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DISPUT

Feministische Fußstapfen

Von Frigga Haug

In diesem Land steht eine wie keine andere für den Kampf um die demokratische und soziale Teilhabe von Frauen: Clara Zetkin. Aber Moment, war nicht Clara Zetkin diejenige, die, wie übrigens auch Rosa Luxemburg, die Frauenfrage ganz und gar der Klassenfrage unterordnete? War nicht sie es, die in ihrer Zeitschrift Gleichheit und ihr ganzes Leben lang dafür agitierte, dass die Frauen in den Kampf der Arbeiterklasse eingereiht würden? Die dafür den Internationalen Frauentag ins Leben rief, über dessen Tradierung ebenfalls Widersprüchliches zu sagen wäre? Die Frau also, die, sehr vereinfacht gesprochen, für die Frauen der sogenannten bürgerlichen Frauenbewegung nichts übrighatte, eine »Schrulle«, wie Rosa sagte, »auf Sand gebaut«, wie Clara spottete?

Widersprüche

Ich wiegte mich die ganzen Jahrzehnte meiner politischen Arbeit über im Vorurteil, dass sie trotz Herausgabe der Gleichheit und ihrer Reden an Frauen eine einseitige Klassenkämpferin gewesen sei, von der wir Heutigen nichts gewinnen könnten. Woher hatte ich eigentlich mein Urteil? Ich habe früher mal geprüft, ob ich sie zu unseren Schulungstexten im Sozialistischen Frauenbund hinzufügen sollte, und mich dagegen entschieden. Aber das ist mehr als 40 Jahre her. Neue Lektüre ist dringlich. Ich nehme die Broschüre zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung – die meisten Texte 1905 geschrieben, aber spät, 1928 noch verschärft.

Und da steht es, wie ich es in Erinnerung habe: Die bürgerliche Frauenbewegung hat Klassencharakter und zwar den falschen, sie ist »eine ernste, gefährliche Macht der Gegenrevolution. Mit ihr kann, darf es keinen Kompromiss, keine Bundesgenossenschaft geben, sie muss geschlagen werden, damit die proletarische Weltrevolution siege«. Als ich 2013 den Clara-Zetkin- Frauenpreis der LINKEN für mein Lebenswerk überreicht bekam, war ich zunächst unsicher. In diese Fußstapfen sollte ich treten?

Ich verschaffe mir also einen Überblick. Ich lese Spiegelonline. Die Entscheidung war richtig, denn hier ist die Fundgrube, in der ich die Widersprüche finde, die mich nicht mehr loslassen. In wenigen groben Strichen wird der Zement gemischt, der den Antikommunismus des vorigen Jahrhunderts auf ewig festhalten soll. »Parteisoldat, radikal, autoritär, heißblütige Revolutionärin, kaltgestellt, an der Kremlmauer am Roten Platz beigesetzt, Stalin und Molotow trugen die Urne.« – Da sind die Zutaten überreichlich beisammen, die noch einmal Hass und totale Ablehnung aufrühren. Das kleine Wozu steht auch da: Sie ist »Ikone der Linken noch heute.« Der Artikel erschien zum 75. Todestag 2008. An ihm lässt sich gut studieren, wie der herrschende Konsens gebraut wird, mit welchen Gefühlen er spielt und wo also eingegriffen werden müsste.

Ein Beispiel: Dort lese ich, Clara Zetkin eröffnet 1932 als Alterspräsidentin des Deutschen Reichstags die konstituierende Parlamentssitzung; sie plädiert für eine Einheitsfront gegen den Faschismus, was ihr »die KPD-Führung diktiert«, der sie sich »gefügt« habe. Hier stimmt nichts. Es fehlt, dass ihr Plädoyer für die Einheitsfront gegen die Auffassung der KP-Führung ihr gerade den Vorwurf der Rechtsabweichung eingebracht hatte, sodass ihre Rede weder diktiert noch sie selbst fügsam sein konnte. Aber der Autorin, Tania Puschnerat – die selbst über Zetkin habilitierte – reicht die Verurteilung der über Siebzigjährigen nicht. Für die Feministinnen unter uns folgt der Verdammungssatz: »Sie war bis 1908 die populärste Theoretikerin der sozialistischen Emanzipationsbewegung. Deren These lautete im Wesentlichen: Die proletarische Frau hat sich – ungeachtet ihrer gesellschaftlichen Unterdrückung – von ihrer Mangelhaftigkeit zu befreien und sich durch Selbstfindung zur adäquaten Partnerin des revolutionär gestimmten Mannes heranzubilden.« Gegen die bürgerliche Frauenbewegung sei sie gewesen, weil sie »einem autonomen Lernprozess der Frauen nicht traute«.

Keine Phrasen

Ich gehe solch unverschämt billiger Hetze im Spiegel nicht weiter nach, sondern mache mich auf den umgekehrten Weg, eine andere Zetkin aus der Abfallgrube des alten Antikommunismus zu rekonstruieren.

 Zeichnen wir also in groben Strichen ein anderes Zetkinbild: Sie ist eine hinreißende Rednerin. Zu Versammlungen, auf denen sie spricht, kommen Tausende. Immer setzt sie an alltäglichen Fragen an und verfügt neben einem großen Pathos über die Gabe, sich in die Menschen hineinzuversetzen und ihnen so eine Sprache zu geben. Sie glaubt an das, was sie spricht und gewinnt so das Vertrauen der vielen. Sie vertritt nicht immer das Gleiche, vor allem keine bloßen Phrasen, aber ihre durchgehende Haltung und Parteinahme gelten der unbedingten, auch innerparteilichen Demokratie. Das macht sie unbeliebt bei all denjenigen, die sich weniger der sozialistischen Sache verpflichtet fühlen, als um Macht und Posten ringen.

Aber wie sieht sie ihre Frauenpolitik? Zunächst: Sie fordert, keine gesonderte Frauenpolitik zu machen, weil Frauenfragen Menschheitsfragen seien. Frauen seien als Geschlechtswesen anders als Männer, und als Menschen den Männern gleich. Dementsprechend sucht sie die Lebensbedingungen für Frauen so zu verändern, dass sie Zeit für eigene Entwicklung, fürs Lernen, fürs Politikmachen selber erstreiten und begreift »die moderne Frauenbewegung [als] Ausdruck für das Ringen der Frau nach der Entfaltung und dem Ausleben der Persönlichkeit. Naturgemäß musste diese Bewegung einsetzen mit einer Rebellion, einem Auflehnen gegen die Gemeinsamkeit, als deren Glied die Frau vor allem in Betracht kam, mit der Rebellion gegen die Familie«, da bisher »das Leben der Frau im Zeichen der Unterordnung unter die Familie« gestanden habe. Sie entwendet den Ausdruck »daheim «, auch für das Leben außerhalb des Hauses und kritisiert zugleich das bürgerliche Frauenbild. Aber die »Frau ist ›begehrlich‹ geworden. Sie will nicht unter dem Manne dienen, sondern neben ihm, mit ihm vorwärts schreiten, hohen Zielen entgegen. […] Sie beansprucht, in seiner Welt heimisch zu werden und ihm im Heim eine Welt zu erschließen.«

Gegen Lenins Verdikt, die deutschen Frauen sollten sich für die Revolution, statt für die sexuelle Frage und Sigmund Freud engagieren, protokolliert sie ihre Entgegnung: dass »die sexuelle Frage und die Ehefrage unter der Herrschaft des Eigentums und der bürgerlichen Ordnung vielgestaltige Probleme, Konflikte, Leiden für die Frauen aller sozialen Klassen und Schichten erzeuge. Sie will das »Recht der Frau, über sich selbst zu verfügen.« Sie ruft dazu auf, Kämpfe um Zeitverfügung und um die Verallgemeinerung der fürsorgenden Arbeiten auch auf Männer zu führen, dass sie mehr menschliche Seiten entwickelten: »Erschließt die Berufstätigkeit der Frau die Welt, so gibt sie dem Manne das Heim zurück. « Beide Persönlichkeiten würden bereichert, sodass auch »die Entfaltung des Mannes und die Möglichkeit vielseitigeren Auslebens für ihn« begünstigt werde. Sie plädiert für die »allgemeine Bildung aller, die als Menschen geboren sind, zu allem, was menschlich ist«.

Sie lebte für die sozialistische Politik, die sie immer mehr nicht ohne feministische auffassen konnte, und die sie praktisch gegen eine Art passiven Widerstand der antifeministischen Parteimänner erstritt. Sie schreibt und redet praktisch bis zu ihrem Tode, da sie fast nicht mehr sehen, nicht mehr laufen kann – zuweilen wird sie in einem Sessel auf die Rednertribüne getragen — und aus Schwäche kaum noch Stimme hat.

Was für ein Vorbild für uns, die wir feministische Politik in der LINKEN machen, ist Clara Zetkin. Sie verteidigt gegen alle Intrigen und Verleumdungen auch in der Parteiführung das Recht auf Kritik. »Vertrauen ist ohne scharfe, offene Kritik der Fehler und Mängel unmöglich.« »Internationale Disziplin und Solidarität sind nicht gleichbedeutend mit dem kritiklosen Beifallsklatschen und dem blinden Parieren, das auf selbständiges Urteil verzichtet.«

Frigga Haug ist eine der wichtigsten VordenkerInnen des marxistischen Feminismus.

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