbewohnbare Ufer werfen lassen! Aber auch die Glücklichen, die einen halbwegs sicheren Job mit Vollzeit und Tariflohn haben, tragen ein enges Halsband, das ihnen als Handy oder Smartphone verkauft wurde und oft als Lasso der Firma für Überstunden und Sonderschichten missbraucht wird. Wenn doch manche Chefs mal fragen würden: Wer kümmert sich um Haus und Kinder, Einkauf und Arzttermine und wie deckt das Einkommen ihr Auskommen? Aber dann könnten ein Prozent Superreiche nicht mehr besitzen als die 99 Prozent der ärmeren Weltbevölkerung. Was der Krebsschaden dieses Systems ist und beherzte Operationen verlangt. Das angeblich stärkste, größte, christlichste und demokratischste aller Weltsysteme hat zum Beispiel nicht geschafft, den Frauen, die ja die größere Hälfte der Menschheit sind, ein gleichberechtigtes Dasein neben den Männern zu sichern.

Das beneidete Deutschland hat unter aktiver Mitwirkung der Sozialdemokratie in den 1960er bis 1980er Jahren nur einige Anpassungen an Ost- und Nordeuropa erreicht: Die Frauen dürfen ohne Einwilligung des Ehemannes berufstätig werden. Sie dürfen Extra- Parkplätze in den Tiefgaragen benutzen. Sie sollen, auch mit Kindern ohne Trauschein, nicht mehr geächtet werden. Misshandlung durch die Männer soll angezeigt werden. Das Grundgesetz verspricht ihnen gleiche Rechte – aber nicht gleiche Löhne. Da werden dann viele Rechte erwürgt. Das Bundesfamilienministerium schätzt die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen auf 21 Prozent. Selbst, wo eine Angleichung ertrotzt wurde, fehlen mindestens sechs Prozent. Doch seit Juni 2018 gibt es nun ein »Gesetz zur Förderung der Transparenz in Entgeltstrukturen«. Hosianna!

Aber Vorsicht: Transparenz heißt nicht Ausgleich. Wenn der Betrieb über 200 Leute beschäftigt, darf nun gefragt werden, wer nach welchen Kriterien wie bezahlt wird. Private Firmenchefs mit mehr als 500 Leuten sollen selber regelmäßig prüfen, wie sich die Entgeltgleichheit entwickelt. Wer den Bericht anzweifelt, kann drei Kollegen benennen, die – trotz vergleichbarer Qualifikation und Leistung – mehr als die klagenden Frauen verdienen. Da aber fast überall eine Schweigepflicht über Lohnabkommen besteht, wären die Ehrlichen wieder die Dummen. Dann folgen die üblichen Vorwürfe: Sie hätten Mechatronikerin werden sollen. Sie haben wegen der Kinder zwei Jahre pausiert. Sie wollten doch einen Teilzeit-Job!

Die Bunderepublik hat dreieinhalb Millionen Frauen mit Minijobs. Millionen Kinder leben am Rand der Armutsgrenze. Die Kitas reichen noch immer nicht. Die Ausbildung des Personals schon gar nicht. Wer als Mädchen auf Barbiepuppen dressiert wird, wird eher einen Model-Kurs anstreben als eine Technik-Schule besuchen. Die Mädchen haben zwar bessere Zeugnisse, aber schlechtere Chancen. In den Führungsetagen der DAX-Konzerne trifft man selten auf eine Managerin, trotz Quotengesetz. Der »Rat der Götter« bleibt unter sich. Andere Betriebe machen das etwas anders, nur eben zu selten sozial gerecht.

Wenn man bedenkt, wie viele spezielle Eingreiftruppen hierzulande die sogenannten »Gefährder« aus dem Netz der Terroristen verfolgen, dann wünschte man sich gegen die »Gefährder des sozialen Friedens« doppelt so viele Wachposten für Gauner wie Schlecker, für Karstadt bis Siemens, für Quelle bis Amazon. Die Degradierung der Frauen beginnt nicht auf der Lohnliste und endet nicht bei den faulen Witzen der Spaßmacher im Fernsehen.

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