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DISPUT

Auf dem Gipfel des Berges

Von Ronald Friedmann

Am 2. Juli 1964, beinahe einhundert Jahre nach der offiziellen Aufhebung der Sklaverei in den USA, unterzeichnete der damalige US-Präsident Lyndon B. Johnson den Civil Rights Act. Das Bundesgesetz mit Verfassungsrang verbot diskriminierende Lese- und Schreibtests vor Wahlen für schwarze US-Amerikaner ebenso wie die Rassentrennung in öffentlichen Einrichtungen. Das US-Justizministerium wurde mit allen erforderlichen Vollmachten ausgestattet, dieses Gesetz notfalls auch gegen den Willen einzelner Bundesstaaten durchzusetzen. Zu den Ehrengästen der feierlichen Zeremonie im East Room des Weißen Hauses gehörte Martin Luther King, ein Baptistenprediger aus Atlanta im US-Bundesstaat Georgia, der zu dieser Zeit bereits der unbestrittene Führer der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung war.

Martin Luther King wurde am 15. Januar 1929 in der Familie eines Baptistenpredigers und Bürgerrechtlers geboren. Wie sein Vater schlug er nach dem Studium zunächst eine kirchliche Laufbahn ein, und wie sein Vater wurde er zu einem engagierten Verteidiger der Bürgerrechte, insbesondere schwarzer Menschen. Während seines Studiums hatte sich King nicht nur mit den Schriften von Plato, John Locke, Jean-Jacques Rousseau und Aristoteles befasst, sondern auch die Werke von Karl Marx studiert. Besonders eng fühlte er sich dem Wirken des großen indischen Patrioten Mahatma Gandhi verbunden, dessen Verbindung von konsequent gewaltlosem Widerstand und Sorge für den Nächsten für ihn selbst zur Maxime seines Lebens wurde.

Seinen Platz fand King, als er gemeinsam mit Rosa Parks im Verlaufe des Jahres 1956 den Busboykott von Montgomery organisierte: Die damals 42 Jahre alte Rosa Parks hatte sich geweigert, in einem städtischen Bus ihren Sitzplatz für einen Weißen freizumachen. Sie wurde festgenommen und vor Gericht gestellt. Ein Jahr lang verweigerte die schwarze Bevölkerung Montgomerys daraufhin die Benutzung der Busse – man ging zu Fuß, benutzte das Rad oder bildete Fahrgemeinschaften. Am 13. November 1956 erklärte der Oberste Gerichtshof der USA die Rassentrennung in den öffentlichen Verkehrsmitteln von Montgomery für verfassungswidrig.

Zwischen 1957 und 1968 hielt King mehr als 2.500 öffentliche Reden, die von mehr als sechs Millionen Menschen gehört wurden. Er klagte nicht nur die bestehenden Verhältnisse an. Er forderte immer wieder zu Aktionen des – unbedingt gewaltfreien – zivilen Ungehorsams auf und stellte sich immer wieder selbst an die Spitze solcher Aktionen.

Am 28. August 1963 hielt Martin Luther King auf einer Kundgebung vor dem Lincoln Memorial in Washington, dem Höhepunkt des »Marsches nach Washington für Arbeit und Freiheit«, vor mehr als 250.000 Menschen, unter ihnen etwa 60.000 Weiße, die berühmteste Rede seines Lebens: »I have a dream« – »Ich habe einen Traum«. Keine andere Rede des 20. Jahrhunderts hatte eine solche Bedeutung für die Entwicklungen ihrer Zeit.

1964 erhielt King im Alter von gerade 35 Jahren den Friedensnobelpreis. In der Begründung des Nobelpreiskomitees in Oslo hieß es, King sei der »erste Mensch in der westlichen Welt, der uns zeigte, dass ein Kampf auch ohne Gewalt geführt werden kann. Er war der erste, der in seinem Kampf die Botschaft von der brüderlichen Liebe Wirklichkeit werden ließ.«

Sehr früh rief das Wirken Martin Luther Kings das FBI, die US-amerikanische Bundespolizei, auf den Plan. Über Jahre hinweg wurde King rund um die Uhr überwacht. Seine Post wurde gelesen, seine Telefongespräche wurden abgehört. Immer wieder entsandte das FBI Provokateure, um den gewaltfreien Protest durch Akte der Gewalt zu diskreditieren.

Das FBI war auch zugegen, als Martin Luther King am 4. April 1968 auf dem Balkon seines Hotels in Memphis mit einem einzigen Schuss getötet wurde. Der von der Polizei präsentierte Schütze war ein Kleinkrimineller, der bis zu diesem Tag kein Gewaltverbrechen begangen hatte, so dass sofort Zweifel an seiner Alleintäterschaft auftauchten. Tatsächlich urteilte ein Gericht in Memphis im Jahre 1999, dass King das Opfer einer Verschwörung unter Beteiligung von US-Regierungsbehörden war. Doch dieses Urteil blieb ohne Folgen. Martin Luther King hatte stets in dem Bewusstsein gelebt, dass sein Leben in ständiger Gefahr war. Doch er habe keine Angst vor dem Tod, hatte er nur Stunden vor dem Mordanschlag erklärt. Denn er habe durch die Gnade Gottes bereits auf dem Gipfel des Berges gestanden und das Gelobte Land gesehen.

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