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DISPUT

Diesel, Dussel und Demokratie

Feuilleton

Von Jens Jansen

Alle deutschen Kanzler wurden »Autokanzler«, selbst Frau Merkel. Kein Wunder, denn unser Land baut seit 132 Jahren viele Motorfahrzeuge.

1882 hatte Ford in Amerika damit begonnen und in den Jahren 1885/86 starteten Daimler und Benz in Deutschland. Alle fast zeitgleich, aber unabhängig. Denn das Credo des Kapitalismus sagt: »Konkurrenz belebt das Geschäft!« Doch nun heißt es: Denkste! Die Konkurrenten mauscheln und pokern im Kartell! Das Kartell ruiniert unsere stolzeste Wirtschaftsbranche! Aus elf Millionen Diesel-Fahrzeugen steigen giftige Dämpfe auf. Zum Teil die zehnfache Dosis, die in der EU erlaubt ist. Wie konnte das geschehen?

DIE LINKE hat es wieder mal leicht mit der Antwort, weil ihre rheinischen Vordenker schon vor 170 Jahren gewarnt haben: Die Bündelung von Kapital und Lenkung in immer weniger Händen erzeugt so viel Übermacht und Übermut, dass alle Geschäfts- und Moralnormen verkümmern. Oder wie meine Oma meinte: »Der Teufel scheißt stets auf den größten Haufen!«

Mich hat daher nicht überrascht, dass die fünf Elefanten – VW, Audi, Porsche, Mercedes und BMW, die unter fünf stolzen Firmenflaggen den Weltmarkt für Luxus-Limousinen beherrschen – sich gern mal in der Sauna oder im Golfclub treffen und tüfteln: Wo kaufen wir unseren Stahl? Was wollen wir dafür zahlen? Wen heuern wir als Zulieferer an? Was müssen die Ingenieure für unsere Dividende tun? Wie tricksen wir die Aufpasser in Berlin und Brüssel aus? Und wer hält uns die Elektroautos vom Hals?

Wer derlei plant, legt sich doch gleichzeitig mit fünf Ministern und zehn Staatsanwälten an! Da braucht man doch mächtige Kumpel? Drum warnten Marx und Engels im »Manifest«: »Die moderne Staatsgewalt ist nur ein Ausschuss, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet.« Oder wie Oma knurrte: »Wess Brot ich ess', des Lied ich sing.«

Es stinkt also nicht nur unter den Diesel-Autos, sondern auch unter der Kuppel des Reichtages und dem Dach des Kanzleramtes! Die Stickoxide würgen die Verkehrsteilnehmer und die Demokratie! Die Gesundbeter des Kapitalismus stehen am Kreuzweg: Gelingt es, die Opfer des schwelenden Abgasskandals mit den »Smarties« einer Entschädigung zu beruhigen, oder verlangen die Linken aller Schattierungen, die schon die »Ehe für alle« durchgesetzt haben, nun auch, die treulosen Auto-Bosse mit »Abführpillen« angemessen zu bestrafen? Oma würde sagen: »Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus!« Da muss man an die Nester gehen!

Ich fürchte, die Manipulierer machen Sonderschichten. Die SPD hilft als Landesteilhaber bei VW, Audi und Porsche. Die Grünen mit Landesvater Kretschmann bei Mercedes. Die CSU mit Alpenfürst Seehofer bei BMW. Ihr Verkehrsminister Dobrindt wird sagen: Ich habe nichts geahnt und Strafen sind Sache des Justizministers. Der ehemalige Wirtschaftsminister Gabriel wird warnen, dass die Autokonzerne das fünfzackige Diadem auf dem Kopf des Bundesadlers sind. Die Umweltministerin wird uns damit trösten, dass ab 2050 keine fossilen Brennstoffe mehr eingesetzt werden.

Mich macht aber stutzig, dass Paris und London schon 2040 aussteigen und China kaum später. Aber dann kaufen wir die E-Autos mit 1.000 Kilometer Reichweite eben von dort. Man fragt sich auch, wer bis 2050 die acht Kanzlerwahlen gewinnen wird? Womöglich regiert dann in Deutschland ein Nachfolger von Gregor Gysi oder eine Nachfolgerin von Sahra  Wagenknecht? Damit wäre dann die Kernfrage »Motorwechsel oder Systemwechsel« gelöst.

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