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DISPUT

Die »Rote Kapelle«

Von Ronald Friedmann

Die Hinrichtungen an diesem 22. Dezember 1942 waren exakt geplant: Zwischen 19.00 und 19.20 Uhr wurden Rudolf von Scheliha, Harro Schulze-Boysen, Arvid Harnack, Kurt Schumacher und John Graudenz im Vierminutentakt erhängt. Bereits am 15. Dezember 1942, dem Tag des Prozessauftaktes, war auf persönliche Anweisung Hitlers im Hinrichtungsraum des Gefängnisses in Berlin-Plötzensee ein Stahlträger mit Fleischerhaken angebracht worden, um entgegen den bis dahin geltenden gesetzlichen Bestimmungen Todesurteile durch Erhängen als besonders »entehrende« Strafe vollstrecken zu können. Zwischen 20.18 und 20.33 Uhr starben Horst Heilmann, Hans Coppi, Kurt Schulze, Ilse Stöbe, Libertas Schulze-Boysen und Elisabeth Schumacher im Dreiminutentakt unter dem Fallbeil.

Die elf an diesem Tag Ermordeten hatten zu einem losen Zusammenschluss von mehreren antifaschistischen Gruppen gehört, die – unabhängig voneinander – bereits seit 1933 auf unterschiedliche Weise Widerstand gegen das Naziregime geleistet hatten. Unter dem Eindruck des begonnenen Zweiten Weltkriegs und der akut drohenden Gefahr eines Krieges gegen die Sowjetunion fanden diese Gruppen in den Jahren 1940 und 1941 auf der Grundlage persönlicher, von großem gegenseitigem Vertrauen getragener Kontakte schrittweise zusammen und bildeten schließlich ein antifaschistisches Netzwerk, das etwa 150 Personen umfasste, unter ihnen sehr viele Frauen. Mehr als 70 von ihnen bezahlten ihren Mut mit dem Leben: Bis zum Herbst 1943 wurden 65 Todesurteile vollstreckt, vier Männer begingen in der Haft Selbstmord, um keine Mitkämpfer zu verraten, und mindestens vier weitere Widerstandskämpfer wurden ohne Prozess ermordet.

Die Mitglieder dieser informellen antifaschistischen Organisation gehörten verschiedenen, ja gegensätzlichen sozialen Schichten an und vertraten sehr unterschiedliche weltanschauliche Positionen. Unter ihnen gab es Intellektuelle, Ministerialbeamte, Künstler und einfache Arbeiter. Sie alle einte die grundsätzliche Ablehnung von Faschismus und Krieg.

Flugschrift verschickt

 Zunächst beschränkte sich ihr Wirken auf offene Diskussionen im kleinen Kreis über künstlerische und weltanschauliche Fragen, über die politische Lage und die Entwicklung in Deutschland sowie die Perspektiven für die Zeit nach dem Ende der Hitlerdiktatur. Sehr bald nahm der Widerstand konkretere Formen an. Es entstanden Dokumentationen, in denen akribisch Informationen über die Verbrechen des Naziregimes gesammelt wurden, und es wurde Hilfe für politisch und rassisch Verfolgte organisiert. Vor allem jedoch wandten sich die Mitglieder des Netzwerkes nun auch mit Flugblättern, Klebezetteln und Briefen an die Öffentlichkeit.

So wurde im Februar 1942 eine Flugschrift mit dem Titel »Die Sorge um Deutschlands Zukunft geht durch das Volk« in mehreren hundert Exemplaren per Post an zufällig ausgewählte Empfänger innerhalb Berlins versandt. In der sechsseitigen Schrift, die von Harro Schulze-Boysen, einem Offizier im sogenannten Luftwaffenführungsstab, und John Sieg, einem Kommunisten, gemeinsam verfasst worden war, hieß es unter anderem: »Ein Endsieg des nationalsozialistischen Deutschland ist nicht mehr möglich. Jeder kriegsverlängernde Tag bringt nur neue unsagbare Leiden und Opfer. Jeder weitere Kriegstag vergrößert nur die Zeche, die am Ende von allen bezahlt werden muss.« Und: »Das deutsche Volk braucht eine sozialistische Regierung der Arbeiter, der Soldaten und der werktätigen Intelligenz. Nur durch das entschlossene Zusammengehen der volksverbundenen Kräfte in der Wehrmacht mit den besten Teilen der Arbeiterklasse und der Intelligenz kann der herrschenden Partei das Heft aus der Hand gerissen werden.«

 Die Geheime Staatspolizei, die Gestapo, bezeichnete dieses Netzwerk als »Rote Kapelle«. Man ging in der Prinz-Albrecht- Straße fälschlicherweise davon aus, dass das Berliner Netzwerk Teil einer umfassenden sowjetischen Spionageorganisation war, die sich bis weit nach Westeuropa erstreckte. Tatsächlich hatten Arvid Harnack und Harro Schulze-Boysen wichtige militärische Informationen an den sowjetischen Nachrichtendienst weitergegeben, so den bevorstehenden Termin des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion. Doch sie taten das nicht als »gedungene Vaterlandsverräter«, sondern als Patrioten, die ihr Land vor dem drohenden Untergang bewahren wollten.

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