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DISPUT

Auflösung

Von Ronald Friedmann

Ende Mai, Anfang Juni 1943 trafen in Moskau zahlreiche Funksprüche, Telegramme und sogar Briefe aus aller Welt ein, die stets den selben Inhalt hatten: Die Führungen der Kommunistischen Parteien auf allen fünf Kontinenten stimmten dem unerwarteten, aber nicht wirklich überraschenden Beschluss der Führung der Kommunistischen Internationale vom 15. Mai 1943 zu, die ein knappes Vierteljahrhundert zuvor gegründete Weltpartei »als leitendes Zentrum der internationalen Arbeiterbewegung aufzulösen und die Sektionen der Kommunistischen Internationale von den aus dem Statut und den Beschlüssen der Kongresse der Kommunistischen Internationale entspringenden Verpflichtungen zu entbinden.«

Die Geschichte der Kommunistischen Internationale hatte offiziell am 5. März 1919 mit einer nachträglich zum Gründungskongress erklärten Zusammenkunft von etwa 60 in- und ausländischen Delegierten in Moskau begonnen. Ende Dezember 1918 hatte Lenin eine Liste der Parteien und Organisationen zusammengestellt, die einzuladen waren. Entscheidendes Kriterium waren das solidarische Verhältnis zu Sowjetrussland und das Bekenntnis zur Sowjetmacht.

Rosa Luxemburg hatte vergeblich vor einer vorschnellen Gründung gewarnt. Sie sah die Gefahr, dass die russischen Bolschewiki, beflügelt und scheinbar legitimiert durch ihre erfolgreiche Revolution, die kommunistische Weltbewegung nicht nur führen, sondern letztlich dominieren würden, mit unabsehbaren Folgen.

Tatsächlich spielte die Kommunistische Internationale in den ersten Jahren ihres Wirkens eine wichtige Rolle bei der Formierung und Entwicklung revolutionärer Parteien in allen Teilen der Welt. Doch spätestens mit dem Beschluss über die »21 Bedingungen« für die Aufnahme in die »Weltpartei« vom August 1920 wurde deutlich, dass »Moskau« – wie von Rosa Luxemburg befürchtet – die Mitgliedsparteien in ein enges politisches und organisatorisches Korsett zwingen würde. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten bestimmten ausnahmslos die Moskauer Gremien das Tun und Lassen der Mitgliedsparteien, und spätestens mit dem Ende der revolutionären Nachkriegskrise im Jahre 1923 wurden unter der Losung der Verteidigung des »Sozialismus in einem Land« die innen- und außenpolitischen Interessen der Sowjetunion, die sich fest in der Hand Stalins befand, zum Maßstab.

Die verhängnisvollste und folgenreichste politische Fehlleistung der Kommunistischen Internationale war die Verteufelung der Sozialdemokratie als »sozialfaschistisch«. Sie wurde zum Hauptfeind erklärt, dessen Vernichtung die Voraussetzung für den erfolgreichen Kampf gegen den Faschismus sein sollte. Die KPD, die stärkste und einfl ussreichste Kommunistische Partei außerhalb der Sowjetunion, folgte dieser Linie nicht nur, sondern war eine ihrer energischsten Verfechterinnen.

Der Siebente Weltkongress im Sommer 1935 stellte einen letzten Versuch dar, angesichts der weltgeschichtlichen Niederlage des Jahres 1933, des Machtantritts des deutschen Faschismus, eine neue Strategie und Taktik der internationalen kommunistischen Bewegung zu entwickeln. Die antifaschistische Volksfrontpolitik wurde auf die Tagesordnung gesetzt und den Mitgliedsparteien eine größere Eigenverantwortung zugestanden. Doch die Moskauer Prozesse der Jahre 1936 bis 1938 entzogen der Volksfrontpolitik die notwendige Basis. Der sogenannte Hitler-Stalin-Pakt vom August und September 1939 versetzte ihr den Todesstoß.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt sah Stalin die Existenz der Kommunistischen Internationale nur noch als Hindernis für die Außen- und Sicherheitspolitik der Sowjetunion. Einen ersten Hinweis auf das bevorstehende Ende der Kommunistischen Internationale gab der Austritt der KP der USA aus der »Weltpartei« im November 1940, der ohne Zustimmung »Moskaus« nicht hätte erfolgen können. Nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion im Juni 1941 beschränkte die bereits weitgehend paralysierte Kommunistische Internationale ihre Tätigkeit auf die auslandspropagandistische Unterstützung des sowjetischen Verteidigungskrieges.

Mit dem historischen Sieg in der Schlacht von Stalingrad im Februar 1943 sah Stalin den Augenblick gekommen, sich von der ungeliebten kommunistischen »Weltpartei« endgültig zu verabschieden. Denn seine westlichen Bündnispartner, insbesondere die USA und Großbritannien, erwarteten ein politisches Entgegenkommen. Folglich erhielt die Spitze der Kommunistischen Internationale am 8. Mai 1943 aus dem Büro Stalins die Anweisung, einen Beschluss zur (Selbst-) Auflösung vorzubereiten. Eine Woche später lag dieser Beschluss vor: Auch der letzte Akt in der Geschichte der Kommunistischen Internationale wurde ausschließlich von den Wünschen »Moskaus« bestimmt.

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