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DISPUT

Berlinale: politisches Kino

Ob der Prozess gegen die brasilianische Präsidentin Rousseff, die Geschichte der Volksbühne oder die Not von Geflohenen — viele Beiträge spiegeln linke Debatten

Von Katrin Voss

Frauen ab dem 35. Lebensjahr haben es schwer, auf die Leinwand zu kommen. Ab 50 sind sie in Hauptrollen eine Rarität. Die Berlinale, Deutschlands wichtigstes Filmfestival, hat sich in diesem Jahr erfreulicherweise gegen diesen Trend gestellt. Bei den Filmfestspielen im Februar in Berlin waren auffallend viele Filme mit Frauen als Protagonistinnen zu sehen. Filme, in denen Frauen nicht auf die vereinfachte Darstellung einer Mutterfigur oder der komischen Alten reduziert werden, sondern eine spannende Geschichte haben. Mit der hohen Anzahl von Beiträgen von Regisseurinnen und vielen Diskussionsrunden über Sexismus in der Filmbranche setzte die Berlinale ein Zeichen zur aktuell geführten Me-Too-Debatte.

Ohnehin ist die Berlinale ein politisches Filmfestival. Viele Beiträge sind die künstlerische Übersetzung linker Debatten. Seit 20 Jahren gibt es den Panorama Publikumspreis, bei dem Zuschauerinnen und Zuschauer Filme bewerten können. Die beste Publikumsbewertung erhielt in diesem Jahr der Dokumentarfilm The Silence of Others. Der Film setzt sich mit den Forderungen der Opfer des Franco-Regimes in Spanien von 1936 bis zu seinem Tod 1975 und darüber hinaus auseinander. Das 1977 erlassene Amnestiegesetz in Spanien verhinderte eine Strafverfolgung der Verantwortlichen und vereitelt bis heute eine Aufarbeitung der Vergangenheit. Aber genau dafür setzen sich Opfer und Hinterbliebene ein. Sie müssen gegen massive Widerstände vorgehen. Besonders der Faktor Zeit spielt für die meisten Beteiligten eine Rolle. Die zeitliche Verzögerung und juristische Verhinderung werden zur wichtigsten Strategie auf Seiten der Täter.

Mit Partisan, dem zweiten Platz der Publikumsbewertung, ist eine umfassende Dokumentation der Geschichte der Berliner Volksbühne seit 1992 gelungen. Der Film ist viel mehr als eine Auseinandersetzung mit dem ehemaligen Intendanten Frank Castorf. Die Interviews mit den Mitgliedern des Ensembles und den Bühnen- und Kostümbildnern und die Blicke hinter die Kulissen zeichnen ein sehr komplexes Bild des Theaters. Der Film gewährt Einblicke in die gewaltige Kraft des kreativen Theaterprozesses, der von einer einzigartigen Identifikation aller daran Beteiligten getragen wurde. Wir werden Zeuge einer vergangenen Ära des Theaters und bedauern diesen Untergang.

Zeitdokument

Als ebenso großes Schauspiel im Sinne eines Justizdramas lässt sich der Film O processo beschreiben, der dritte Platz der Publikumsbewertung. Der Film begleitet den Prozess gegen die ehemalige Präsidentin Brasiliens, Dilma Rousseff, und gewährt einen tiefen Einblick in die Hintergründe. Zuschauende sind bei der Entwicklung der Strategien der Anklage und der Verteidigung dabei und verfolgen wichtige Prozesstage. Vor allem demaskiert der Film das als legitim deklarierte Verfahren als einen illegitimen Prozess. Er wird damit zu einem wichtigen Zeitdokument.

Auch politische Spielfilme zeichnete das Publikum aus. Mit Profi le begeben wir uns in die digitale Welt, in der Frauen aus Europa durch IS-Kämpfer in Syrien angeworben werden. Eine Journalistin schlüpft in die Rolle einer jungen Konvertitin, samt Fake-Facebookprofi l und lässt sich auf ihr neues Umfeld ein. Es dauert nicht lange, bis sich der smarte Islamkämpfer bei ihr meldet.

Wie das Segelboot der Protagonistin auf den Wellen des Ozeans beim Sturm schaukelt, so aufgewühlt werden auch die Emotionen der Zuschauerinnen und Zuschauer im Film Styx. Die Notärztin nimmt sich eine Auszeit, um allein in ihrem Segelboot die afrikanische Küste entlang zu fahren. Sie sucht eine paradiesische Insel und stößt mitten im Meer auf ein übervolles Flüchtlingsboot. Es scheint seit längerem manövrierunfähig zu sein. Niemand ist bereit, zu helfen. Styx ist ein unglaublich starker Film, getragen durch die herausragende Darstellung des Charakters von Susanne Wolff. Der Film lädt zu einer moralischen Auseinandersetzung ein, die lange nachwirkt.

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