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Ronald Friedmann

Die SPD und der Panzerkreuzer

Vor neunzig Jahren führte die SPD Wahlkampf gegen den Panzerkreuzerbau, um ihn dann als Regierungspartei zu forcieren

Gerade einmal zehn Jahre nach dem Ende des bis dahin blutigsten Krieges der Weltgeschichte wollten die Herrschenden und die Regierenden in Deutschland mit dem Bau von Panzerkreuzern die verlorengegangene militärische Stärke zumindest auf einem Teilgebiet der Rüstung wiedererlangen. Zwar waren sich die Fachleute einig, dass das Konzept des Panzerkreuzers von der Zeit überholt war und dass der Kampfwert eines solchen Kriegsschiffes eher als gering einzuschätzen war. Doch da der Versailler Vertrag vom Frühsommer 1919 Deutschland rigorose Beschränkungen in der Rüstung auferlegte und Panzerkreuzer die größte noch erlaubte Klasse von Kriegsschiffen waren, wurde der Bau eines deutschen Panzerkreuzers zum Prestigeobjekt, das von der Reichsregierung und der bürgerlichen Reichstagsmehrheit nach Kräften unterstützt und gefördert wurde, obwohl in der Öffentlichkeit immer wieder Zweifel auftauchten, ob sich das krisengeschüttelte Deutschland solche Rüstungsausgaben überhaupt leisten konnte.

Im Reichstagswahlkampf 1928 trat die oppositionelle SPD daher mit der populären Losung »Kinderspeisung statt Panzerkreuzer« auf und verurteilte wiederholt und nachdrücklich die Entscheidung der bürgerlichen Reichstagsmehrheit, Zuschüsse für das tägliche Mittagessen in der Schule zu streichen, den Bau des kostspieligen und militärisch sinnlosen Panzerkreuzers hingegen zu finanzieren.

Die Reichstagswahlen wurden zu einem großen Erfolge für die SPD, die mit knapp 30 Prozent der Stimmen erneut stärkste Partei wurde und nach mehrwöchigen Verhandlungen eine Regierung der Großen Koalition unter dem sozialdemokratischen Reichskanzler Müller bilden konnte, der neben der SPD auch die Deutsche Demokratische Partei, das Zentrum, die Bayerische Volkspartei und Deutsche Volkspartei angehörten. Um die Bildung der Koalitionsregierung nicht zu gefährden, war die Frage des Panzerkreuzerbaus aus den Verhandlungen herausgehalten worden. Doch bereits im August 1928 stand das Thema auf der Tagesordnung der Regierung: Reichswehrminister Groener, ein enger Vertrauter von Reichspräsident von Hindenburg und erklärter Interessenvertreter des Militärs in der Reichsregierung, hatte offiziell die Bewilligung der ersten Rate für den Bau des Panzerkreuzers beantragt. Um eine Regierungskrise bereits in den ersten Wochen seiner Amtszeit zu verhindern, setzte Müller die Zustimmung des gesamten Kabinetts, einschließlich der drei sozialdemokratischen Minister, durch.

Die KPD, die im Reichstagswahlkampf ebenfalls gegen den Panzerkreuzerbau aufgetreten war, versuchte umgehend, die Gunst der Stunde zu nutzen und wie 1926, als ein Volksbegehren gegen die Fürstentschädigung zu einem großen politischen und organisatorischen Erfolg geworden war, eine Volksinitiative gegen den Panzerkreuzerbau auf den Weg zu bringen. Allerdings beteiligten sich bei diesem Vorhaben, anders als 1926, weder die SPD noch die Gewerkschaften, so dass das Volksbegehren letztlich scheiterte.

Doch die SPD war alarmiert und reagierte im Reichstag umgehend mit einem Antrag, den Panzerkreuzerbau grundsätzlich zu verbieten. Doch dieser Schritt wurde für die SPD zu einem parlamentarischen Debakel: Als am 15. November 1928 die Abstimmung im Reichstag stattfand, waren angesichts des geltenden Fraktionszwangs der Reichskanzler und die drei sozialdemokratischen Minister gezwungen, gegen einen Regierungsbeschluss zu stimmen, den sie wenige Wochen zuvor selbst gefasst hatten. Die bürgerliche Presse attestierte der SPD umgehend prinzipielle »Regierungsunfähigkeit«, zumal das Abstimmungsverhalten der sozialdemokratischen Regierungsmitgliedern nichts am Ausgang der Entscheidung änderte: Der sozialdemokratische Antrag wurde von der bürgerlichen Reichstagsmehrheit abgelehnt, der Panzerkreuzerbau ging weiter.

Am 19. Mai 1931 wurde der erste Panzerkreuzer vom Stapel gelassen und auf den Namen »Deutschland« getauft. Am 1. April 1933 erfolgte die Indienststellung. Während des Spanischen Bürgerkriegs vom 1936 bis 1939 wurde die »Deutschland« nach Spanien entsandt und spielte eine unrühmliche Rolle im Kampf gegen die Republik. Am 4. Mai 1945, unmittelbar vor Ende des Zweiten Weltkriegs, wurde das Schiff, das inzwischen »Lützow« hieß, beim Versuch der Selbstversenkung schwer beschädigt, aber nicht wirklich zerstört. Sein endgültiges Ende fand es am 22. Juli 1947, als es von Angehörigen der sowjetischen Baltischen Rotbannerflotte in der Ostsee versenkt wurde.

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