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DISPUT

Das Hamsterrad verlassen

Von Hilde Wagner

Die gesellschaftliche Bedeutung der aktuellen Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie ergibt sich aus dem Streit um Arbeitszeit: Wer bestimmt darüber, wie lange und wann von wem gearbeitet wird — und was darf das Ganze kosten? Aufgeworfen ist damit nicht nur die Frage nach der Verfügungsmacht über die Arbeitszeit, sondern auch die der Verfügung über Arbeits- und Lebenschancen. Die IG Metall steuert mit ihrer Arbeitszeitkampagne »Mein Leben — meine Zeit. Arbeit neu denken « und den Arbeitszeitforderungen in der aktuellen Tarifrunde erstmals seit Jahren tarifpolitisch gegen die anhaltende zeitliche Entgrenzung von Arbeit, die Flexibilisierung nach betrieblichen Belangen und dem zunehmenden Auseinanderdriften der Arbeitszeiten von Männern und Frauen.

Es geht dabei um Zeitsouveränität für die Beschäftigten, das heißt um Verfügungsrechte der Beschäftigten über ihre Zeit: um Arbeitszeiten, die zum Leben passen. Das ist ein bedeutender Schritt einer Gegenbewegung zu den Trends der Entwicklung von Arbeit und Arbeitszeit, die sich in erster Linie nach Unternehmens-und Wettbewerbsprämissen richten und in deren Folge wesentliche Lebensbedürfnisse der Beschäftigten unter die Räder zu geraten drohen.

Wie weit der Prozess der Entgrenzung von Arbeit bereits fortgeschritten ist, zeigen betriebliche Erfahrungen und Ergebnisse der Betriebsräte- und Beschäftigtenbefragungen der IG Metall 2016/2017 in aller Deutlichkeit. So dient der zeitlich flexible Einsatz der Beschäftigten nach Einschätzung der Betriebsräte zu 89 Prozent der Erfüllung von Kundenanforderungen und zu 83 Prozent einer optimalen Kapazitätsauslastung. Laut der Beschäftigtenbefragung mit 680.000 Antworten überschreiten 57 Prozent der Befragten ihre vertragliche Arbeitszeit, 27 Prozent arbeiten in ihrer Freizeit nach Kontaktaufnahme und 24 Prozent berichten von Arbeitszeiten zwischen 41 bis über 48 Stunden. Besonders belastet durch zunehmenden Leistungsdruck, lange Arbeitszeiten und Mehrarbeit sowie mangelnde individuelle Flexibilität sind Beschäftigte in Schichtsystemen und Beschäftigte mit Familienaufgaben wie Kinderbetreuung und Pflege.

Den Wünschen der Beschäftigten stehen diese Entwicklungen diametral entgegen. Zwei Drittel der Befragten wollen Arbeitszeiten von 35 Stunden oder weniger, fast die Hälfte würde eine reale 35-Stunden-Woche präferieren. Arbeitszeiten im Bereich von 21 bis 34 Stunden wünschen sich 17 Prozent der Befragten, aber nur 5 Prozent haben sie vertraglich vereinbart. Dabei sind es nicht nur Frauen, die sich für kürzere Arbeitszeiten aussprechen, auch 14 Prozent der Männer – obwohl mit nur 3 Prozent in diesem Bereich vertreten – möchten sie.

In der Realität driften die Arbeitszeiten zwischen Männern und Frauen immer mehr auseinander. Obwohl Teilzeit ohne Rückkehrrecht häufig eine berufliche und finanzielle Sackgasse ist, steigen die hohen Teilzeitquoten von Frauen weiter an. Der Wunsch nach existenzsichernder Arbeit und besserer Vereinbarkeit ist bei Frauen wie Männern riesig: Fast 90 Prozent möchten ihre tägliche Arbeitszeit kurzfristig an ihre privaten Bedürfnisse anpassen können und gut 82 Prozent sagen, dass es ihnen wichtig ist, vorübergehend ihre Arbeitszeit absenken zu können.

 Dies fand Eingang in die Forderungen der aktuellen Tarifrunde der IG Metall: Neben einer Erhöhung der Entgelte um 6 Prozent geht es um einen individuelles Recht, die Wochenarbeitszeit bis zu zwei Jahre auf bis zu 28 Stunden reduzieren zu können und einen finanziellen Zuschuss für Beschäftigte mit besonderen Arbeitsbelastungen und für jene, die sich um die Betreuung von Kindern oder pflegebedürftige Angehörige kümmern. Letzteres ist wichtig, damit auch Beschäftigte in unteren Entgeltgruppen sich eine Verringerung ihrer Arbeitszeit leisten können.

Mit diesem Forderungspaket werden Antworten auf mehrere Interessenlagen und Lebensbedürfnisse gegeben. Angesichts zunehmender Verdichtung, Flexibilisierung und Entgrenzung von Arbeit benötigen die Menschen Zeit, damit Belastungen nicht überhand nehmen und die Gesundheit gefährdet wird. Arbeit bleibt wichtig, aber das Privatleben, soziale Beziehungen, Familie und weitere persönliche Interessen, etwa im Bereich von Kultur und Politik, sollen nicht einfach untergeordnet werden. Die Menschen möchten ihr Leben nicht wie im Hamsterrad verbringen, sondern auch Zeit für sich und die Gemeinschaft haben. Die Rollenbilder haben sich verändert, Frauen wollen sich nicht mehr vorwiegend um Kind und Küche kümmern und (manche) Männer möchten sich nicht mehr ganz raushalten. Zeitliche Wahloptionen und »kurze Vollzeit « können und sollen Frauen beim Einstieg in eine existenzsichernde Erwerbstätigkeit unterstützen und ermöglichen Frauen und Männern eine gerechtere Verteilung auch von Sorge- und Hausarbeit. Es geht damit um Schritte in Richtung eines neuen »Normalarbeitsverhältnisses«, das die Lebensbedürfnisse der Beschäftigten in verschiedenen Lebensphasen und ihre Orientierung an einem stärker selbstbestimmten und partnerschaftlichen Leben beinhaltet und Voraussetzungen für deren Realisierung schafft.

Die Arbeitgeber und ihre Verbände stellen sich quer. Sie fordern eine weitere Erhöhung von Arbeitszeiten und die Abschaffung bisheriger Zuschläge sowie auf der gesetzlichen Ebene ein Aufweichen der Schutzregelungen des Arbeitszeitgesetzes. Sie wollen die »Hoheit über die Arbeitszeit « nicht aus der Hand geben. Stärkere Verfügungsrechte der Beschäftigten über ihre Zeit und kürzere Arbeitszeiten mit Entgeltzuschüssen für zentrale gesellschaftliche Aufgaben sind ihnen ein Dorn im Auge. Die bekannte Macht- und Verteilungsfrage erscheint in neuem Gewand.

 Am Schluss der zugespitzten Tarifauseinandersetzung, in der erstmals in der Geschichte 24-stündige Warnstreiks den Druck auf die Arbeitgeber erhöhen, wird ein Kompromiss stehen (bei Redaktionsschluss dauerten die Verhandlungen noch an). Ist dieser ein Schritt in eine zukunftsweisende Richtung, indem er dem grenzenlosen Profitstreben und der Ökonomisierung der gesamten Gesellschaft eine Perspektive entgegenstellt, die mehr Zeit zum Leben — in und außerhalb der Arbeit — sowie sinnvolle und gute Arbeit für alle ermöglicht, dann wäre Ermutigendes für den weiteren Kampf um Arbeitszeit gewonnen.

Hilde Wagner ist Arbeitszeitexpertin im Bereich Betriebspolitik beim Vorstand der IG Metall 

Das Ergebnis :

Die Gewerkschaft IG Metall und die Arbeitgeber in Baden- Württemberg haben sich auf einen Tarifvertrag geeinigt. Die Einigung gilt als Pilotabkommen für die Branche. Der Abschluss ist sehr kompliziert. Ab April 2018 werden die Löhne und Gehälter um 4,3 Prozent steigen, hinzu kommen eine Einmalzahlung für Januar bis März und für 2019 ein Festbetrag sowie ein neues tarifliches Zusatzgeld.

In Bezug auf die umstrittene Möglichkeit zur Senkung der Arbeitszeit haben IG Metall und die Arbeitgeber folgendes vereinbart: Beschäftigte mit Kindern bis acht Jahren, zu pflegenden Angehörigen oder in Schichtsystemen können ab 2019 wählen, ob sie statt des tariflichen Zusatzgelds acht freie Tage haben wollen. Zwei Tage davon tragen die Arbeitgeber bei.

Beschäftigte können ab 2019 ihre Arbeitszeit für maximal 24 Monate auf bis zu 28 Wochenstunden absenken. Nach Ablauf des vereinbarten Zeitraums kann sich der Beschäftigte erneut dafür entscheiden. Allerdings müssen Beschäftigte, die weniger arbeiten, Lohneinbußen hinnehmen. Im Gegenzug zur Möglichkeit kürzer zu arbeiten, können die Arbeitgeber in vergleichbarem Umfang nun mehr Arbeitsverträge bis zu 40 Wochenstunden abschließen. Alternativ wählbar ist ein Modell des Gesamt-Arbeitszeitvolumens. Werden die vereinbarten Arbeitszeitbestimmungen überschritten, erhält der Betriebsrat neuerdings ein Widerspruchsrecht.

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