Ronald Friedmann

Den Franquismus exhumieren

In der spanischen Öffentlichkeit wird derzeit mit großem Nachdruck über die Zukunft des gigantomanischen Franco-Grabmals diskutiert

Bereits im April 1939, nur wenige Tage nach der endgültigen Niederlage der Spanischen Republik, die sich fast drei Jahre lang gegen die blutigen Angriffe der Putschisten um General Francisco Franco verteidigt hatte, ordnete der spanische Diktator an, im Valle de Cuelgamuros, etwa eine Autostunde nordwestlich von Madrid, für die »Gefallenen des ruhmreichen Kreuzzuges«, wie er das massenhafte Abschlachten der Verteidiger der Republik höhnisch bezeichnete, eine monumentale Grabstätte zu errichten. Ein Jahr später begannen die Bauarbeiten. Fast zwei Jahrzehnte lang waren insgesamt mehr als 20.000 Zwangsarbeiter, von denen Dutzende bei Arbeitsunfällen ihr Leben verloren, damit befasst, ohne Hilfe schwerer Maschinen, faktisch in Handarbeit, eine künstliche Höhle in den Fels des Risco de la Navader zu schlagen und dort eine prunkvolle unterirdische Kirche, die Basilika de Santa Cruz, zu errichten. Sie ist bis heute mit 262 Meter Länge die längste Kirche der Welt. An ihrem Ende befindet sich eine 42 Meter hohe Höhle, in der sich bei der Einweihung im April 1959 zunächst nur das Grab von Primo de Rivera, dem Begründer der Falange, der spanischen faschistischen Bewegung, befand. Auf dem Gipfel des Berges, in dem sich die Basilika befindet, ließ Franco ein gigantisches Kreuz mit einer Höhe von 152 Metern und einer Breite von 46 Metern errichten.

Nach dem Tod Francos im November 1975 wurde auch dessen Leichnam in der Basilika bestattet. Bis heute wird über seinem Grab von Mönchen, deren Kloster Teil der Gesamtanlage ist, täglich eine Heilige Messe gehalten. In einem angrenzenden Schrein sind 34.000 »Gefallene« der faschistischen Bewegung aus den Jahren des Bürgerkriegs bestattet. Die Namen von 21.000 von ihnen sind bekannt und dokumentiert.

Bis 1983 erfolgten weitere 12.000 Bestattungen. In der Mehrzahl der Fälle handelte es sich um namenlose Opfer des Bürgerkriegs, unter ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach viele Verteidiger der Republik, die aus einem der zahllosen Massengräber geborgen wurden, die es bis heute überall in Spanien gibt.

Jährlich kommen etwa 250.000 Besucher in das »Valle de los Caídos«, das »Tal der Gefallenen«. Viele von ihnen sind Touristen aus dem In- und Ausland, die einfach die Neugier an diesen makabren Ort führt. Doch eine nicht geringe Zahl sind alte und neue Faschisten, für die das Grabmal Francos eine Kultstätte, ein »heiliger« Wallfahrtsort ist. Nicht zuletzt deshalb ist in der spanischen Öffentlichkeit eine Diskussion über die Zukunft des Franco-Grabmals entbrannt.

Seit rund 15 Jahren gibt es die – bisher vergebliche – Forderung, den Ort in ein Dokumentationszentrum der Franco-Diktatur umzuwandeln. Im Jahre 2007 beschloss das spanische Parlament ein »Gesetz über das historische Gedenken«, auf dessen Grundlage die Grabanlage »entpolitisiert« werden sollte. Allerdings scheren sich die profaschistischen Gruppierungen in Spanien kaum um das Verbot politischer Aktionen und Demonstrationen im Valle de Cuelgamuros, und sie haben von offizieller Seite bisher auch keine Sanktionen zu befürchten.

Doch in den letzten Wochen und Monaten gab es wichtige Entwicklungen. So kündigte die neue sozialdemokratische Regierung Spaniens im Juli an, noch in diesem Jahr die Gräber von Franco und Primo de Rivera im Valle der Cuelgamuros räumen und die beiden Toten an anderer Stelle bestatten zu lassen. Damit würde ein entscheidendes Hindernis beseitigt werden, um aus dem Franco-Grabmal tatsächlich einen »Ort der Versöhnung« zu machen, wie es das im vergangenen aktualisierte »Gesetz über das historische Gedenken« nun verlangt.

Doch insbesondere die Linkspartei Podemos will keine Versöhnung mit den Tätern, sie will die Würde der Opfer der Franco-Diktatur wiederherstellen. Deshalb, so heißt es in einem Positionspapier, das Podemos Ende September in Madrid vorgestellt hat, sei es notwendig, nicht nur Franco (und Primo de Rivera) zu exhumieren, sondern die spanische Gesellschaft endgültig vom Franquismus zu befreien, dessen monumentales und unübersehbares Symbol das Grabmal im Valle de Cuelgamuros sei.  

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