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Das achte Weltwunder

Von Jens Jansen

Als der Bundestag die »Ehe für alle« freigab, feierten das die bislang Benachteiligten und ihre Verbündeten wie ein Weltwunder. Die Kanzlerin hatte bei der Veranstaltung einer Frauenzeitschrift einen »Notausgang« gegen die Umzingelung der klerikalen Sittenwächter unter ihren Parteifreunden gefunden: Die Aufhebung des Fraktionszwanges bei der Abstimmung. Sie hatte das berechtigte Gefühl, dass man die Volksmehrheit von 83 Prozent Sympathisanten für die Zulassung von Homo-Ehen nicht ignorieren darf. Und so kam es dann zu einer Zwei-Drittel-Mehrheit von LINKEN, Grünen, Sozialdemokraten und Freidenkern aus der CDU- und CSU-Fraktion.

Nun fragt man sich: Wie wäre es mit sieben weiteren Wundern, auf die etwa 80 Prozent der Wähler seit Langem warten: Eine gerechte Reichensteuer, die Rückkehr zum Sozialstaat, die Heimkehr der deutschen Soldaten von allen Schlachtfeldern, die Ablehnung höherer Rüstungsetats, die Annullierung der Hartz-Gesetze, die Bändigung der Kinder- und Altersarmut, die Normalisierung der Beziehungen zu Russland und China… So könnte Deutschland wirklich ein Wunderland in Wohlstand und Frieden werden. Der Parteitag der LINKEN zeigte den Weg

Die legendären »Sieben Weltwunder« entstanden übrigens lange vor der Zeitrechnung und dennoch zügiger als viele heutige Großbauten: Der 133 Meter lange Tempel in Ephesos; der Leuchtturm vor Alexandria, so hoch wie der Kölner Dom; die »hängenden Gärten« in Babylon oder die Pyramiden bei Giseh, die seit fünf Jahrtausenden allen Stürmen trotzen. Und das alles ohne Computer.

Neulich las ich, dass eine Lehrerin ihre Schüler um eine eigene Rangliste der Weltwunder gebeten hatte. Da wurden die Wolkenkratzer von New York, der Panamakanal, das Smartphone, die Beatles und mehr genannt. Doch eine Schülerin wurde nicht ganz fertig und dennoch belobigt: Sie nannte als größtes Wunder, dass sie sehen, hören und riechen kann, dass sie spürt, wenn man ihre Hand streichelt. Das Wunder sei also sie selbst, und was sie aus sich macht.

Das machte die Lehrerin und die Mitschüler nachdenklich. Mich auch. Doch dann hätte ich das Mädchen gerne gefragt: Was ist, wenn deine Sehkraft nachlässt? Dann brauchst du medizinische Hilfe. Und wenn du die Tropfen nicht bezahlen kannst? Wenn Diabetes deine Sinne durcheinander bringt? Das sind ja Volkskrankheiten geworden. Besonders da, wo es an Wasser und Brot fehlt. Da reicht dann kein Streicheln der Hände. Da müssen Brunnen gebaut, Kliniken errichtet, Ärzte ausgebildet werden. Das gelingt nicht, wenn korrupte Beamte das Geld in andere Taschen lenken. Auch nicht, wenn du dann mit einem Pappschild vor deren Büros stehst. Das ist der Pfiff einer Maus. Gegen Macht hilft nur Übermacht. Es gibt also kein ICH ohne das WIR!

Diese Erde teilen sich 194 Staaten. Davon zählen sich 20 Bestimmer zu den Reichen und Starken. Wenn die Menschen in den 174 ärmeren Staaten genau so leben wollten, bräuchten wir drei Erdkugeln in Reserve. Das kümmert die Superreichen wenig, sonst hätten nicht 85 Familien mehr Vermögen als die ärmere Welthälfte. Wir dürfen uns also nicht wegducken, sondern müssen uns einmischen für eine andere Politik. Die G20-Gegner hatten deshalb ihre Zelte in Hamburg aufgeschlagen. Sie mahnten, dass 23 Millionen Afrikaner verhungern, während die 20 »Weltenlenker« über mehr Waffen berieten.

Das Mädchen, das die Weltwunder in seinem Innersten entdeckt hat, trifft ja keine Schuld. Aber sie darf nicht kurzsichtig werden. Ihre Lehrer und Schulbücher, Radio- und Fernsehsender, Eltern und Facebook- Freunde dürfen keine »Nebelwerfer « sein, die den Blick für die Ursachen und Folgen der Weltkrisen trüben. Sonst kann sie auch mit allen ihren guten Gaben nicht glücklich werden. Wir brauchen mindestens noch 700 Weltwunder. Und die sind machbar! 

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