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DISPUT

Der Leserbriefschreiber

Hermann Thomas ist der mutmaßlich älteste DISPUT-Leser. Auch mit 98 Jahren liebt er es, das Zeitgeschehen zu kommentieren

Von Anja Krüger

Das Gehen fällt Hermann Thomas inzwischen schwer. »Ich komme ja nur noch wenig raus«, sagt er bedauernd. Doch das Geschehen außerhalb seiner vier Wände verfolgt der Rentner, der im Oktober 98 Jahre alt geworden ist, sehr aufmerksam. Er liest jeden Morgen zwei Tageszeitungen, das »neue deutschland« und die »Sächsische Zeitung«. Und nicht selten hat er danach das Bedürfnis, das Gelesene zu kommentieren.

Dann setzt er sich in dem kleinen Zimmer seiner 3-Raum- Wohnung an das Tischchen am Fenster und tippt einen Leserbrief in den Laptop. Rekordverdächtige 131 Schreiben waren es im vergangenen Jahr, ganz traditionell per Post und nicht per Mail an die jeweilige Redaktion verschickt. Das ist seine Form der Einmischung. »Aber nur 19 wurden abgedruckt«, sagt Hermann Thomas mit leichter Empörung in der Stimme.

Im Juli hat er auch an DISPUT geschrieben. Anlass war der Artikel von Ronald Friedmann über die »Rebellion in der Flotte« im Sommer 1917, als erstmals Matrosen der kaiserlichen deutschen Flotte gegen Krieg, Hunger und Schikanen protestierten. Hermann Thomas‘ Vater war auf der »Prinzregent Luitpold«, gemeinsam mit den im September 1917 als »Rädelsführer« hingerichteten Albin Köbis und Max Reichspietsch. Es war dieses Ereignis, das den bis dahin unpolitischen Matrosen »auf die revolutionäre Seite« wechseln ließ, berichtet Hermann Thomas. Als der Vater zurück nach Hause kam, war er Mitglied der USPD. Zur Einschulung trug der Sohn das Mützenband der Matrosenuniform seines Vaters an der Schulmütze.

Hermann Thomas wohnt in seinem Geburtsort Wilsdruff bei Dresden. Seine Lebensgefährtin ist vor einigen Jahren gestorben, seitdem lebt er allein. Seine Nenntochter schaut regelmäßig herein und versorgt ihn. Der Senior hat viel zu erzählen. Von seiner harten Jugend in der Weimarer Republik und seinen Aktivitäten bei den Roten Falken. Von der Nazizeit, als die Faschisten seinen Vater zweimal einsperrten. Von dem Leben in der DDR. Dass nach dem Zweiten Weltkrieg sein Vater und er voller Überzeugung für die Vereinigung von SPD und KPD waren. Dass er nach der Rückkehr aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft den Auftrag des Bürgermeisters abgelehnt hat, die örtliche Volkspolizei zu leiten. Oder wie er, der gelernte Holzmaler und Lackierer, der erste Preiskommissar für den Amtsbezirk Wilsdruff wurde.

1985 ging Hermann Thomas in den Ruhestand. Nach Mauerfall und Wiedervereinigung sah er sich wieder gefordert: Er baute die PDS-Basisgruppe mit auf und war bis Anfang der 2000-er Jahre für die PDS im Wilsdruffer Stadtrat aktiv. Die Politik in seiner Kommune kann ihn bis heute genauso in Rage bringen wie die im Bund. »Es müsste mehr Pfeffer da sein«, wünscht er sich mit Blick auf seine eigene Partei, DIE LINKE. An der Seite derer zu stehen, die Hilfe brauchen, ist für ihn eine Selbstverständlichkeit.

Vor kurzem schrieb Hermann Thomas an die die hiesige Heimatzeitung, deren Redakteur er selbst einst mal war. Es ging um einen Appell an die Bürgerinnen und Bürger, Geflüchtete freundlich und solidarisch aufzunehmen. Er erinnerte an die weitaus mehr Umsiedler, die Wilsdruff nach dem Ende des Krieges aufgenommen hat. »Was wir früher geschafft haben, wird man ja wohl heute erst recht schaffen können«, sagt er. Sein Text ist nicht abgedruckt worden. Persönlich ist er vorstellig geworden und hat nachgefragt, warum. Sonst müsse ja auch die Position der AfD daneben gestellt werden, lautete die Begründung. »Da bin ich aufgestanden und gegangen«, sagt Hermann Thomas.

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